Martin-Buehler-Schattenlicht-Biografischer-Roman

Wahres Leben zur falschen Zeit: Schattenlicht – Ein biografischer Roman [Leseprobe]

buehler-schattenlicht-introAm Anfang stand ein Dachbodenfund: als Martin Bühler sein Elternhaus entrümpelte, entdeckte er in einer Holzkiste ein Manuskript – plötzlich hielt der Autor die Lebensgeschichte seines verstorbenen Vaters in den Händen, die von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit reicht. Und damit einen detailreichen Blick in die Vergangenheit bot, der den Sohn überwältigte: „Als ich die Aufzeichnungen zum ersten Mal ausführlich las, wurde mir erstmals bewusst, was Nationalsozialismus wirklich heißt. Die Entwicklung des Nationalsozialismus ist förmlich zu riechen“, so Bühler. Aus dem Manuskript machte der Sohn eine Roman-Trilogie mit dem Titel „Schattenlicht“ – erzählt aus der Perspektive seines Vaters Matthias Bühler. Teil 1 von „Schattenlicht“beschreibt Kindheit und Jugend in Balzhausen, einem Dorf auf der schwäbisch-bayerischen Hochebene, aber auch die Folgen der „Machtergreifung“ in der Provinz, die Lehrjahre in einer Kemptner Gärtnerei, und endet mit dem schockierenden Erlebnis der „Reichskristallnacht“ in Stuttgart. Im jetzt erschienenen Teil 2 von „Schattenlicht“geht die Erzählung weiter – und damit auch Matthias Bühlers Kampf gegen die sozialisierenden Instanzen: mühsam und gegen den Willen der Eltern macht Bühler noch nach Kriegsbeginn sein Abitur, es gelingt ihm sogar, ein paar Semester Chemie zu studieren, dann wird er nach einer Ausbildung als Fernmelder endgültig zum Fronteinsatz eingezogen, zunächst nach Norwegen. Doch als sein NS-kritisches Tagebuch in die falschen Hände gerät, wird er strafversetzt an die Ostfront… Unsere Leseprobe führt an den Beginn des zweiten Teils – mehr verrät die „Blick ins Buch“-Optionim Kindle-Store.

Martin Bühler, Schattenlicht – Teil 2

(…)
Den regierenden Nationalsozialisten lag die Bildung der Jugend am Herzen. In jeder größeren Stadt gab es ein Bildungszentrum, wo begabte Jugendliche kostenlos im Internat das Abitur nachholen konnten, sofern sie sich im Beruf bewährt hatten. Ich musste einsehen, dass ich bei aller Anstrengung meine Hochschulreife unmöglich schaffen konnte, denn Wohnung und Essen in der Stadt waren einfach zu teuer.
Ich sprach beim Rektor vor, er musterte kritisch meine Unterlagen. Er war mit allem zufrieden. Zum Schluss fragte er mich ganz beiläufig nach meinem Hitlerjugend-Ausweis.
Es hielt dies anscheinend bei einem strebsamen jungen Mann für selbstverständlich. Ich war erschrocken und gab schüchtern an: „Ich bin nicht dabei.“ „Warum nicht?“ „Mein Vater hat es mir nicht erlaubt.“ „Was, in deinem Alter lässt du dich am Gängelband deines Vaters führen!“ Ihm stieg die Zor nesröte ins Gesicht. „Solche Feiglinge können wir nicht gebrauchen! Für die Gemeinschaft hast du noch nie etwas getan und jetzt willst du auf Staatskosten als Schmarotzer studieren. Nein, niemals!“ Er schob mir unwirsch meine Zeugnisse hin und ließ mich stehen. Wie ein verprügelter Hund zog ich ab.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Sinnend setzte ich mich auf eine einsame Parkbank hinter dem Bahnhof. Ich fühlte trostlose Einsamkeit. Meine Mutter hatte mir das Knabenseminar in Dillingen vermasselt, weil ich nicht brav und fromm genug war. Und jetzt, jetzt musste ich die letzten Hoffnungen auf eine gediegene Ausbildung begraben; weil ich nicht böse genug war und mich nicht einordnete in das Heer der braunen Horden. Ich bemitleidete mich selbst, ich verstand die Welt nicht mehr. Zum ersten Male kam ich zu der Einsicht, dass der Weg nach oben nicht mehr über Fleiß und Wissen führt, sondern mit Ellenbogen erkämpft werden musste.
Nach Wochen der Resignation fasste ich wieder neue Pläne. In Stuttgart gab es eine private Oberschule. Ich ließ mich dort beraten; ich konnte drei Monate zur Probe aufgenommen werden. Nach dieser Zeit musste ich mich für zwei Jahre Schule verpflichten. Ich kündigte meine Stelle und trat in die Schule ein. Die meisten waren Schüler, die in der staatlichen Schule keinen Erfolg gehabt hatten. Ich fühlte mich schon als „alter Knabe“ zwischen diesen Kindern. Meine Fortschritte waren hervorragend, denn hier gab es einen gezielten Stundenplan mit begabten Lehrern. Das Vierteljahr ging zu Ende. Obwohl ich die meiste Zeit hungerte, das Geld hätte höchsten noch ein halbes Jahr gereicht. Ich fragte daheim an, ob sie mir das Geld vorschießen könnten, ich würde es später zurückzahlen. Bisher hatte immer mein Vater geantwortet. Doch diesmal kam ein geharnischter Brief in der ungelenken Schrift meiner Mutter. Sie las mir die Leviten. „Was willst du denn noch alles anfangen? Andere verdienen seit Jahren schon Geld und du willst jetzt nochmal was Neues beginnen, wo deine Altersgenossen schon Geld erspart haben. Wir besitzen selbst kein Geld, von uns kannst du nichts erwarten“. Diesen Brief hatte mein Vater mit Sicherheit nicht gesehen, denn er wäre mit dieser Art der Abweisung nicht einverstanden gewesen. Was blieb mir übrig, ich musste nach drei Monaten die Schule verlassen. Damit konnte ich meine Einberufung zum Arbeitsdienst nicht hinausschieben; genau so wenig die Musterung zum Militär.

Copyright Cover & Leseprobe: Martin Bühler
Veröffentlichtung mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Über Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".