Jason Bourne trifft Thomas Bernhard: „Die Murau Identität“

Breaking News: Thomas Bernhard ist gar nicht tot, er lebt under cover auf Mallorca. Geleakt hat das Enthüllungsjournalist Alexander Schimmelbusch, genau rechtzeitig zum angeblichen 25. Todestag am 12. Februar 2014 – & liefert auch gleich eine plausible Erklärung mit: „Bernhard war nicht nur der berühmteste Schriftsteller, sondern auch der größte Star Österreichs, noch vor Falco, gleichzeitig das größte Hassobjekt. Der pure Stress also. Er konnte nicht einfach wie Handke nach Serbien oder wie Kracht nach Burundi verschwinden. Bernhard musste einen Schritt weiter gehen“.

Moment mal – das war jetzt nicht ganz korrekt. Gefunden wurde Bernhard tatsächlich vom fiktiven Enthüllungsjournalisten Alexander Schimmelbusch, obiges Zitat stammt jedoch aus einem Interview mit dem realen Schriftsteller Alexander Schimmelbusch. Dessen neuesten Roman „Die Murau Identität“, erschienen beim Berliner Verlagsstartup Metrolit, kann man nämlich lesen wie eine Reportage. Dem Ich-Erzähler namens Schimmelbusch wird gleich zu Anfang ein Kuvert zugesandt, in dem sich die versiegelten Reiseberichte von Bernhards Verleger befinden. Die erlauben nur einen Schluss: Bernhards Tod im Jahr 1989 war gefaket, um unter dem Alias Franz-Josef Murau ein neues Leben zu beginnen.

Irgendwie hätte ja auch „Matt Damon“ gepasst, sieh „Bourne Identität“. Bernhard-Leser allerdings wissen: Murau heißt der Protagonist der „Auslöschung“, dem letzten Roman des Meisters. Wie passend. Nach der „Auslöschung“ der Autorenexistenz mutiert Berhard also zur eigenen Romanfigur. Auf der Suche nach Murau trifft Schimmelbusch zunächst in Manhattan auf Bernhards Sohn Esteban („seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, nur sieht er viel besser aus, wenn auch auf eher unseriöse Weise, als habe man Bernhard mit Julio Iglesias gekreuzt, oder mit Zorro sogar“). Der gerade mal zwanzigjährige leitet einen Hedgefonds namens „Wolfsegg Capital“. Wieder ein Signal für Bernhard-Leser: denn an diesem Ort spielt die Original-„Auslöschung“.

New York dagegen steht am Beginn der „Auslöschung“ zweiter Ordnung: hier verfolgt der fiktive Misanthrop in seinem Hotelzimmer die Inszenierung des eigenen Todes, terrorisiert den Roomservice und liest die eigenen Nachrufe. 25 Jahre später ist Bernhard 2.0 immer noch da: In einem Küstenort der mallorquinischen Tramuntana trifft Schimmelbusch einen eleganten alten Mann, der nicht nur redet wie Bernhard, sondern auch ein neues Manuskript vorweisen kann: „Ànima Negra“ eine Art Autobiografie des eigenen Nach-Lebens. Ach ja, schön wär’s. Und deswegen ist auch „Die Murau Identität“ äußerst lesenswert…

Alexander Schimmmelbusch,
Die Murau Identität
Metrolit (Januar 2014), epub/mobi
Preis: 12,99 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".