„Review in Peace“, Harriet Klausner: Amazons umstrittene Viel-Leserin & -Rezensentin ist tot

harriet-klausner-amazons-viel-rezensentin-ist-totDer Kunde ist König, das ist schnell gesagt. Was diese Binsenweisheit im Zeitalter von Online-Plattformen wie Amazon wirklich bedeutet, zeigt sehr schön das Beispiel Harriet Klausner. Die ungekrönte Königin der belletristischen Kundenrezensionen hat in knapp 15 Jahren mehr als 31.000 Buch-Reviews verfasst und mehr als hunderttausend Sternchen verteilt. Doch nun ist Schluss, fünf Sterne für John Benedicts Thriller „Adrenalin“ blieben die letzten – wie Teleread berichtet, verstarb Klausner Mitte Oktober im Alter von 63 Jahren.

Seit 2000 freischaffende Amazon-Reviewerin

Die ehemalige Bibliothekarin, geboren in der New Yorker Bronx, hatte schon in ihrem ersten Job regelmäßige Buchbesprechungen geschrieben, nach der Geburt ihres Sohnes wurde sie dann endgültig zur Freelancerin in Sachen Book-Reviews. Das war im Jahr 2000, mitten in den ersten Boomjahren von Amazon.com – zum Erfolg des umtriebigen Online-Buchhändlers leisteten Kundenrezensionen und Sternchen-Bewertungen bekanntlich einen entscheidenden Beitrag.

„Ich bin Schnelleserin von Geburt an“

Klausner hatte damit ihre Nische gefunden, und füllte sie konsequent aus: „Ich bin Schnelleserin, eine angeborene Gabe, und lese zwei Bücher pro Tag“, kann man in ihrem Amazon-Profil lesen. Anderen Quellen zufolge waren es sogar vier bis fünf. Was aber wohl auch genreabhängig sein dürfte. In einem Interview gab die Turbo-Rezensentin mal zu Protokoll: „Haben Sie schon mal einen Liebesroman von Harlequin gelesen? Da ist man in einer Stunde durch“.

Wiederverkauf von Lese-Exemplaren als Businessmodell

Pressebilder zeigen Klausner zwischen Stapeln von Taschenbüchern – auch ein dezenter Hinweis auf ihr Geschäftsmodell. Denn da rasche Reviews und möglichst viele Sternchen immer noch das A und O beim Launch von Neuerscheinungen sind, schickten ihr viele große und kleine Verlage Vorabexemplare en masse, angeblich sogar mehr als 50 pro Woche. Klausner lebte vom Wiederverkauf der Titel auf Plattformen wie half.com (Claim: „Sell your stuff“), und sicherlich auch vom Medien-Echo bis hin zu Wall Street Journal und Time Magazine.

Viele Kunden fühlten sich düpiert

Die typische Klausner-Rezi war kurz gehalten: drei kurze Absätze, inklusive einer knappen, oft sehr oberflächlichen Inhaltsbeschreibung, und am Ende ohne Ausnahme eine vier- oder fünf Punkte-Bewertung. Was dann regelmäßig zu Protesten in den Kommentaren führte, sogar eine eigene Klausner-Watchgroup bildete sich unter düpierten Amazon-Kunden. „Jeder in unserer Gruppe wurden schon mal von einer ihrer Reviews zum Kauf von Büchern verleitet“, zitierte die New York Times 2012 eine Leserin.

„Review in Peace“

2012 war zugleich das Jahr, in dem Amazon endlich auf Kundenproteste (siehe etwa die „Sock Puppet“-Kampagne) sowie Presseberichte reagierte und die Review-Richtlinien deutlich verschärfte. Klausner verschwand aus den Augen der Öffentlichkeit, rezensierte aber trotz alledem fleißig weiter. Ihr Tod wurde nun weder von Zeitungen gemeldet, noch zeigte sich die Leser-Welt respektvoll erschüttert, eher im Gegenteil – „Review in Peace“ war das freundlichste, was man auf Amazon.com lesen konnte. Am besten trifft es wohl Chris Meadows auf Teleread: „She was an important part of the history of Amazon, and deserves to be be remembered as such“.

(via Teleread & Motherboard)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".