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[e-book-review] Retourkutsche aus dem All (Frank Kemper, „Red Bullet“)

Der Kalte Krieg gibt auch Jahrzehnte nach seinem Ende noch guten Stoff für Verschwörungs-Thriller ab. Ganz gleich, ob es sich beim thematischen Re-Entry nun um geheimnisvolle U-Boot-Sichtungen in der Ostsee handelt wie bei Henning Mankells „Feind im Schatten“ oder um eine plötzlich im Meer auftauchende Sojus-Kapsel wie bei Frank Kempers „Red Bullet“. Der Münchner Tech-Journalist hat den Plot-Point am Beginn seines Roman-Erstlings geschickt inszeniert: die rostige Kapsel mit CCCP-Abzeichen wird von finnischen Fischern aus dem Meer gezogen – offenbar schwamm sie mehr als 40 Jahre durch den Atlantik. Auf neutralem Boden in Helsinki identifizieren Fachleute sie als frühes Modell der Sojus-Landemodule, scheinbar authentisch. Es gibt nur ein Problem: von den drei Exemplaren, die jemals gebaut wurden, vermissen die Russen gar keins. Doch wessen mumifizierte Überreste befinden sich dann in den Raumanzügen, die in der Kapsel zu sehen sind?

In den USA bricht einigen Veteranen bei NASA, Militär und Geheimdiensten der Schweiß aus. Während der 60er Jahren gab es eine Geheimoperation mit dem Codenamen „Red Bullet“, die weitaus mehr bezweckte als nur Industriespionage. Offiziell wird der junge NASA-Pressesprecher Ray Higgins nach Finnland geschickt, begleitet von der Fernsehmoderatorin Fiona Mulholland. Inoffiziell ziehen ganz andere die Fäden. Schon bevor die Kapsel unter den kritischen Augen von NASA-Vertretern und russischen Experten geöffnet wird, überschlagen sich die Ereignisse: Zeitzeugen werden ermordet, Akten zerstört, und nicht zuletzt versuchen finstere Mächte, die finnische Ministerpräsidentin Marita Artikanen zu erpressen – sie fordern den Abtransport der Sojus-Kapsel in Richtung Houston.

Bevor alle Beweise vernichtet werden können, erhält das internationale Ermittlerteam unerwartete Hilfe, nämlich von den Russen. Das klassische Freund-Feind-Schema des Kalten Krieges wird in „Red Bullet“ zunächst einmal kräftig umgekrempelt, nichts ist mehr, wie es scheint. Allerdings: Wenn die die Sojus-Kapsel nicht echt sein kann, was will man dann in Moskau damit? Was ist in den Sechziger Jahren wirklich geschehen – wie weit reicht die Verschwörung? Frank Kemper hält die Spannung gekonnt über 600 Seiten aufrecht und lässt den Leser bis zum Ende rätseln. Auf 600 virtuellen Seiten wohlgemerkt, denn „Red Bullet“ gibt’s bisher nur im Kindle-Shop. „Ich habe das Manuskript einer Reihe von Verlagen angeboten, die eine Hälfte hat mit einem nichtssagenden Formschreiben abgesagt, die andere noch nicht einmal das“, so Kemper auf seinem Blog. Ärgern muss sich Kemper aber wohl nicht – denn erfolgreiches Self-Publishing ist bekanntlich die beste Retourkutsche.

Apropos Retourkutsche – wie man auf Kempers Blog auch erfahren kann, war das Vorbild für „Red Bullet“ ein authentischer Fall: Ende der Sechziger Jahre soll ein sowjetischer Fischtrawler „zufällig“ die Trainingsversion einer Apollo-Kapsel aus dem Golf von Biskaya gezogen haben. Einige Jahre später jedenfalls, so viel ist aktenkundig, schickten die Amerikaner dann ein Frachtschiff nach Murmansk, um genau solch ein abhandengekommenes Artefakt abzuholen, das sich im Besitz der Sowjets befand.

Frank Kemper,
Red Bullet
E-Book (Amazon Kindle)
6,94 Euro

Abb.: Coverfoto

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „[e-book-review] Retourkutsche aus dem All (Frank Kemper, „Red Bullet“)“

  1. Eine tolle Geschichte – interessantes Thema spannend erzählt bis zur letzten „Seite“. Ich kann es nur empfehle und hoffe auf weitere Bücher aus der Feder von Kemper.

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