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Print ist links, digital neoliberal, Meinungsfreiheit ein Fall für die Wochenendausgabe…?

17 Okt 2018

Ist Print links, Digital liberal? Eine interessante Frage. „Selbst als links geltende Medienhäuser sind damit beschäftigt, ihre Tageszeitungen abzuschaffen“, tadelte kürzlich die „Junge Welt“ in einem Editorial, und meinte damit taz und Neues Deutschland. Die würden nämlich beide ihre Wochenendausgaben „aufblasen“ und den Ausstieg aus der werktäglichen Printausgabe planen. Tatsächlich „bastelt“ auch das ND nicht nur an „diversen digitalen Formaten“ herum, sondern serviert seinen Lesern Ende Oktober eine Blattreform: die dann bereits im Titel als „ND. Der Tag“ erkennbare Wochentags-Ausgabe schrumpft (außer donnerstags) von 20 auf 16 Seiten, Themen die nicht ganz wegfallen (wie etwa die Panorama-Seite) werden auf die jeweilige Wochenend-Ausgabe („ND. Die Woche“) verschoben. Zugleich wirbt ein grafisch frisch gestyltes Online-Magazin namens „Supernova“ um junge LeserInnen.

Die taz hat ja schon vor einiger Weile viele Ressourcen in Richtung Wochenend-Ausgabe und Online-Redaktion verschoben, und kurz vor dem Umzug ins neue Gebäude den GenossInnen schon mal den Ausstiegstermin in Sachen Werktags-Print prophezeit: 2022. Hintergrund dieses bisher nur „vorgeschlagenen“ Szenarios: Schon jetzt zahlt die Hälfte der pro-aktiven Lesergemeinde nicht für die gedruckte Ausgabe, sondern nur für die Samstagsausgabe, für das E-Paper oder spendet freiwillig für die kostenlos lesbare Online-Ausgabe.

„Mit dem aktuellen Schritt hinkt das ND der taz zwar mehr als drei Jahre hinterher — dafür wird das ND keine vier Jahre brauchen, um sich selbst als Tageszeitung abzuschaffen“, ätzt die JW. Und setzt selbstbewusst ihren eigenen Plan dagegen: weiterhin gedruckt und digital zu erscheinen, und damit — jetzt wird’s spannend — die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit sicherzustellen. Artikel 5 (1) zufolge hat ja jeder das Recht, sich aus „allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“.

Wie „allgemein zugänglich“ online-only-Inhalte sind, ist angesichts diverser Gatekeeper und oft unbemerkt waltender Filtermechanismen eine gute Frage. Die JW fordert deswegen lieber die Aufrecherhaltung „einer adäquaten (Print-)Infrastruktur, wie es mit dem deutschen Grossosystem entwickelt wurde“. So hätten auch kleinere Verlage „zumindest eine Chance, an Zeitungsverkaufsstellen präsent und damit allgemein zugänglich zu sein“.

Außerdem, so das Kalkül der JW, kann eine gedruckte Zeitung natürlich zusätzlich auf Demos verteilt oder im Kollegen- und Bekanntenkreis weitergegeben werden. Letztlich setzt die JW also auf den politisch-gesellschaftlichen Gebrauchswert der gedruckten Ausgabe — und stellt tatsächlich dann auch die These auf: wenn dieser Gebrauchswert stimmt, kann man „gegen alle Trends die [Print-]Auflage steigern“. 1.300 Print-Abos sollen bis Anfang 2019 hinzugewonnen werden, nebst 600 Online-Abos. Angesichts der politisch aufgeheizten Stimmung im Land könnte diese Rechnung tatsächlich aufgehen…