Home » E-Book-Handel, Lesen & Schreiben

Projekt “Beyond 140″: Funktioniert Twitteratur auch mit 10.000-Zeichen-Limit?

7 Jan 2016 0 Kommentare

twitteratur-mit-10k-zeichen-limit“Beyond 140″: Das neue Twitter-Projekt klingt ungefähr so bahnbrechend wie BPs Projekt “Beyond Petroleum” – denn die Begrenzung eines Tweets auf SMS-Länge gehört seit dem Start des “Kurznachrichtendienstes” zur DNA des globalen Gezwitschers. Stattdessen will Gründer und CEO Jack Dorsey jetzt laut Re/Code ein neues Limit setzen: 10.000 Zeichen, also etwa den Umfang eines längeren Blog-Artikels oder Zeitungs-Aufmachers.

Twitter will mehr Nutzer ansprechen

Twitter würde damit anderen sozialen Netzwerken ähnlicher, siehe auch den Übergang vom “Faven” zum “Liken”, doch ob solche Maßnahmen die vergleichsweise schlappen Nutzerzahlen am Ende deutlich erhöhen würde (denn das ist offenbar Hauptmotiv bei “Beyond 140″), scheint aber eine ganz andere Frage. Bei Direkt-Messages von Twitterer zu Twitterer gibt’s das erhöhte Limit ohnehin schon, und in der traditionellen Timeline wird auch immer öfter getrickst, seitdem es die “Inline-Images” eingeführt wurden, also Bilder, die wie bei Facebook direkt im News-Stream angezeigt werden.

Reaktion auf Screenshot-Tweets?

Was wiederum die Macher der Zwitschermaschine zum Nachdenken gebracht hat: “Wir beobachten schon seit längerem, was die leute auf Twitter machen: sie tweeten Screenshos von [längeren] Texten”, so Dorsey in einem Statement zu Beyond 140, passenderweise als Bild über sein Twitter-Account versendet (siehe unten). Und fährt fort: “Wie wäre es, wenn stattdessen dieser Text … tatsächlich Text wäre? Text der durchsuchbar ist? Text der sich highlighten lässt? Das wäre ein sehr nützliches und mächtiges Feature”.

Viele Tweets in der traditionellen Timeline könnten in Zukunft also zu bloßen Teaser-Texten für das eigentliche Posting mutieren. Das droht nicht nur die große Gemeinde der Twitter-Puristen zu vergrätzen, sondern auch die Regeln der Twitteratur über den Haufen zu werfen, einer Literatur-Form, die inzwischen selbst in altehrwürdigen Zeitschriften wie Klett-Cottas “Merkur” abgefeiert wird.

“Wütend davonstürmen, in Flip Flops”

Gerade erst begeisterte sich dort etwa Holger Schulze (“Trinken gehen und Bus fahren: E-Books und kleine Formen”) über die im 140-Zeichen-Formalismus steckende “Poetik der lakonischen Miniatur, des dichten Moments”, wie man sie etwa in den Twitteratur-E-Books des Berliner Frohmann-Verlags erleben kann. Wahrscheinlich könnte man einen Satz wie “Wütend davonstürmen, in Flip Flops” auch zur Novelle mit 10.000 Zeichen ausbauen – vom poetischen Prinzip der kleinen Form bliebe dann aber nichts übrig.

“Das Netz ist der Raum für Statusmeldungen”

Vielleicht sollte Jack Dorsey auf so jemanden wie Christiane Frohmann hören: “Das Netz ist, anders als ein Buch oder Sterbebett, kein passender Ort für letzte Worte, es ist der Raum für ständig zu aktualisierende Statusmeldungen”, postuliert die Berliner E-Book- und Twitteratur-Verlegerin. Das schnelle Texten on the Fly, das deutlich mehr mit Instagram und Instant Gratification zu tun hat als gemeißelten Res Gestae, hat sie “instantanes Schreiben” getauft.

Man könnte es auch Twitters “Unique Selling Proposition” nennen – denn je kürzer, desto spontaner. Das sieht zum Glück auch Jack Dorsey so: “Die Begrenzung auf SMS-Länge ist eine schöne Regel, ich liebe sie! Damit werden Kreativität und Prägnanz gefördert. Und ein Gefühl von Geschwindigkeit vermittelt”, schreibt er relativierend in seinem Statement. Die Mehrheit der Tweets solle deswegen auch weiterhin drei Kriterien erfüllen: “short and sweet and conversational”.

Hier Jack Dorseys Maxi-Tweet im Wortlaut:

Abb. ganz oben: Flickr/Jennie (cc-by-sa-2.0)

Comments are closed.