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“Reif für die digitale Zerstörung”: Was bringt Apples großer Schulbuch-Coup?

18 Jan 2012 Ansgar Warner 0 Kommentare

Aller Augen warten auf Apple – wird am 19. Januar im New Yorker Guggenheim-Museum das nächste große Ding präsentiert? Soviel scheint klar: im Mittelpunkt des Events steht Technologie für den Bildungssektor, genauer gesagt, für elektronische Schulbücher. Dabei handele es sich um eine „acht Milliarden-Dollar-Industrie, reif für die digitale Zerstörung“, hatte der späte Steve Jobs seinem Biografen Walter Isaacson noch in die Kladde diktiert. Glaubt man dem Alpha-Geek-Blog Ars Technica, kündigt Apple nichts weniger als das „Garage Band“ für interaktive E-Books an. Verlage wie auch Autoren wünschen sich schon lange ein einfach zu bedienendes Tool, um aus verschiedenen medialen Elementen E-Books mit enhanced-Charakter zusammenzusetzen. Nicht nur die Tablet-Klassen an us-amerikanischen Schulen könnten von Apples Vorstoß profitieren.

Dem Vernehmen nach soll die neue App das bisherige iBooks zu einer Self-Publishing-Plattform erweitern. Ähnlich wie bei Amazons Kindle Direkt Publishing-Programm könnte damit also neu geschaffener Content reibungslos auf iPad und iPhone gebracht werden. Dabei wird Apple wohl auf den neuen E-Book-Standard epub 3 setzen, der die Einbindung von Multimedia-Inhalten ermöglicht. Wie schon bisher dürfte Apple dabei nicht als Content-Produzent auftreten, sondern nur als Vermittler. “Practically speaking, Apple does not want to get into the content publishing business,” zitiert Ars Technica den Brancheninsider Matt MacInnis. „Like the music and movie industries, Apple has instead built a distribution platform as well as hardware to consume it—but Apple isn’t a record label or production studio.“

Viele Beobachter erwarten zudem, dass Apple ein besonderes Gewicht auf die soziale Interaktion im Klassenzimmer legen wird. Von der Laptopklasse direkt zur Tablet- und Smartphone-Klasse, in der Social Media-Streams das Oktavheft ersetzen? Die Zeit für das gedruckte Schulbuch des Gutenberg-Zeitalters scheint jedenfalls unweigerlich abzulaufen. „Die Google-Galaxis schreddert alle starrten Textblöcke“, glaubt auch der deutsche Literaturwissenschaftler und IT-Experte Martin Lindner. „Ein Buch ist in der Google-Ära nichts Festes mehr: eher so etwas wie eine vorübergehende Ballung von flüssigem Wissenstoff.“ Als Grundausrüstung für die Schule von heute empfiehlt der Unternehmensberater neben iPad und iPhone digitale Stifte wie den Life-Scribe sowie E-Book-Reader. „Zusammen kostet das noch rund 400 Euro pro SchülerIn und Jahr. Dafür spart man sich: Fotokopien, Bücher, Beamer, Computerräume“.

Die Schulbuchverlage werden wohl oder übel auf diesen Trend aufspringen müssen. Denn wenn sie nichts zu bieten haben außer digitalen Kopien ihrer bisherigen Schmöker (und Schultrojanern, die den Schulserver danach durchstöbern), ist ihre bisherige Marktposition kaum zu halten. Zu den Hauptkonkurrenten dürften in Zukunft ausgerechnet die Kunden selbst werden – wird nämlich das „Garage Band“ für E-Books zum neuen Standard, können Schüler, Eltern und Lehrer die Produktion der Unterrichtsmaterialien am Ende notfalls auch selbst in die Hand nehmen.

Abb.: flickr / =_RoBeR_=

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