Pseudonym als Marketingtrick? J K Rowlings „heimlicher“ Krimi „Cuckoo’s Calling“ stürmt Bestseller-Listen

Quizfrage: Was haben die Autoren Richard Bachmann, Nathan Zuckermann und Robert Galbraith gemeinsam? Ganz einfach – es gibt sie gar nicht, denn hinter diesen Pseudonymen verbergen sich zwei bekannte Schriftsteller, und eine bekannte SchriftstellerIN. Nämlich Stephen King, Philip Roth und … J K Rowling. Doch dass sich hinter dem Autor der zunächst eher unscheinbaren Krimi-Neuerscheinung „The Cuckoo’s Calling“ tatsächlich die Erfinderin der Harry Potter-Saga versteckt, wissen wir erst seit dem 14. Juli. An diesem Tag landete die Londoner Sunday Times mit der Offenlegung dieser publizistischen Mimikry wohl den literarischen Scoop des Jahres.

Der Ruf des Kuckucks kam via Twitter

Die Geschichte der Aufdeckung liest sich selbst wie ein Detektivroman: Nach einem anonymen Hinweis via Twitter hatte das Blatt recherchiert, und interessante Parallelen zwischen J K Rowlings erstem Post-Potter-Roman „Casual Vacancy“ und „Cuckoos Calling“ entdeckt – die Namen von Agent, Verlag und Lektor sind in beiden Fällen identisch. Zudem schien die Cover-Story von Galbraith unglaubwürdig – für das Erstlingswerk eines pensionierten Armeeangestellten las sich der Krimi einfach zu gut. Hinzugezogene Computerlinguisten (!) bestätigten dann starke strukturelle Ähnlichkeiten mit „Casual Vacancy“, aber auch mit „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“. Am Ende stellte man J K Rowling ganz einfach per E-Mail die Frage: Sind Sie Robert Galbraith?

Kindle-Version auch in Deutschland ein Bestseller

Was die Bestseller-Autorin dann prompt zugab. Fertig war der Scoop, und natürlich auch der neue Bestseller. Denn innerhalb von nur 24 Stunden nach dem Sunday Times-Artikel wurde das Buch an die Spitze der Ranking-Listen katapultiert. War „Cuckoos Calling“ vorher ein Ladenhüter – in Großbritannien waren laut Verlag zwischen April und Mitte Juli nur 1.500 Exemplare verkauft worden – wurde es jetzt zur begehrten Mangelware, die manche Fans auf Ebay teuer ersteigerten. Abgemildert wurde der Run natürlich durch die parallel verfügbare E-Book-Version, die nun sogar in Deutschland, obwohl natürlich englischsprachig, nun auf Platz 40 in Amazons Kindle-Charts steht.

Fast 500.000 Exemplare werden nachgedruckt

Inzwischen wird aber auch eifrig nachgedruckt – in den USA soll Hachette satte 300.000 Exemplare produzieren, beim britischen Publisher Little, Brown will man immerhin 140.000 Exemplare nachliefern. Bis der Nachschub vor Ort verfügbar ist, werden aber wohl viele Leser aus lauter Ungeduld lieber die Kindle-Version herunterladen. Wie groß die Fangemeinde von J K Rowling mittlerweile ist, zeigt schon ein Blick auf die Zahl ihrer Twitter-Follower: derzeit folgen ihr beim Zwitscherdienst mehr als 2 Millionen LeserInnen. Ob der Twitter-Tipp an die Sunday Times, der den Scoop auslöste, gezielt lanciert wurde, ist übrigens eher zweifelhaft – der Verlag dementiert, und auch das hastige Anwerfen der Druckerpresse scheint dagegen zu sprechen.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".