Rauchwolken am Horizont: Feuilletons aus der Welt nach 9/11

Ein kleiner Lesefund der letzten Wochen: „Ich weiß zufällig, dass Snowden Informationen an die Konkurrenz verkauft“, sagt Josuah Trevers zum Chikagoer Detektiv Timothy Truckle – der dazu lieber schweigt, und denkt: „Und an die NSA“. Klingt irgendwie äußerst aktuell, und zugleich äußerst merkwürdig. Noch merkwürdiger aber: das Zitat ist gar nicht aktuell, sondern stammt aus einem Sci-Fi-Krimi von Gert Prokop, gedruckt Anfang der 1980er Jahre in der DDR. Für E-Book-News habe ich die elektronische Neuauflage des 1977 erschienenen Vorgängerbandes „Wer stiehlt schon Unterschenkel“ vor einiger Zeit besprochen – und stieß bei der Lektüre der Fortsetzung dann auf die Snowden-Trouvaille. Doch nicht nur deswegen taucht der Artikel nun auch in „Rauchwolken am Horizont“ auf, einer Sammlung von „Feuilletons aus der Welt nach 9/11“, mit der in dieser Woche offiziell das neue Label „ebooknews press“ startet (Tipp: Eine Leseprobe gibt’s hier).

Kleiner Bruder vs. Großer Bruder

Als Setting für seine Crime-and-Mystery-Geschichten entwirft Prokop eine dystopische, bücherlose USA, die Mitte des 21. Jahrhunderts beherrscht wird von Industrie-Trusts und der mächtigen „Staatsicherheit“ (National Security Agency, kurz auch NSA genannt) – während die High-Tech-Opposition längst in den Untergrund gegangen ist. Auch das kam mir merkwürdig bekannt vor. Liest man parallel dazu Cory Doctorows Hacker-Roman „Little Brother“ (siehe die E-Book-News-Review), landet man in einem ganz ähnlichen Amerika – hier allerdings nicht durch die geschickte Vertauschung von DDR und USA konstruiert, sondern als typische Post-9/11-Erzählung. Am Anfang steht der Kampf gegen den Terror, am Ende steht der Kampf gegen den Überwachungsstaat: Kleiner Bruder vs. Großer Bruder.

Eine Fortsetzung erleben wir in diesen Tagen mitten in Deutschland – mit dem geleakten „Handygate“ rund um’s „Merkelphone“ als vorläufigem Höhepunkt. Der 11. September war allerdings mehr als nur ein fiktiver Plotpoint: die Real-Geschichte, so warnte schon Alexander Kluge, erzählt ihren Real-Roman ohne Rücksicht auf uns, es sei denn, wir erzählen eine Gegengeschichte. Genau darum geht es in den zwischen 2001 und 2013 entstandenen Artikeln, Reportagen und Kolumnen, die in „Rauchwolken am Horizont“ versammelt sind – um Menschen, Methoden und Maschinen, die mit der „Dominanz des Tatsächlichen“ umgehen können, oder zumindest grandios dabei scheitern. Die meisten der insgesamt 24 Texte sind ursprünglich mal im Kulturteil der taz erschienen, dazu kommen ausgewählte E-Book-News-Beiträge der letzten Zeit.

Dominanz des Tatsächlichen

Zunächst tauchen unter diesem Motto altbekannte Gestalten wie Wolfgang Koeppen, Walter Kempowski oder Erich Loest auf, die das umtriebige 20. Jahrhundert erlebt, verzettelt und beschrieben haben. In ihren Reise-Essays, Doku-Fiktionen und historischen Romanen arbeiten sie fast so wie Grimmelshausen in seinem „Simplizissimus“. Der sei schließlich, so Koeppen, nichts anderes als ein „in die Zeit gehängtes Netz“ gewesen, in dem sich alles nur denkbare Material verfangen habe. Doch das Netz ausspannen, das ist leichter gesagt als getan – das zeigt ein Blick auf Burkhard Spinnen, der sich in „Der schwarze Grat“ an der Biografie eines mittelständischen Unternehmers versucht hat, was am Ende nur in Form einer „Metabiografie“ gelang, die den Entstehungsprozess gleich mit erzählt.

Das titelgebende Kapitel „Rauchwolken am Horizont“ legt den Finger in eine Wunde namens Berlin. In der Lokalprärie der neuen Bundeshauptstadt wird dann nicht nur dem seltsam ortlosen Führerbunker ein Besuch abgestattet, sondern auch dem knarzenden Gestühl der Humboldt-Universität, dem Feindflugblatt-Archiv der Staatsbibliothek, Theodor Plieviers Weltkriegs-Klassiker „Berlin“ (Teil drei einer Trilogie, die mit „Moskau” und „Stalingrad“ begann, und eigentlich – als Tetralogie – mit „Bonn“ enden sollte), sowie einem polarisierenden Urania-Vortrag kurz nach dem 11. September.

„There is more than one way to burn a book“

Noch mehr Qualm geht vom Kapitel „Fahrenheits Eleven“ aus, sowohl analog wie auch virtuell. Denn es geht um Bücherverbrennungen und ihre Folgen für das kollektive Gedächtnis: Gegengeschichte kann auch durch das Verschwinden der Geschichte entstehen. Die Methoden auf dem Weg ins kulturelle Nirwana ändern sich, der Effekt bleibt: Während zu Ray Bradburys Zeiten die Bücherfeuerwehr noch Schmöker aus Papier verbrannte, wird sie in Zukunft wohl eher Bücher löschen, aber in diesem Fall elektronische Versionen, wo auch immer sie gespeichert sein mögen. Wie sagte Bradbury schon zurecht: „There is more than one way to burn a book“.

Es folgt ein Ausflug in den Komplex „Terror, Pop und Prada Meinhof“. Das klingt weit hergeholt. Doch war Pop nicht mal revolutionär? Genossen die Revolutionäre nicht Popularität, liebten sie nicht selbst die Populärkultur? Besichtigen kann man das anhand der Geschichte des Underground-Stadtmagazins „Agit 883“, für das Holger Meins sein Talent als Comiczeichner unter Beweis stellte. Liest man einen rezenten Roman wie Bernhard Schlinks „Wochenende“, scheinen von der RAF nach 9/11 jedoch bestenfalls noch Episoden für die Heimatfront übriggeblieben zu sein. Da scheint das Internet mehr Klasse zu haben – war doch sein Miterfinder Vannevar Bush kein simpler Nerd, sondern als Geheimdienstler auch Experte für’s „Silent Killing“. Inzwischen hat der legendäre Große Bruder Konkurrenz bekommen: dafür steht Cory Doctorows Hacker-Roman „Little Brother“, eine Post-9/11-Fiktion, deren Held nicht zufällig Winston heißt.

Den Abschluss bildet das Kapitel „Expeditionen in die Unendlichkeit“. Tatsächlich geht es um ein sehr weites Feld: vom Sinn und Zweck anthroposophischer Kunst in der „Stadt des KdF-Wagens“ über literarische Sans-Papiers im Marbacher Archiv sowie die Erfolgsgeschichte Wuppertaler Kommunarden in der schwäbischen Provinz bis hin zu einer fiktiven Sentimental Journey durch Niedersachsen. Wirklich zu sich selbst, das wäre mal eine schöne These, kommt die Gegengeschichte ja vielleicht nur in der Provinz.

Erhältlich ist „Rauchwolken am Horizont“ als E-Book zum Preis von 2,99 Euro (Multiformat-Bundle, via ebooknews-press) sowie als Taschenbuch zum Preis von 7,90 Euro (via Amazon).

Abb.: E-Book-News Press,
unter Verwendung einer Aufnahme von Hightechdad (cc-by-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".