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Rache ist der Reißzahn im Nacken: Silke Nowak, Die Tigerin [Leseprobe]

14 Sep 2016 0 Kommentare

die-tigerin-introEin neuer Fall für die SOKO „Tigerin“: diesmal hat es Bela Titus erwischt. Das Oberhaupt eines mafiösen rumänischen Familienclans wird ermordet in einem Hotel in der Ulmer Innenstadt aufgefunden. Eine Stichwaffe ähnlich dem Reißzahn eines Tigers hat seinen Nacken zerfetzt. Für die frischgebackene Kommissarin Anna Gaspar ist die Mordserie im Rotlicht-Milieu der erste große Einsatz, und zugleich ein Déjà-Vu: vor ihrer Polizeikarriere hatte Gaspar in Bukarest Material für einen Dokumentarfilm zum Thema Prostitution und Menschenhandel gesammelt. Film und Fall scheinen zusammenzuhängen, denn plötzlich erhält die Kommissarin eine mysteriöse Einladung nach Rumänen: in einem abgelegenen Karpaten-Hotel soll sie ihren Doku-Streifen vor ausgewähltem Publikum zeigen… Steckt die „Tigerin“ dahinter? Was ist ihr Motiv? Ist Gaspar in Gefahr? Silke Nowaks neuer Krimi „Die Tigerin“ führt in die Abgründe der menschlichen Seele, und beleuchtet zugleich einen realen Skandal: jedes Jahr werden mehr als 100.000 Mädchen und Frauen aus aller Welt nach Westeuropa verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Unsere Leseprobe führt direkt ins 1. Kapitel…


Silke Nowak, Die Tigerin

1. Kapitel
Bela Titus, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Atlanta Limited, lag bäuchlings auf dem Bett seines Hotelzimmers. Er war nackt. Außerdem war er tot. Die Tigerin hatte mit ihm geschlafen und ihn danach durch einen Biss in den Nacken getötet.
„Man kann das wirklich nicht anders bezeichnen“, sagte Richard Parker, der Leiter der Sonderkommission Die Tigerin. „Zumal der Nackenbiss die bevorzugte Tötungsart dieser Raubkatze ist.“ Er blickte in die Runde. „Aber natürlich hat sie den Mann nicht mit den Zähnen erlegt“, fuhr er mit der nüchternen Stimme des Kriminalbeamten fort. „Tatwerkzeug war eine Stichwaffe ähnlich dem Reißzahn eines Tigers: zehn Zentimeter lange Klinge, runder Durchmesser, leicht gebogen.“
Der Raum war abgedunkelt. An der Wand leuchtete ein Foto des Toten. Es zeigte seine Rückseite: Die Haut war weiß, ein käsiges Weiß, das zwischen den Pobacken ins Bräunliche überging. Aus der Ritze wuchsen Haare den Rücken hinauf, sie waren dick und schwarz.
Mir wurde schlecht.
Ich blickte auf mein Handy: Es war 09.53 Uhr.
Die Sitzung dauerte schon über zwanzig Minuten.
„Die Frau war unter dem Namen ‚Tigerin‘ im Smartphone des Opfers abgespeichert“, hörte ich Parker wieder. „Die beiden trafen sich in der Tatnacht im Maritim, einem Hotel direkt an der Donau in der Nähe der Altstadt von Ulm. Das Setting war nicht gerade typisch, das Maritim ist kein Stundenhotel. Ungewöhnlich außerdem, dass die Tigerin ihr späteres Opfer kontaktierte, nicht umgekehrt. Aufgrund der Milieunähe gingen wir aber dennoch von Anfang an davon aus, dass es sich bei der Tigerin um eine Prostituierte handelt.“
Es klickte.
Das Foto an der Wand wechselte.
Diesmal lag der Tote auf dem Rücken. Sein Körper war klein und gedrungen, die Vorderseite genauso stark behaart wie das Hinterteil. Der Kopf erinnerte an einen Klotz, in den ein Steinmetz achtlos ein paar Kerben geschlagen hat. Das Gesicht spiegelte ein geistloses, primitives Leben wider. Beim Anblick seines Geschlechts, das blau herabhing, wurde mir wieder übel, diesmal glaubte ich sogar, kotzen zu müssen.
Endlich ist das Schwein tot.
Ich wandte den Blick ab.
Ich dachte, es müsste mir doch Genugtuung bereiten, ihn so liegen zu sehen, aber das tat es nicht.
„Eine Reinigungskraft hat den Mann am nächsten Tag gefunden“, sagte Parker. „Da war er bereits über zwanzig Stunden tot.“
Mein Blick glitt durch den Raum. Im Dämmerlicht erkannte ich die Umrisse von etwa dreißig Personen. Die meisten Anwesenden waren Polizisten und alte Hasen im Geschäft. Auch ich war Polizistin, aber ich hatte meine Prüfung zur Kommissarin erst wenige Wochen zuvor abgelegt. Zweieinhalb Jahre hatte ich die Polizeischule in Biberach besucht und danach noch ein Studium an der Fachhochschule in Villingen-Schwenningen absolviert. Anschließend hatte ich Glück gehabt und sofort diese Stelle in Ulm bekommen.
„Glück nennst du das?“, hatte Eli gefragt und gelacht.
Eli war mit mir auf der Fachhochschule gewesen, ihre unbeschwerte Art hatte mich oft genug davor bewahrt, auf meinem Zimmer dunklen Gedanken nachzuhängen. Dennoch war nie eine echte Freundschaft daraus geworden, vor allem, weil ich während meiner Ausbildung wie eine Besessene gearbeitet und Sport getrieben hatte. Natürlich hatte Eli gewusst, dass ich früher mal Journalismus studiert hatte. Sie hatte auch gewusst, dass ich früher mal mit Parker zusammen gewesen war. Wahrscheinlich glaubte sie, dass er mich nach Ulm geholt hatte. Wahrscheinlich glaubten das alle. Weil ich das Studium aber als Jahrgangsbeste abgeschlossen hatte, schien das niemanden zu stören. Früher oder später hätte ich überall eine Stelle bekommen.
Es war 09.55 Uhr.
Ich schnupperte. Männerschweiß lag in der Luft, Aftershave und Nikotin.
Parker stand da vorne und erzählte etwas über Geschlechtsverkehr ohne Kondom.
Ich massierte meine Schläfen.
Der Fall der Tigerin war mein erster großer Einsatz: Die letzten neun Tage und Nächte hatten wir die Rotlichtbezirke von Ulm und Stuttgart durchkämmt. Wir hatten die Frauen gebeten, ihre Münder zu öffnen. Wir hatten ihnen Speichelproben entnommen, wir hatten Wattestäbchen durch hunderte von Lippen geschoben, die fast immer zu stark geschminkt und manchmal auch blutig gewesen waren. Und während wir das getan hatten, hatte Nena von der Liebe gesungen; ausgerechnet dieser Song schien das Lieblingslied so vieler Prostituierten zu sein. Gefühlt war er in jedem zweiten Bordell gelaufen.
Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist.
Wenn ich nach einer Nachtschicht dann für ein paar Stunden in einen unruhigen Schlaf gefallen war, hatte ich von diesem Lied geträumt. Aber auch von diesen Mündern, die mit dunkelroten Konturstiften hart umrandet waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Frauen das schön fanden. Vielmehr glaubte ich, dass es ein Versuch war, eine Grenze zu ziehen, wenigstens hier. Eine Grenze, die in ihrem Leben bereits hundertfach überschritten worden war – von prügelnden Zuhältern und von Freiern, die glaubten, für dreißig Euro alles mit ihnen machen zu dürfen. Aber auch von den Ehefrauen dieser Männer, die den Prostituierten die Schuld daran gaben, dass ihre Männer das taten.
Wieder klickte es.
Zu sehen war jetzt die vergrößerte Nackenpartie des Toten, in der ein dunkles Loch klaffte.
Ich fröstelte.
Es war 10.02 Uhr.
Gestern Abend war dann die Nachricht gekommen: Die Tigerin war gefasst worden! Niemand hatte so schnell damit gerechnet, am allerwenigsten ich. Eine DNA-Probe hatte sie überführt. Die ganze letzte Nacht hatte ich nicht geschlafen. Auch Parker klang müde, als er sagte: „Die Klinge hat das Rückenmark durchtrennt. Gleich beim ersten Stoß. Daran dürfte das Opfer fast augenblicklich gestorben sein.“
Wieder fröstelte ich.
Es war Parkers Stimme, die mich frösteln ließ.
Das Schlimmste war, dass seine Stimme so zärtlich klang, selbst wenn er von Toten sprach.
Parker war mittlerweile ein hohes Tier am Landeskriminalamt in Ulm. Erst vor einem halben Jahr war er zum Polizeirat befördert worden. Und er war noch nicht am Ende seiner Karriere. Für die Neubesetzung der Stelle des Vizepräsidenten der Polizei von Baden-Württemberg gab man ihm gute Chancen. Auch die heutige Sitzung war mehr Show für die Oberen, um den schnellen Ermittlungserfolg zu präsentieren; uns Polizisten waren die Informationen längst bekannt.
„Nervenstränge … Spinalkanal …. zwischen dem zweiten und dritten Nackenwirbel“, hörte ich Parker aus dem pathologischen Bericht zitieren.
Alle nannten ihn Parker, seine Kollegen, seine Freunde, selbst ich. Um die gemeinsame Arbeitssituation erträglich zu machen, hatten Parker und ich vereinbart, alles zu vermeiden, was Intimität zwischen uns herstellen könnte: Keine Vornamen, keine Berührungen, keine Erinnerung.
„Bela Titus war mit Handschellen an das Bett gefesselt gewesen, als der tödliche Stoß erfolgte“, hörte ich ihn wieder. „Außerdem hatte er 1,6 Promille Alkohol im Blut. Das Opfer hatte keine Chance.“
Das Opfer –
Ich presste meine Hände zusammen. Bela Titus war alles andere als ein Opfer gewesen. Okay, er war tot, aber gerade in meinem Job war das keine Entschuldigung: Trotzdem war er ein Schwein gewesen. Man konnte das leider nicht anders sagen.
Bela Titus war das Oberhaupt einer der mächtigsten Familien-Clans in Rumänien gewesen. Seine Schergen nannten ihn „King“ oder auch „King Kong“, was bei dem Affengesicht und der üppigen Körperbehaarung nahelag. Solche Familien-Clans bildeten den Kern der organisierten Kriminalität, in der es auch um Waffen und Drogen ging. Aber ihre Haupteinnahmequelle waren immer noch Frauen und Mädchen. Aufgrund ihres Geschlechts galten Frauen weltweit immer noch als Menschen zweiter Klasse, vor allem in den armen Ländern. Frauen und Mädchen waren die billigste Ware. Man brauchte sie nur so lange zu schlagen und zu vergewaltigen, bis sie keinen Widerstand mehr leisteten. Früher oder später fügte sich jede in ihr Schicksal.
Und die, die es nicht taten, starben.
Es gab nur ganz wenige, die da wieder rauskamen.
Erneut massierte ich meine Schläfen.
Bela Titus hatte sich vom Zuhälter zum Unternehmer hochgearbeitet. Die Atlanta Limited Gruppe war eine Tochter der EroFi GmbH, die ihren Firmensitz irgendwo in Afrika hatte. Auf diesem Weg entzogen sich die Menschenhändler der staatlichen Kontrolle oder erschwerten diese zumindest. Neben ein paar Russen und Arabern dominierte der Titus-Clan die Sexbranche in Europa. Sie betrieben Eros-Center, Massagesalons, Striptease-Bars, produzierten Pornos und distribuierten die Filme über das Internet.
„Herr Parker hat das ganz richtig zusammengefasst“, sagte die neue Rechtsmedizinerin und trat ans Rednerpult. Dann begann sie über Details der Blutanalyse zu sprechen.
Das Problem mit der Prostitution war, dass fünfundachtzig Prozent aller Frauen dazu gezwungen wurden. Das hieß umgekehrt, dass nur etwa fünfzehn Prozent ihren Job freiwillig taten. Und selbst hier zweifelten Psychologen den Aspekt der Freiwilligkeit an, da meist psychische Zwänge und Traumatisierungen in der Kindheit vorlagen.
Natürlich gab es Frauen, die Spaß am Sex hatten. Anscheinend gab es sogar welche, die sich sagten: oh prima, wenn ich dafür noch Geld bekomme, umso besser. Voraussetzung dafür war allerdings ein selbstbestimmtes Leben, eine körperliche und geistige Freiheit, die eine Zwangsprostituierte nie kennengelernt hat. Eine Zwangsprostituierte hatte nie eine Wahl gehabt, höchstens die zwischen Leben und Tod.
Die Rechtsmedizinerin sprach über das Sperma von Bela Titus.
Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist.
Bela Titus war gebürtiger Rumäne, doch Anfang 2000 hatte er seinen Wohnsitz nach Ulm verlagert. Das Deutsche Prostitutionsgesetz von 2002 war ihm entgegengekommen. Seitdem galt Prostitution in Deutschland nicht mehr als sittenwidrig und „Nutte“ war ein Beruf wie jeder andere.
Ich begann zu schwitzen.
Aber nein, war es nicht. Wer seinen Körper verkaufte, musste ihn zu einem Ding machen, abtöten. Und den Geist gleich dazu. Die Prostitution machte Frauen zu Sklavinnen und Männer wie Titus reich. Seine Villa an einem exponierten Hanggrundstück über der Donau konnte sich sehen lassen. Ihm gehörte auch das Eroscenter Sexy Girls in Stuttgart Echterdingen, ein hässlicher, billiger Bau mit dem Charme eines Lagerhauses in unmittelbarer Nähe zum Flughafen. Die meisten Mädchen, die dort arbeiteten, kamen aus Osteuropa und aus Verzweiflung.
„Das Band der Hotelkamera lag uns zwar vor“, hörte ich Parker wieder, „doch die Aufnahme war schlecht. Ausgerechnet ab 21 Uhr gab es dann noch einen Kurzschluss.“ Er klickte auf das Video und kommentierte den Film: „Um 20.11 Uhr verließ eine dunkel gekleidete Gestalt den Aufzug. Sie geht auf die Juniorsuite am Ende des Gangs zu, klopft und wird eingelassen. Ihr Gesicht hält sie von der Kamera abgewandt. Das ist alles.“
Der Film stoppte.
Ich starrte auf das verschwommene Profil einer Frau. Es waren ein paar helle Pixel vor einem dunklen Hintergrund, mehr nicht. Trotzdem begannen meine Hände zu zittern.
Reiß dich zusammen.
Ich war die vielen Diskussionen mit Parker so leid, in denen er mir erklärte, dass der Polizei im Kampf gegen die Prostitution die Hände gebunden seien. Wie oft hatte ich ihn angeschrien, dass er verdammt noch mal etwas tun solle? Zu oft. Denn Parker tat seit Jahren sein Bestes. In der Verfolgung der illegalen Prostitution galt er als unerbittlich. Wo es ging, ließ er Razzien durchführen, auf den Straßen, in Bordellen und sogar in Privatwohnungen. Doch sobald die Frauen dann behaupteten, über achtzehn Jahre alt und freiwillig im Bordell zu sein, verlief sich alles wieder im Sande. Das war das eigentlich Perverse an dieser Art von Geschäft: Die Frauen wurden zu Komplizinnen ihrer Peiniger. Das war ein ganz normaler Überlebensreflex, der auch bei Kindern von gewalttätigen Eltern zu beobachten war. Trotzdem deprimierend. Das war alles so verdammt deprimierend.
Wieder klickte es.
Parker blendete ein neues Foto ein. Diesmal war eine junge Frau zu sehen, die verstört in die Kamera blickte.
„Bei der Täterin handelt es sich um die 28-jährige Oxana Popescu“, sagte er. „Oxana Popescu ist eine Prostituierte aus Rumänien, sie arbeitete seit drei Monaten im Eroscenter in Echterdingen. Das Motiv ist noch unklar, die Frau war bisher nicht vernehmungsfähig.“ Parker räusperte sich, dann fuhr er hastig fort: „Oxana Popescu wurde durch eine Speichelprobe überführt. Die DNA ist identisch, es gibt keinen Zweifel. Über das Motiv kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Der Drogentest war positiv. Zurzeit wird Oxana Popescu im Universitätsklinikum behandelt, unter anderem wegen einer akuten Lungenentzündung. Sie bekommt Methadon und psychologische Betreuung.“
Es war dunkel, doch ich spürte Parkers Blick.
Ich spürte es immer, wenn er mich ansah, selbst wenn es dunkel war. Selbst wenn ich meine Augen schloss, spürte ich seinen Blick.
Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist.
„Nein“, hörte ich Parker. Jemand schien eine Frage gestellt zu haben. „Das Handy der Täterin wurde bisher nicht sichergestellt.“
Es war 10.39 Uhr.
„Wenn keine weiteren Fragen sind“, sagte Parker endlich, „möchte ich die Sitzung jetzt schließen. Das ganze Team hat hervorragende Arbeit geleistet. Vielen Dank!“
Alle applaudierten, auch ich.
Die Jalousien fuhren hoch. Im heller werdenden Raum verblassten die Bilder an der Wand. Parker lachte, er schüttelte ein paar Hände, auch die von Klaus Mittelberg, der als engster Vertrauter des Polizeipräsidenten galt.
Der Raum leerte sich langsam.
Ich packte meine Sachen zusammen.
Parker unterhielt sich mit der Rechtsmedizinerin. Sie war verdammt hübsch mit ihren kurzen, blonden Haaren und dem engen Rollkragenpullover. Ihre Augen klebten an seinem Mund.
Ich wandte mich zum Gehen.
„Ach, Frau Gaspar“, hörte ich Parkers Stimme.
Ich drehte mich um und sagte: „Ja?“
„In einer Viertelstunde in meinem Büro.“
Ich nickte nur. Er hatte unsere Verabredung um elf also nicht vergessen.

2. Kapitel

Das Polizeipräsidium lag mitten in der Altstadt von Ulm, direkt am Münsterplatz. Ich stand an einem Fenster im dritten Stock und blickte hinaus. Gegenüber glänzte das Ulmer Münster in der Sonne. Bis zu meinem Termin mit Parker waren es noch gut zehn Minuten. Noch immer versuchte ich, dieses verdammte Lied von Nena aus meinem Kopf zu bekommen, doch es war sinnlos.
Liebe sucht nicht, Liebe fragt nicht, Liebe ist, so wie du bist.
Parker und ich hatten uns in Rumänien kennengelernt, da war ich gerade mal sechzehn gewesen. Obwohl ich in Rumänien geboren wurde, wuchs ich in dem Bewusstsein auf, mehr deutsch als rumänisch zu sein. Denn die Vorfahren meiner Mutter waren sogenannte Donauschwaben, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Ulm nach Rumänien ausgewandert waren. Für meine Mutter hießen die Städte in Siebenbürgen nach wie vor Temeschburg (und nicht Timisoara), Hermannstadt (und nicht Sibiu) oder Kronstadt (und nicht Brasov). In unserem Esszimmer hatte ein Kupferstich vom Ulmer Münster gehangen, der noch von der Großmutter meiner Mutter stammte. Für meine Mutter hatte das Ulmer Münster denselben Symbolgehalt gehabt wie die Freiheitsstatue von New York.
„Wenn wir nur schon in der Bundesrepublik wären“, hatte meine Mutter immer gesagt.
Bereits kurz nach meiner Geburt hatte sie den Antrag auf die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland gestellt. Das war 1981 gewesen. Seitdem hatten wir auf ein Visum gewartet. Es war nie gekommen.
Noch immer blickte ich zum Münster hinüber. Es hatte drei spitze Türme, einen großen vorne und zwei kleine hinten. Der große Turm war mit seinen 161 Metern der höchste Kirchturm der Welt. Das Münster sah aus als hätte es keine Angst, weder vor Gott noch vor dem Teufel. Das hatte mir schon als Kind imponiert.
Es war 10.52 Uhr.
Der Name meiner Mutter war Mira Einhorn. Das war ein wunderbarer Name, fand ich. Doch die Liebe zu meinem Vater war das größere Wunder gewesen. Mein Vater war ein freidenkender Mensch gewesen, doch in Liebesdingen eher konservativ. Alle sollten wir so heißen wie er: Gaspar.
Liebe sucht nicht, Liebe fragt nicht …
Meine Mutter war Architektin und entstammte einem gebildeten Elternhaus. Ihr Leben schien vorgezeichnet, doch dann verliebte sie sich in einen Mann, der alles andere als einfach war. Mein Vater war Journalist und hatte gegen das kommunistische System Ceausescus angeschrieben. Meine Mutter sagte immer, die Liebe sei stärker als der Hass und die Vernunft besiege die Dummheit.
Doch sie hatte sich getäuscht.
Im Juni 1990 hatten meine Eltern zur falschen Zeit am falschen Ort gegen das kommunistische System und für die Freiheit demonstriert. Ceausescu war zu diesem Zeitpunkt zwar schon hingerichtet worden, doch sein ehemals engster Vertrauter Iliescu hatte die Nachfolge angetreten. „Wenn wir jetzt nicht aktiv werden, verändert sich wieder nichts“, hatte mein Vater gesagt. Und meine Mutter war mitgegangen. Zuletzt waren meine Eltern auf dem Universitätsplatz von Bukarest gesehen worden, wo sie mit anderen gezeltet hatten. Der Platz war von uniformierten Soldaten mit Helmen und Schlagstöcken geräumt worden. Niemand wusste, wo diese Soldaten plötzlich hergekommen waren. Erst später stellte sich heraus, dass es Bergarbeiter aus dem Jiu-Tal gewesen waren. Iliescu hatte sie dafür bezahlt, dass sie nach Bukarest marschierten und die Demonstranten verprügelten. Seitdem waren meine Eltern verschwunden. Einfach weg. Es gab Leute, die glaubten, meine Eltern seien tot. Meine Eltern seien noch in derselben Nacht in Rumänien erschossen worden. Ich glaubte das nicht. Darüber hätte ich längst Klarheit haben müssen. Mittlerweile hätten die Behörden mich informiert, aber die Namen meiner Eltern tauchten in keinem Archiv auf. Andere Leute behaupteten, dass meinen Eltern die Flucht nach Serbien gelungen sei, dass sie über die Donau hatten fliehen können.
1990 war ich elf Jahre alt gewesen.
Seitdem wusste ich, dass man kämpfen musste, um zu überleben.
Es hatte zwar noch eine Schwester meines Vaters gegeben, doch der Kontakt war nie sehr eng gewesen, und Tante Mara hatte selbst vier Kinder gehabt, die sie nur mit Mühe versorgen konnte. An die Jahre im Waisenhaus erinnerte ich mich kaum noch. Ich hatte viel gelesen. Ich war eine gute Schülerin gewesen. Ich hatte alles getan, um so schnell wie möglich wieder rauszukommen. Nur an die Mädchen, die von der Polizei ins Heim gebracht worden waren, meist nachts, an die erinnerte ich mich heute noch. Sie hatten Suzana geheißen, Bredica oder Dorina. Nutten seien das, hatte es dann geheißen, auf Rumänisch: gospodinele. Ich erinnerte mich an ihr Weinen in der Nacht und an ihre verstörenden Blicke bei Tag. Meistens waren die Mädchen nach einer Woche wieder fort. Damals hatte ich nicht gefragt, wohin sie verschwanden. Damals war mir aber klar geworden, dass ich nicht die Einzige mit einem harten Schicksal war.
Ich hielt mein Smartphone fest in der Hand. Es war 10.56 Uhr.
Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist, so wie …
Verdammt! Wieder presste ich beide Hände gegen die Schläfen, als ob das etwas nützen würde.
Der Himmel über dem Ulmer Münster war blau.
„Der Mensch ist frei wie der Vogel, der seine Kreise am Himmel zieht“, hatte mein Vater immer gesagt. „Du musst nur lernen, zu fliegen.“
Mein Vater war ein Mensch, der aufgrund seines Charakters nicht in einer Diktatur leben konnte. Ein mutiger Mann sei er gewesen, sagten seine Freunde. Ein Querulant, ein Staatsfeind, die anderen. Ich weiß, dass er ein Träumer war. Bereits als kleines Mädchen hatte ich mit ihm viel zu ernste Gespräche über die Liebe geführt, über Politik und vor allem über Freiheit. Aber die Freiheit, die er meinte, war mir mit den Jahren immer unheimlicher geworden. Letztlich war er es gewesen, der mir die Flügel gebrochen hatte, noch bevor sie mich trugen.
768 Stufen hatte das Ulmer Münster. Als ich sie zum ersten Mal hinaufgestiegen war, hatte ich bei jedem Schritt an meine Eltern gedacht. Wie gerne hätte ich meiner Mutter gesagt, dass ich jetzt hier war, in Ulm, dass ich es geschafft hatte.
Ich blickte hinab. Auf dem Platz vor dem Präsidium jagten Kinder ein paar Tauben hinterher.
Weil ich eine so gute Schülerin war, hatte ich später ein Stipendium an der Universität in Bukarest bekommen. Ich entschied mich für Volkswirtschaft und für Journalismus. Erst da, sechs Jahre nach dem Verschwinden meiner Eltern, in meiner ersten eigenen Wohnung, stürzte ich ab. Das aber verdammt gründlich. Jede Nacht zog ich durch die Straßen von Bukarest. Ich trank wie ein Kerl und weinte wie das Kind, das ich nicht mehr war. In dieser Zeit lernte ich Parker kennen. Damals hatte er noch lange Haare gehabt. Wir hatten uns angesehen und alles war klar gewesen, einfach so. Ich hatte ihm eine Strähne aus dem Gesicht gestrichen und er war mitgekommen, einfach so.
Liebe sucht nicht, Liebe fragt nicht, Liebe ist, so wie …
Mein Studium war den Bach runtergegangen, und das Einzige, was mich neben Parker noch über Wasser gehalten hatte, war mein Filmprojekt gewesen. Jahrelang hatte ich an einem Dokumentarfilm über Zwangsprostitution in Rumänien gearbeitet. Natürlich hatte ich die Welt damit verändern wollen, ich dachte, mein Film sei ein Paukenschlag, der die internationale Politik aufrütteln würde. Doch das Projekt war mir immer weiter entglitten. Am Ende hatte ich nicht einmal mehr eine Finanzierung dafür bekommen, keine Fördergelder, kein Stipendium, nichts. Am Ende war ich es gewesen, die sich verändert hatte. Ich war zu einem Schatten meiner selbst geworden.
Einfach so.
Ich blickte in den Himmel. Freiheit war nichts für Schwächlinge, die glaubten, sie bräuchten nur die Tür zu öffnen und da draußen warte etwas Großes auf sie. Die glaubten, wenn sie das taten, was verboten war, bereits frei zu sein. Oh nein. Freiheit war ein verdammt kreativer Prozess. Ich wusste das. Das Problem dabei war, dass du deine Welt erschaffen musst, bevor sie dir die Kraft dazu rauben. Auch das wusste ich. Denn ich hatte es nicht geschafft.
Ich hatte es einfach nicht geschafft.
Vielleicht hätte ich es geschafft, wenn meine Eltern nicht verschwunden wären. Oder wenn ich es zugelassen hätte, Parker zu lieben.
Ein heller Ton ließ mich zusammenfahren. Ich blickte auf mein Handy, eine WhatsApp.
Alles klar?, schrieb Lars.
Danke, ja, schrieb ich zurück.
Kommst du zum Abendessen? Dann koche ich etwas.
Okay, 19 Uhr.
Super, freu mich.
Ich mich auch, tippte ich und steckte das Handy wieder ein.
Lars war mein Freund. Er war ein erfolgreicher Steuerberater, und wir waren schon seit einem Jahr zusammen. Und ja, wir waren glücklich.
Meine Beziehung zu Parker war nie linear verlaufen. Phasen großer Leidenschaft und Nähe hatten sich mit eher schwierigen Phasen abgewechselt, die immer wieder bis zum Kontaktabbruch geführt hatten. 2001 war Parker dann ganz nach Deutschland zurückgegangen. Anfangs hatte ich mich gesträubt, doch als es mir immer schlechter in Bukarest gegangen war, hatte ich sein Angebot schließlich angenommen: „Komm nach Deutschland und werde Polizistin“, hatte er gesagt. Und ich hatte „Ja“ gesagt.
Einfach so.
Denn es war mir klar geworden, dass ich auf diesem Weg Mädchen wie Bredica oder Dorina besser helfen konnte als mit meinem Film.
Ein letztes Mal blickte ich zum Münster hinüber, dann löste ich mich vom Fenster und ging den Gang entlang. Nachdem meine Vorfahren vor über 150 Jahren ausgewandert waren, war ich nun also wieder da. Das letzte Einhorn war zurückgekehrt.
Um 11.06 Uhr klopfte ich an Parkers Bürotür.

3. Kapitel

Parker saß schweigend hinter seinem Schreibtisch. Ich saß ihm gegenüber und drückte den Plastikbecher in meiner Hand zusammen. Dann ließ ich ihn wieder los. Es knackte. Wir sahen uns an. Beide bemühten wir uns um neutrale Gesichter, kein Lächeln, keine Erinnerung, keine Gefühle.
Sein Aftershave und der Geruch von Kaffee lagen in der Luft.
Parker hatte ein klares Mönchsgesicht, das nur durch seinen sinnlichen Mund Lügen gestraft wurde. Über seiner Oberlippe war die kleine Narbe, die ich so gut kannte. Mehr als ein Jahr war es jetzt her, seitdem wir uns zuletzt geküsst hatten, doch in diesem Moment fühlte es sich an wie gestern.
Ich räusperte mich und sagte: „Ich bin froh, dass er tot ist.“
„Ich weiß“, sagte Parker.
„Er war ein Schwein“, sagte ich und fügte auf Rumänisch hinzu: „Porcul.“
„Darum geht es nicht.“
„Sondern?“
„Wir sind das Gesetz.“
„Ach ja, natürlich.“
Parker faltete seine Hände. Während er mir erklärte, dass der Anwalt von Oxana Popescu mit Sicherheit auf Schuldunfähigkeit oder Notwehr plädieren würde, womit sie gute Chancen habe, glimpflich davonzukommen, starrte ich auf das Foto an der Wand. Es war Bela Titus – schon wieder dieses Affengesicht, das mir den Magen umdrehte.
Ich starrte auf Parkers Mund.
Keine Erinnerung!
Der Mund von Oxana Popescu war klein gewesen, herzförmig und mit einer harten Linie umrandet. Als ich sie gebeten hatte, ihn zu öffnen, hatte sie mir ihre entzündete Kehle präsentiert. Die gesamte Mundhöhle war mit Ekzemen bedeckt gewesen, mit knorpelartigen, blutigen Geschwülsten, aus denen der Eiter gekommen war.
Ich versuchte, das Bild zu verdrängen.
„Du fährst doch morgen?“, fragte er.
Auf diese Frage hatte ich gewartet. Ich nahm noch einen Schluck Kaffee, bevor ich sagte: „Ich weiß nicht. Ich habe kein gutes Gefühl.“
„Aber den Flug hast du gebucht?“
„Schon vor drei Wochen.“
Am nächsten Morgen würde ich von Stuttgart nach Hermannstadt (Sibiu) fliegen. Zumindest war es so geplant. Von dort aus würde es mit dem Auto weitergehen in Richtung Kronstadt (Brasov) in ein Hotel in den Karpaten.
Und wenn ich nicht flog?
Wer zwang mich dazu?
Noch konnte ich alles absagen.
Vor vier Wochen hatte ich eine Einladung erhalten. Sie war an das Präsidium adressiert gewesen, Parker hatte sie mir überreicht. „Was ist das?“, hatte ich gefragt. Es war das erste Mal gewesen, dass ich überhaupt Post über das Präsidium bekommen hatte. „Keine Ahnung, mach’s auf“, hatte Parker geantwortet und mich dabei angesehen. Bereits damals hatte ich das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmte. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich geglaubt, dass Parkers Maske verrutscht war. Der Blick, den er mir zugeworfen hatte, war aus der Vergangenheit gekommen.
„Du wirst das Flugticket doch nicht verfallen lassen?“, fragte Parker.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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