Der Autor als Haiku-Maschine: Rick Moody twittert einen Roman in 160 Folgen

rick-moody-twitterfiction-contemporary-characters-electric-literature1Getwittert wird immer und überall. Doch ein ganzer Roman? Rick Moody hat es gewagt. Der New Yorker Autor machte Anfang Dezember den Twitter-Feed der Online-Zeitschrift „Electric Literature“ für drei Tage zum Bewusstseinsstrom seiner Romanfiguren. Eigentlich war es eher eine Kurzgeschichte: Insgesamt 160 Tweets erzählten über „Some Contemporary Characters“ – die Geschichte eines Blind Dates auf dem Weg zwischen New York und Coney Island.

„Das ist so, als würde man am laufenden Band Haikus schreiben“

„How short can the short story get?“, fragte das Wall Street Journal einen Tag vor Beginn des Experiments. Doch wenn jemand prädestiniert zum Twitter-Romancier ist, dann Rick Moody. Schließlich gilt der 1964 geborene Autor mittlerweile als Meister der amerikanischen Kurzgeschichte. Zuletzt erschien von ihm 2008 ein Erzählband mit dem Titel „Paranoia“ (engl.: Right Livelihood), dessen Texte einen Blick auf das Amerika nach dem 11. September erlauben, irgendwo steckengeblieben zwischen innerer Emigration, Post-Trauma und Verschwörungstheorien. Den meisten Menschen innerhalb und außerhalb der USA dürfte Moody aber immer noch als Autor des Romans „Ice Storm“ bekannt sein, der unter dem selben Titel von Star-Regisseurin Aung Lee verfilmt wurde. Doch ob Roman oder Kurzgeschichte, wer als Autor statt mit einer Manuskriptseite plötzlich mit den 140 Zeichen eines Micro-Blogging-Dienstes zu tun hat, steht vor ganz neuen Herausforderungen. „Das ist so, als würde man am laufenden Band Haikus schreiben“, fasste Moody vorab das Projekt gegenüber der New York Times zusammen. Aber das sei eben auch die Aufgabe von Schriftstellern – bisherige Ausdrucksformen sprengen, neue Ausdrucksformen finden.

Rick Moody belauscht den Twitter-Feed seiner Romanpersonen

rick-moody-twitterfiction-electric-litarature-contemporary-characters-bild_flickr_smathAm 30 November ging es los – „This is an experiment in participatory ePublishing, please feel free to RT the story“ hieß es um 10 Uhr vormittags im Twitter-Feed von Electric Literature. Dann übernahm für 72 Stunden die Stimme des Autors das Kommando. „Es gibt Dinge in dieser berechenbaren und abgehärmten Welt, die kann man nur auf kleinstem Raum, mit einem Minimum an Personen und Buchstaben erzählen“, lautet der erste Satz. Dann überlässt der Erzähler die Geschichte den beiden Hauptpersonen – einem alternden Intellektuellen und einer jungen Frau, die sich online in einem Coffee Shop mitten in New York verabredet haben. „Wir machten ein Date aus. Sagte, er hätte ne ‚unübliche Vorstellung von Zeit‘. Und siehe da – er tauchte tatsächlich nicht auf“ twittert sie. „Hab drei Tage auf sie gewartet. Immer wieder. Zugegeben, es waren die falschen Tage“, twittert er. Und so geht es weiter. Rick Moody wählt eine naheliegende Perspektive: es sieht so aus, als würde der Autor die Online-Gezwitscher seiner Romanpersonen belauschen. Irgendwann treffen sich die beiden natürlich dann doch. Die Namen der Personen erfährt man bis zum Ende nicht. Aber man bekommt eine gewisse Vorstellung. „Dünnes Haar und fünfzehn Pfund Übergewicht… Naja, ein totaler Schlumpi war er auch nicht“. „So ein Jeans-mit-Rock-drüber-Typ, ziemliche Oberweite, drei Haarfarben, keine davon echt.“ Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Oder vielleicht einer Romanze?

Nach 160 Tweets heißt es: „Thanks for reading“

Um es kurz zu machen: Die beiden werden sich wieder treffen, zusammen nach Coney Island fahren, und sie werden Sex haben. Oder jedenfalls fast. In knapp 160 Tweets hat Moody diesen Älterer-Mann-trifft-jüngere-Frau-Plot bis zur bitteren Neige erzählt. Am späten Nachmittag des 2. Dezembers hieß es dann: „Thanks for reading.“ 160 Tweets – das ergibt insgesamt nicht mehr als 20.000 Zeichen. Die Grenze für Kurzgeschichten in der für das iPhone optimierten Online-Zeitschrift „Electric Literature“ sind normalerweise sogar nur 8000 Zeichen. Verglichen damit ist Moodys Twitterfiction wirklich schon fast ein Roman. Und ein äußerst erfolgreicher dazu: “Wir bekamen auf unserem Feed mehr als 10.000 Follower dazu,” freute sich Electric-Literature-Mitherausgeber Andy Hunter nach dem letzten Tweet. “Es gab sieben mal mehr positive als negative Kommentare. Wir waren also äußerst erfolgreich damit, Twitter als ein Instrument zu benutzen, um Literatur an möglichst viele Leute heranzubringen.“ Moody selbst will allerdings in Zukunft lieber wieder ohne das 140-Zeichen-Limit schreiben – das Twitter-Experiment bezeichnete er gegenüber dem Wall Street Journal eher als Werbe-Kanal für konventionelle Literatur: „Ich hoffe so etwas bringt die Leute wieder an echte Bücher heran, ich glaube an das Buch als Form. Alles andere hat letztlich doch immer so einen Gimmick-Charakter. Egal ob zu Hause oder unterwegs, ich lese echte Bücher, Blackberry oder Kindle, das ist nichts für mich.“

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".