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Henry Palmer ist kein Profi: Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund [Leseprobe]

grimm-lachmund-introEs läuft nicht gut für Henry Palmer. In seiner Friedrichshainer Wohnung liegt eine junge Polin – offenbar ermordet. Nicht nur die Kripo ermittelt, auch der Bruder der Toten stellt unbequeme Fragen. Als Henry Palmer in die WG seines Kumpels Theo Trepka flüchtet, taucht dort kurz darauf die Drogenfahndung auf. Um das Chaos zu entwirren, hilft nur eins: Henry Palmer muss auf eigene Faust ermitteln. Das World Wide Web leistet ihm dabei keine Dienste. Denn Ralph Gerstenbergs Berlin-Krimi „Grimm und Lachmund“ – Auftakt der Henry-Palmer-Trilogie – spielt noch zu D-Mark-Zeiten in der frischgebackenen Hauptstadt der Nachwende-Zeit. Worte wie „Smartphone“, “Hipster” oder “Gentrifizierung” sind Mitte der Neunziger Jahre noch unbekannt. Auf dem Tempelhofer Feld landen Propellermaschinen, in Schultheiß-Kneipen an der Ecke gibt’s noch kein W-LAN, und wer in seinem Wohnzimmer eine Leiche entdeckt, greift zum Hörer des Festnetztelefons. Unsere Leseprobe führt genau an diesen Plot-Point. Mehr über Henry Palmers ersten Fall erfährt man bei ebooknews press.

Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund

Henry Palmer ist kein Profi
(…) Agnes lag noch immer im Bett. Die Jalousien waren heruntergelassen. Im ganzen Zimmer roch es nach ihrem Parfüm und nach allerlei anderem. Kein gutes Gemisch. Ich klopfte an die halb offene Tür. Nicht die geringste Regung. Ihre Sachen lagen auf einem der beiden Korbsessel. Trotz der Hitze, die mittlerweile im Zimmer herrschte, hatte sie sich die Decke bis ins Gesicht gezogen. Ein paar blonde Haarsträhnen waren das Einzige, was ich von ihr sehen konnte.
Irgendwie fühlte ich mich wie ein schwäbischer Herbergsvater, als ich beschloss, dass halb zwölf Zeit zum Aufstehen sei, die Jalousien hochzog und das Fenster sperrangelweit öffnete. Draußen stank es nach Müll. Als ich mich umdrehte, entdeckte ich Agnes’ Arm, der seltsam unnatürlich an der Seite hing. Ich hatte ihn zuerst nicht gesehen, weil der Korbsessel mit ihren Sachen davor stand, aber mir war sofort klar, dass man so keine fünf Minuten liegen konnte. Außerdem lag sie nicht auf dem Kissen, sondern das Kissen auf ihrem Gesicht. Ein Unterschied, der mir irgendwie wichtig erschien, obwohl ich nicht gleich wusste, was er bedeutete. Das heißt, mein Kopf wollte es nicht wissen, glaubte nicht, was er wusste, wusste nicht, was er glauben sollte. Mein Körper wusste es längst. Meine Hände wussten es, die sich am Fensterbrett festhielten. Mein Magen wusste es, der seinen Inhalt plötzlich nicht mehr zu mögen schien. Und meine Beine wussten es, die so taten, als bestünden sie nicht auch aus Muskeln und Sehnen, sondern hauptsächlich aus Gelenken.
Im Zeitlupentempo sank ich in die Knie und lehnte mich gegen meinen Schreibtisch, der schräg vor dem Fenster wie eine Barrikade zwischen mir und dem Rest des Zimmers stand. Abgesehen von einigen Mumien aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. hatte ich noch nie einen toten Menschen aus der Nähe gesehen. Kein Krieg, keine schweren Autounfälle, meine Großeltern wurden nicht aufgebahrt. Und jetzt lag in meinem Bett eine tote Frau. Eine ermordete Frau!
Der Arm, der unter der Bettdecke hervorragte, hatte die Farbe von lange gelagerten Altarkerzen. Auf dem Kissen zeichneten sich die Konturen von Agnes’ Kopf ab. An der Seite, die ich sehen konnte, war der Bezug aufgerissen. Dort also hatte jemand festgehalten und nicht mehr losgelassen, so lange nicht, bis sich nichts mehr bewegte, bis Agnes’ Arm wie ein abgeknickter Ast zur Seite hing.
Ich übergab mich in den Papierkorb, in dem noch eine halbfertige Seminararbeit über Adornos Kritik der Kulturindustrie liegen musste. Irgendwo hatte ich gelesen, dass sich mittlerweile nicht nur Mörder wie ihre Vorgänger auf der Kino-Leinwand verhielten, sondern auch deren unglückliche Opfer. Ich weiß nicht, warum mir das gerade jetzt einfiel. Agnes hatte sicherlich keine Identifikationsmuster vor Augen, als ihr irgendjemand das Kopfkissen ins Gesicht drückte. Wie lange mochte es gedauert haben, bis sie das Bewusstsein verlor und nicht mehr versucht hatte zu atmen? Wie lange hatte sich ihr Körper aufgebäumt, ohne jede Chance gegen das übermächtige Gewicht ihres Mörders? Zwei Minuten Todesangst oder drei oder länger? Mein Magen verkrampfte sich wieder, aber es kam nichts mehr raus.
Langsam kroch ich unter dem Schreibtisch hervor und näherte mich der Leiche. Ich wagte nicht, das Kissen von ihrem Gesicht zu entfernen. Keine Ausreden, ich gebe zu, ich war zu feige, ich hatte Angst, den Anblick nicht ertragen zu können. Auch ihren Arm berührte ich nicht. Es wäre sinnlos gewesen, Sie können mir wirklich glauben. Ich roch ihr Parfüm und es schnürte mir die Kehle zu.
Draußen hantierte jemand an den Containern. Ich hätte ihn rufen können. Stattdessen wählte ich 110. Ich hatte nicht den Nerv, im Telefonbuch nach der Nummer für die Mordkommission zu suchen. Außerdem wusste ich, dass im öffentlichen Dienst das Wort Amtsweg mit sieben Großbuchstaben und einem Ausrufezeichen geschrieben wurde.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung versprach wenig Trost. In Standardsätzen erfragte sie meinen Namen, Adresse und den Anlass meines Anrufes. Nicht einmal, als ich «Mord!» sagte, Mord wäre der Grund, weshalb ich anrief, und die Leiche läge bei mir in der Wohnung, verlor sie etwas von ihrem routinierten Gleichklang.
«Wo, sagten Sie, wohnen Sie? Und Sie rufen von dort aus an? Bleiben Sie, wo Sie sind, in spätestens einer halben Stunde kommt ein Streifenwagen.» Es hörte sich an, als hätte ich eine Pizza bestellt.

Copyright Leseprobe: ebooknews press

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Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".