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[Crosspost] “Pro Monat setze ich rund 30.000 E-Books ab” – Interview mit Jürgen Schulze (Null Papier Verlag)

11 Apr 2014 Sebastian Brück 5 Kommentare

Der Neusser Jürgen Schulze hat Deutschlands vermutlich erfolgreichsten Ein-Mann-Verlag auf die Beine gestellt: Null Papier. Schulze verkauft ausschließlich E-Books, mit dem Schwerpunkt auf gemeinfreien Klassikern, monatlich rund 30.000 Stück. Mit einer Gesamtausgabe von Grimms Märchen stand er bei Google Play wochenlang auf Platz eins in den E-Book-Charts. Im Interview spricht er über Vorurteile gegen E-Books, den Unsinn von hartem Kopierschutz, die abnehmende Dominanz von Amazon, die Prüderie im iBooks Store und die Zukunft des digitalen Buchmarkts.

Den Null Papier-Verlag haben sie 2011 gegründet, ohne jede Verlagserfahrung. Wie viele E-Books haben Sie seitdem abgesetzt? Können Sie davon leben?

Verkauft habe ich insgesamt circa 400.000 E-Books. Dazu kommen circa 1,3 Millionen, die ich als Gratis-Downloads verschenkt habe. Von einem 99 Cent-Buch, das ich bei Amazon, Thalia, Google Play und all den anderen Online-Shops verkaufe, bleiben um die 30 Cent bei mir hängen. Pro Monat setze ich rund 30.000 E-Books ab, von denen einige auch 1,99 Euro kosten. Für mich als Einzelkämpfer lohnt sich das also auf jedem Fall. Als selbständiger Verleger verdiene ich mehr als in meiner vorherigen Festanstellung in der IT-Branche – noch dazu habe ich weitaus mehr Spaß, allerdings auch sehr viel mehr Arbeit.

Sie haben sich auf E-Book-Ausgaben gemeinfreier Klassiker spezialisiert, also auf Bücher, bei denen der Autor – und gegebenenfalls auch der Übersetzer – seit mindestens 70 Jahren tot ist. Lohnt sich dieses Geschäftsfeld für die etablierten Verlage nicht?


Vermutlich haben die das durchkalkuliert, und ihnen waren die Margen zu klein. Inzwischen haben sie sicher gemerkt, dass man mit gemeinfreien Klassikern durchaus Geld verdienen kann. Allerdings haben ich und andere E-Book-Verleger und –Verlage in dieser Sparte inzwischen so viel Vorsprung, dass sich die Publikumsverlage lieber wie gehabt um ihr Kerngeschäft kümmern und Bücher von lebenden Autoren herausbringen. Ich gebe mich da aber keinen Illusionen hin: Wenn jetzt doch noch ein großer Verlag auf die Idee käme, den gesamten Backkatalog an Klassikern günstig als E-Book anzubieten, stünde ich schlecht da.

Ist Null Papier gemessen an den verkauften E-Books der erfolgreichste Digitalverlag in Deutschland?


Das weiß ich nicht, aber wenn es eine Rangliste gäbe, wäre ich sicherlich in den Top 3.

Warum gründet man als Seiteneinsteiger einen Verlag?

Ich bin technikaffin und selbst ein begeisterter Leser. Also habe ich mir im März 2011 aus den USA den Kindle-Reader kommen lassen, noch vor dem offiziellen Start in Deutschland. Auf Amazon.com lief damals bereits das Programm für Self Publisher, Kindle Direct Publishing (KDP), und zum Spaß habe ich ein erstes E-Book produziert und hochgeladen: „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch. Damals gab es bei KDP so gut wie keine deutschsprachigen E-Books, dennoch habe ich täglich mehrere Exemplare verkauft. Ein paar Monate später startete KDP auch bei uns, und sofort schnellten die Zahlen nach oben, „Max und Moritz“ waren in den Charts. Ich habe die Einnahmen hochgerechnet, und mir war schnell klar, dass ich sie auch bei der Steuer angeben muss. Da kam der Gedanke, es lieber gleich richtig zu machen und einen Verlag zu gründen. Wobei ich nach diversen Nummer-Ein-Plazierungen in den Online-Stores von Amazon und Google jetzt schon viel mehr erreicht habe, als jemals erträumt.

Cover, Bildbearbeitungen, Satz, Webdesign – Sie machen alles selbst?

Ja, in 20 Jahren IT-Branche habe ich gelernt, damit umzugehen. Allenfalls Korrektorat und Lektorat lagere ich manchmal aus. So habe ich die volle Kontrolle und kann die Verlagskosten gering halten.

Apropos „gering“: Wieso hat sich allgemein der E-Book-Standardpreis für Klassiker bei nur 99 Cent eingependelt?

Zum einen verlangen die wenigen großen Verlage, die gemeinfreie Klassiker auch in einer Digitalversion anbieten, meist zwischen fünf und sieben Euro pro E-Book, und das ist schon sehr verwegen – nicht zuletzt, weil es unter den Lesern auch eine Fraktion gibt, die der Meinung ist, gemeinfreie Bücher gehörten allen und dürften daher gar nichts kosten. Zum anderen bietet Amazon seit Jahren eine Vielzahl von gemeinfreien Klassikern zum Gratis-Download an – von Karl May bis Rainer Maria Rilke. Nicht wirklich ein Vergnügen: Diese E-Books bieten keinerlei Extras, und oft sind Rechtschreibfehler und falsche Absatzumbrüche enthalten. Dennoch haben sie gewisse Erwartungen verfestigt. Für meine Klassiker-Ausgaben, die zum Teil auch als Amazon-Gratisversion zu haben sind, kann ich daher im Preis nicht allzu hoch gehen. Es gibt jedoch genügend Kunden, die bereit sind 99 Cent in einen Mehrwert zu investieren. Dafür biete ich überarbeitete Texte, Illustrationen und vernünftige Umbrüche, ein klickbares Inhaltsverzeichnis sowie erklärende Fußnoten, etwa bei Fremdwörtern oder wenn in einem Roman eine Person erwähnt wird, die real existiert hat: Ein Künstler, ein Politiker, ein Adliger, ein Verbrecher. Manchmal stoße ich auch auf Übersetzungsfehler, die erkläre ich dann ebenfalls.

Zum Beispiel?

In einer Sherlock Holmes-Erzählung isst der Protagonist in der englischen Ursprungsversion ein Sandwich. In der ersten deutschen Übersetzung, die Grundlage meiner Ausgabe ist, machte der Übersetzer aus dem Sandwich ein belegtes Brötchen. Ich habe das in einer Fußnote erklärt und in meiner Ausgabe „Sandwich“ übernommen. Die Leser wissen schließlich, dass das Buch in England spielt, da passen die anglophilen Ausdrücke oft einfach besser, genauso habe ich zum Beispiel „Cognac“ in „Brandy“ geändert und „Bakerstraße“ in „Baker Street“. Generell versuche ich die Originaltexte bzw. Übersetzungen so wenig wie möglich aber so viel wie nötig anzutasten.

Manchmal packen Sie sogar das Gesamtwerk eines Autors in ein einzelnes E-Book.

Zuletzt habe ich das bei Stefan Zweig gemacht, dessen Bücher 2013 gemeinfrei geworden sind. Ich habe mich bei der Recherche intensiv mit seiner Vita beschäftigter, kannte vorher nur die „Schachnovelle“ und habe mich gewundert, wie viele Texte er verfasst hat: Dramen, Lyrik, Novellen. Also habe ich dann alle wichtigen Werke – bis zum Abschiedsbrief vor seinem Selbstmord – zusammengetragen, in Druckfassung wären das rund 7000 Seiten.

Sie sprachen anfangs davon, dass sie über Ihren Verlag selbst Gratis-E-Books anbieten.

Für jedes Genre gibt es einen Appetithappen, der über die gängigen Online-Shops kostenlos zu laden ist – mit Ausnahme von Thalia und Weltbild, die generell keine Gratisbücher anbieten. Auf jedes bezahlte E-Book kommen in meinem Programm ungefähr vier kostenlose. Mein erstes Null Papier-Buch „Max und Moritz“ biete ich mittlerweile umsonst an, derzeit wird es allein bei Amazon etwa 300 Mal täglich heruntergeladen.

99 Cent-Klassiker und Gratis-Downloads – für Kritiker wie Friedrich Forssman, einen Mitarbeiter der Arno Schmidt-Stiftung, der sich vor rund zwei Monaten im Blog des Suhrkamp-Verlags über die Minderwertigkeit von E-Books beschwerte („ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang“) und prompt hier, da und dort auf das entsprechende Echo aus der E-Book-Szene stieß, wäre das eine Steilvorlage.

Ich habe das mit halbem Auge verfolgt. Generell bringen selbstreferenzielle „Böse E-Books, gute E-Books“-Diskussionen aus Lesersicht überhaupt nichts, denn 99,9 Prozent der Käufer interessieren sich nicht dafür. Mir geht es in erster Linie um die Leser, also halte ich mich da raus und mache mein Ding, denn das kostet schon genug Zeit und Energie. Abgesehen davon schadet es sicher nicht, wenn viele Menschen über das Medium E-Book die alten Literaturklassiker neu entdecken. Früher gab es, von Reclam abgesehen, keine Papierbuchverlage, die sich dauerhaft um Klassiker gekümmert haben.

Wie viele Titel haben Sie im Programm, und anhand welcher Kriterien entscheiden Sie, welche neuen Titel Sie veröffentlichen?

Derzeit sind es 161. Zum einen orientiere ich mich an Listen wie Harenbergs „Buch der 1000 Bücher“, zum anderen schaue ich jeden Frühling, welche Autoren ab 1. Januar des kommenden Jahres gemeinfrei werden und wer von ihnen für mich interessant wäre. Und manchmal stoße ich auch per Zufall auf spannende Bücher, zum Beispiel, wenn ich recherchiere, wen der Übersetzer eines Klassikers sonst noch übersetzt hat. Außerdem beobachte ich, was sich bei lebenden Autoren gut verkauft und welcher Klassiker dazu passen könnte. Nach dem Erfolg von „Shades of Grey“ habe ich „Die Memoiren einer russischen Tänzerin“ herausgebracht, eine Art Soft-SM-Geschichte aus dem Jahr 1900, dessen Autor nur unter den Initialen E.D. bekannt ist.

Wie funktioniert die technische Umsetzung vom Buch zum E-Book?


Frei verfügbare Quellen wie Gutenberg.org spielen für mich keine Rolle. Ich besorge mir das gemeinfreie Original antiquarisch als Papierbuch, in möglichst guter Qualität. Mit einer Schneidemaschine trenne ich den Buchrücken so, dass die Kanten möglichst gerade sind. Dann benutze ich einen Einzugscanner und ein Programm für optische Zeichenerkennung. Bei Nicht-Fraktur-Texten werden so zwischen 90 und 99 Prozent korrekt erkannt und in eine Textdatei umgesetzt. Bei Frakturtexten ist die Fehlerquote höher, die Nachbearbeitung entsprechend aufwendiger.

Gab es schon einmal rechtliche Probleme – etwa, dass ein Verlag Einspruch gegen Ihre E-Book-Version eines Klassikers erhoben hat?

Nein, ich passe immer sehr genau auf, dass das Todesdatum des Autors bzw. Übersetzers mindestens 70 Jahre her ist.

[Ende des 1. Teils, der zweite Teil des Interviews ist am 15. April erschienen]

Autor & Copyright: Sebastian Brück

Abb.: Jürgen Schulze, Null Papier Verlag (c)

Crossposting via sebastianbrueck.blogspot.de mit frdl. Genehmigung des Autors

5 Kommentare »

  • 5 Lesetipps für den 11. April - Netzpiloten.de schrieb:

    [...] E-BOOKS e-book-news.de: “Pro Monat setze ich rund 30.000 E-Books ab”: Der Neusser Jürgen Schulze hat Deutschlands vermutlich erfolgreichsten Ein-Mann-Verlag auf die Beine gestellt: Null Papier. Schulze verkauft ausschließlich E-Books, mit dem Schwerpunkt auf gemeinfreien Klassikern, monatlich rund 30.000 Stück. Derzeit steht er mit einer Gesamtausgabe von Grimms Märchen bei Google Play auf Platz eins in den E-Book-Charts. Im Interview spricht er über Vorurteile gegen E-Books, den Unsinn von hartem Kopierschutz, die abnehmende Dominanz von Amazon, die Prüderie im iBooks Store und die Zukunft des digitalen Buchmarkts. [...]

  • Stephan Kreutzer schrieb:

    Mich würde einmal interessieren, ob Herr Schulze den rechtlichen Umstand anerkennt, dass durch die reine Digitalisierung eines gemeinfreien Werkes kein neuer urheberrechtlicher Schutz entsteht, seine Digitalisate also ebenfalls gemeinfrei sind (außer natürlich, es wurde die Schaffenshöhe durch eigene Änderungen am Original erreicht). Ferner würde mich interessieren, wozu das Soft-DRM gut sein soll und worin es besteht, da urheberrechtlich unabhängiges Kopieren und Distributieren von gemeinfreien Texten natürlich uneingeschränkt gestattet ist.

    Um etwaigen Missverständnissen gleich vorzubeugen: ich gehöre nicht zur Fraktion, die meint, dass die Digitalisierung (!) und Bereitstellung gemeinfreier Werke nichts kosten dürfe, aber ich weiß sehr wohl, dass gemeinfreie Bücher laut Urheberrechtsgesetz allen gehören (sagt ja allein schon der Name, der ist nicht durch Zufall so gewählt).

  • Storyseller: Arte erzählt eine eigenwillige Geschichte : πάντα ῥεῖ – Alles fließt. schrieb:

    [...] Kann mir jemand erklären, warum wir schon wieder bei dieser alten Diskussion gelandet sind, dass es ohne Verlage kein Kulturgut Buch gibt? In einer der Facebook-Diskussionen zu diesem Thema ging es darum, dass die Self Publisher bei Amazon vor allem das Groschenroman-Genre abdecken, das heute in der ursprünglichen Form sowieso nur noch in geringem Rahmen existiert. Aber warum verdient dann Jürgen Schulze so viel Geld mit der Publikation von Klassikern als E-Book? [...]

  • Buch/Handel 2020: Eine Branche – außer Kontrolle? « Exciting Commerce schrieb:

    [...] Null Papier Verlag: Als Ein-Mann-Unternehmen setzt der 2011 gegründete Null Papier Verlag ausschließlich auf E-Books mit einem Schwerpunkt auf gemeinfreien Klassikern. Nach Angabe von Betreiber Jürgen Schulze verkauft der Verlag inzwischen monatlich 30.000 E-Books. (via E-Book-News.de) [...]

  • Dirks Logbuch schrieb:

    Linkdump 17/2014 ……

    Gut gefüllt ist der Linkdump dieses Mal, viel Spass! TrueCrypt-Audit findet keine Hintertüren – was wir gehofft haben, wurde jetzt geprüft. Super! Auch das Verfahren, einen Verein zu gründen und darüber das Geld für den Audit einzusammeln, sollte Schul…

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