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Unerkannt durch Gauklerland: Jeanette Lagall, „Die Reise des Karneolvogels“ [Leseprobe]

18 Sep 2015

reise-des-karneolvogels-jeanette-lagallIm viktorianischen England, kurz vor der Jahrhundertwende: Riki und Mira droht eine arrangierte Hochzeit, die beiden höheren Töchter fliehen aus ihrem Mädchenpensionat, verkleiden sich als Knaben und schließen sich einem Wanderzirkus an. Einfacher wird das Leben dadurch nicht: die Welt der Gaukler ist nicht nur bunter, sondern auch gefährlicher, als sie dachten: Der Karneolvogel, ein mächtiges Artefakt der Gaukler, ist verschwunden und sein Hüter Ramiro schwebt in Lebensgefahr. Ist unter den Zirkusleuten ein Verräter? Zugleich kommt die Liebe ins Spiel, nicht zuletzt bleiben den beiden jungen Damen in Disguise auch die Familien auf den Fersen. Indie-Autorin Jeanette Lagall knüpft mit ihrem Debut-Roman „Die Reise des Karneolvogels – Der Wanderzirkus“ an ein Erlebnis aus Kinderzeiten an: „Ich war mit einer Freundin in einer Zirkusvorstellung, die uns so gut gefallen hat, dass wir überlegt haben, wie es wohl wäre, wenn wir uns diesem Zirkus anschließen würden“. Im Roman setzen Riki und Mira diese Idee nun um – unsere Leseprobe führt an den Beginn des Abenteuers.

Jeanette Lagall, Die Reise des Karneolvogels – Der Wanderzirkus


„Junge Dame, es wird Zeit ein für alle Mal mit diesen Kindereien aufzuhören, das schickt sich nicht! Du bist siebzehn Jahre alt und damit kein Kind mehr! Nein, ein solches Verhalten schickt sich einfach nicht! Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich mit dir machen soll. Du wirst so lange hier drinnen bleiben, bis du vernünftig geworden bist!“
Mit diesen Worten schlug Oberin Margret die Tür des Besinnungsraums hinter Riki zu. Riki lauschte dem wohlbekannten Drehen des Schlüssels im Schloss und setzte
seufzend das Nähkörbchen auf dem wackeligen Holztisch ab.
„Bis ich vernünftig geworden bin? Also mindestens mal bis in alle Ewigkeit“, murmelte sie und strich sich verärgert eine widerspenstige braune Locke aus der Stirn. Sie wünschte sich, diese Worte nicht nur zu murmeln, sondern sie der Oberin selbstbewusst entgegenzuschleudern, woraufhin diese schockiert die Tür öffnen und Riki sprachlos und resigniert für immer in Ruhe lassen würde.
Utopisch. Sowohl, dass Riki offen widersprach, als auch, dass man sie in Ruhe ließe. Wäre sie ein Junge, hätte sich niemand daran gestört, dass sie auf einen Baum geklettert war. Aber für eine Dame höheren Standes schickte sich das nun überhaupt nicht. Diese hatte unter dem Baum zu warten, bis ein edler Prinz des Weges kam, um ihr den gewünschten Apfel zu pflücken. Kam er nicht, musste sie sich eben so lange in sehnsüchtigen Seufzern verzehren, bis sie verhungert war!
Gut, in Rikis Fall waren zwar keine Äpfel auf dem Baum und sie war völlig ohne Grund hinaufgeklettert, aber warum musste immer alles einen Grund haben? Wieso bitteschön, durfte man sich nicht einfach nur vergnügen? Man schrieb das Jahr 1898, zwei Jahre vor der Jahrhundertwende und es wurde bestraft, wenn man zu seiner bloßen Erbauung einen Baum bestieg. England rühmte sich bei jeder Gelegenheit seiner Fortschrittlichkeit, aber Damen in Bäumen, das verkraftete die Fortschrittlichkeit dann auch wieder nicht! Oh ja, sie hatte dabei ein klaffendes Loch von der erschröcklichen Größe eines viertel Fingernagels in ihre blütenweiße, gestärkte Schürze gerissen. Diese albernen Schürzen, auf die sie hier im Pensionat so viel Wert legten! Das war unverzeihlich, irreparabel und wahrlich einer Bestrafung würdig.
Riki schnaubte verächtlich. Mit größerem Bedauern hingegen strich sie über einen unter der Schürze verborgenen Riss in ihrem geliebten Kleid aus braunem Kattun. Von ihrer gesamten Garderobe war es bei Weitem am bequemsten und obendrein betrachteten es ihre Mitschülerinnen ob seiner praktischen Schlichtheit immer mit einem gewissen Naserümpfen. Weswegen sie es erst recht mochte. Umgeben von Gleichaltrigen, deren einzige Themen Aussehen, Putz und ihre Aussicht, einen Mann zu ergattern waren, fühlte Riki sich so fehl am Platz wie ein Schweinemetzger auf einem arabischen Basar. Sie begann sich sogar schon zu fragen, ob es normal war, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Vor allem, wenn sie über die obigen Themen hinausgingen. Obwohl sie sich wirklich gerne ihre eigenen Gedanken machte. Wäre da nicht noch ihre Freundin Myra gewesen, die ebenso wie Riki lieber erst einmal sehen wollte, was das Leben und die Welt da draußen zu bieten hatten, dann hätten Rikis Selbstzweifel unausweichlich irgendwann überhand gewonnen.

Jeder Tag, den sie länger im Pensionat verbrachten, war ein verlorener Tag. Und vor allem brachte er sie ihrer Heirat mit den bereits für sie ausgesuchten Verlobten näher. Ein Ereignis, das es um jeden Preis zu verhindern galt.
Myras Eltern hatten ihre Tochter schon seit Längerem mit einem distinguierten Industriellen Anfang dreißig verlobt und bestanden darauf, dass Myra ihn heiratete, sobald sie die Schule beendet hatte. Sprich in exakt drei Monaten. Aber dann würden sie nicht mehr hier sein. Schon lange nicht mehr. Denn es hatte sich vor Kurzem endlich die seit einer Ewigkeit ersehnte Gelegenheit geboten, wie sie und Myra von hier verschwinden konnten. Keinen Moment zu früh.

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Autorin & Copyright: Jeanette Lagall

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Jeanette Lagall,
Die Reise des Karneolvogels – Der Wanderzirkus
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