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Schlagschatten der Vergangenheit – Lena Sander, Memory Effekt [Leseprobe]

24 Jun 2015 0 Kommentare

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Aus der langjährigen Ehehölle entkommt die psychisch labile Mia Kronen in die Ruhe eines Sanatoriums. Doch als sie in der Zeitung ihre eigene Todesanzeige entdeckt, gerät ihr Leben erneut aus den Fugen. Verbirgt sich dahinter eine weitere Intrige ihres ebenso genialen wie brutalen Ehemannes, oder steckt etwas anderes dahinter? Je näher sie der Wahrheit kommt, desto grausamer wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Ganz ähnlich geht es Psychologin Dr. Linda Schwarz – nach einem Unfall ist ihr Ehemann ins Koma gefallen, und hat in seinen traumlosen Schlaf ein schreckliches Geheimnis mitgenommen. Im Sanatorium treffen beide Frauen aufeinander, und müssen erfahren: ihre Schicksale sind eng miteinander verknüpft. Doch was ist es, das beide Frauen gemeinsam haben? Auch in ihrem neuesten Psycho-Thriller „Memory Effekt“ schont Bestseller-Autorin Lena Sander unsere Nerven nicht. Unter anderem Namen hat die Freiburgerin schon mehrere humorvolle Bücher veröffentlicht, seit ihrem Debüt „Zersetzt“ erweist sie sich auch als Meisterin der Spannung, die unter die Haut geht. Unsere Leseprobe führt direkt ins zweite Kapitel, in dem Mia Kronen die eigene Todesanzeige entdeckt. Was davor (und danach) geschieht, verrät die Blick ins Buch-Option im Kindle Store.

Lena Sander, Memory Effekt

2. Kapitel
Februar 2015 – Das Sanatorium

Die Erinnerungen verfolgten sie und wollten sich auch nicht abschütteln lassen. Was sagte die Therapeutin? Es braucht Zeit, viel Zeit …
Sie öffnete den Mund, in dem sich noch der letzte Bissen ihres Frühstücksbrötchens befand, um ihrer Tischnachbarin die Antwort auf deren Frage: »Und warum sind Sie hier, im Sanatorium?« zu geben. Dazu kam sie nicht mehr. Der Bissen blieb ihr im Hals stecken. Auch die nächste Frage: »Ist Ihnen nicht gut?«, konnte sie nicht einmal mit einer Geste beantworten. Sie hustete und rang nach Luft. Mit zittriger Hand versuchte sie, ihre Kaffeetasse zurück auf den Unterteller zu stellen. Die Tasse entglitt und zersprang auf dem Boden in unzählige Scherben.
»Kein Problem«, sagte James, ein Mitarbeiter des Sanatoriums, beruhigend. »Ich hole etwas zum Aufwischen.« Er, der gute Geist des Hauses, James, wie er sich selbst zu nennen pflegte. Keiner kannte seinen richtigen Namen. Wenn er danach gefragt wurde, winkte er ab, zwinkerte und sagte: »Der beste Butler heißt immer James.« Der groß gewachsene, schlaksige Kerl kümmerte sich um viele Belange der Kurgäste. Tatsächlich wie ein guter Butler, der wusste, was seine Gäste gerade benötigten. Sie hatte sich schon oft gefragt, ob James kein Zuhause hatte. Sie hatte den Eindruck, dass er immer gerade dann anzutreffen war, wenn man ihn brauchte, nicht nur in dem barocken Speisesaal, dessen Spiegelwände jedem vorgaukelten, dass der Raum um ein Vielfaches größer sei.
»Haben Sie sich verbrüht, gnäʼ Frau, kann ich Ihnen behilflich sein?« Sie fuhr auf ihrem Stuhl herum. James schüttelte eine gefaltete Serviette auf und legte sie ihr auf die durchnässte Hose.
»Danke.« Aus dieser Nähe waren seine tiefen Pockennarben gut erkennbar und die frische Schnittwunde, die er sich bei seiner morgendlichen Nassrasur zugezogen haben musste.
»Benötigen Sie die noch?«, war die nächste Frage von James. Er zeigte auf die Tageszeitung ihres Tischnachbarn, die mit Kaffee befleckt war. Ein Schwall seines Rasierwassers zog in ihre Nase – Tabac. Sie hustete erneut, konnte nicht antworten und klatschte ihre Hand mitten auf das nasse Papier.

Es gab viele Gründe, warum sie sich in diesem Sanatorium befand. Hier, in diesem alten Haus, dessen Innenarchitekt ein Verwandter König Ludwigs des Sechzehnten gewesen sein musste. War sie doch heute Morgen von ihrem Tischnachbarn, Herrn Silberkron, der sie gerade schockiert ansah, auf Mitte dreißig geschätzt worden. So rechtfertigte anscheinend allein schon ihr Aussehen diese Kur.
»Ich hätte Ihnen die Zeitung auch so gegeben, junge Frau. Die ist eh schon einige Tage alt. Sie hätten sie nicht extra mit Kaffee tränken müssen.« Herr Silberkron lächelte, schüttelte die letzten Tropfen ab und reichte ihr das nasse Papier.

Ein Trugbild. Das, was sie zuvor nur aus dem Augenwinkel hatte erkennen können, war bestimmt eine Täuschung – ganz sicher. Sie nahm die Zeitung in die Hand, schlug sie auf und starrte wie paralysiert auf die Anzeige:

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Plötzlich wurde die Welt um sie herum aus den Angeln gehoben. Es fühlte sich an, als stünde sie auf einer Hängebrücke. Den tiefen Abgrund vor Augen, dünne Seile, die kaum einen Halt boten, und morsche Holzplanken, die beim nächsten Schritt nachgeben und ihr den Weg in die Tiefe eröffnen würden. Die Kaffeeflecken flossen vor ihren Augen ineinander und bildeten abstruse Formen. Der ausgestreckte Zeigefinger, den sie jetzt sah, deutete auf ein Wort. Dieses eine Wort sprang aus der Zeitung direkt auf ihre Stirn, fraß sich durch die Haut, suchte sich den Weg über ihre Gehirnwindungen und brannte sich tief in ihr Gedächtnis.
»Verstorben.« Wie auf einer großen Leuchtreklametafel blinkten die Buchstaben. Sie, Mia Kronen, sie, die gerade mit achtundzwanzig Jahren einen Kuraufenthalt angetreten hatte, war tot.

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Copyright Cover & Leseprobe: Lena Sander
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin.

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Lena Sander, Memory Effekt – Psychothriller
E-Book (Kindle) 0,99 Euro

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