Kurze Texte, schnelles Geld: Kindle-Single-Sparte als Millionengeschäft

Alle reden über Amazons Self-Publishing-Plattform KDP, doch der Online-Händler ist längst zu einem erfolgreichen Verlag mutiert – unter dem Label „Kindle Singles“ werden ausgewählte Kurztexte zwischen 5.000 und 30.000 Zeichen vermarktet, meist zu einem Preis von 2 Dollar oder weniger (siehe „Submission Policy“). Das Konzept geht auf: Schon Ende 2012, knapp zwei Jahre nach dem Start, waren bereits 4 Millionen Singles verkauft worden, inzwischen soll die 5 Millionen-Marke in Sicht sein – und Amazon schreibt mit dem vermeintlichen Nischengeschäft schwarze Zahlen.

In einem NYT-Artikel gab es diese Woche ein paar Einblicke in das Quasi-Verlagsgeschäft von Amazon, an dessen Spitze mit David Blum ein Publizistik-Profi steht, der sich vor wenigen Jahren noch um kränkelnde Wochenzeitungen wie Village Voice oder New York Press kümmerte.

„Mr. Blum macht eigene Titelvorschläge, oder pickt sich die Rosinen aus den mehr als 1000 Manuskripten heraus, die jeden Monat hereinkommen. Er macht die verlegerische Arbeit und hilft bei der Auswahl von Coverentwürfen mit.“

Ähnlich wie bei KDP kann zwar jeder Autor einen kurzen Sachbuchtext oder einen Roman an Amazon schicken – doch das Verlagsprogramm der Kindle Singles ist handverlesen.

„Mr. Blum versucht, das Markenprestige zu bewahren, in dem er die Zahl der angebotenen Titel stark limitiert. Obwohl das digitale Bücherregal von Amazon prinzipiell unbegrenzt ist, wurden bisher nach Angaben des Unternehmens gerade einmal 345 Singles veröffentlicht.“

Was Amazon mit den Kurzstrecken-Texten gelungen ist, subsummiert Nate Hoffelder zu recht mit dem Begriff „Disintermediation“:

„Aus dem selben Grund hat Amazon die KDP-Plattform gegründet, aber im Fall der Kindle Singles ist das Unternehmen noch in weitaus größerem Maß ein Ersatz für Verlage, statt nur ein Bypass, der um sie herum gelegt wird.“

Allerdings nutzen die Verlage auch selbst das Kindle Single Programm, um eine größere Reichweite zu haben. Ein gutes Beispiel ist Lee Childs Bestseller „Second Son“ – mehr als 250.000 mal wurde das E-Book heruntergeladen. In diesem Fall wurde der Deal zwischen Amazon und Lee Childs Verlag geschlossen – und das hat sich gelohnt, über keinen anderen Kanal wurde das Buch so oft verkauft.

Auch für die Self-Publisher im Kindle Single-Universum dürfte Reichweite eine ebenso große Rolle spielen wie die attraktiven Tantiemen von 70 Prozent – jedes dritte Kindle Single hat sich nach Angaben von Amazon mehr als 10.000 mal verkauft, bei jedem zwölften Titel wurden mehr als 50.000 Downloads gezählt.

Außerdem dürfte viele AutorInnen natürlich die vergleichbar kurze Zeitspanne reizen, innerhalb derer sich via Kindle Single ein Titel auf den Markt werfen lässt – wie im Fall von Stephen King, der auf eines der letzten US-Schulmassaker mit dem 8000-Zeichen-Essay „Guns“ antwortete:

„Dabei wählte er die Singles wegen der Geschwindigkeit. Eine Woche, nachdem King das Manuskript eingereicht hatte, war es lektoriert, mit Cover versehen und bereit für den Online-Verkauf.“

Inzwischen hat Amazon das Kindle-Single-Konzept auch auf Großbritannien ausgedehnt, außerdem gibt es bereits eine Abteilung für spanische Titel. Ein entsprechendes deutschsprachiges Angebot dagegen existiert noch nicht – doch es dürfte jedoch nur eine Frage der Zeit sein, bis nach dem erfolgreichen Start von KDP auch ein lokales Label für Kindle-Kurztexte entsteht.

(via NYT & The Digital Reader)

Abb. Titelseite: flickr/Tax Credits (cc) / Abb. Artikel: Screenshot

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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