Eine Woche Prime Now in Berlin: Bücher bisher eher Nebensache

prime-now-in-berlin-startetMit großem Tamtam ist Amazons Sofortlieferdienst „Prime Now“ in der letzten Woche auch in Berlin gestartet: vom vorgeschobenen Logistik-Lager am Kudamm aus sind die Kuriere nun in der Hauptstadt unterwegs. Da man via Prime Now-App bekanntlich nicht nur Gemüse, Saft oder Taschentücher bestellen kann, sondern auch Taschenbücher oder Kindle-Reader, hat der neue Service Buchbranche & Feuilleton nicht kalt gelassen: “Bücher im Zwei-Stunden-Takt – Amazons neuer Angriff auf die Buchläden” titelte z.B. dradio Kultur schon im April. Doch wie real ist die Bedrohung tatsächlich?

Bluhms Blick ins Kudamm-Lager

Gedruckte Lektüre in 120 Minuten oder sogar 60 Minuten zum Leser zu bringen, das schafft bisher niemand, nicht zuletzt, weil es auch ziemlich teuer ist. Detlev Bluhm vom Berliner Landesverband des Börsenvereins war deswegen gleich mal vor Ort am Kudamm-Karree, unterhielt sich mit Amazon-Sprecher Stephan Eichenseher, und fasste seine Eindrücke auf dem Bookbytes-Blog so zusammen: „Das Angebot an Büchern ist bescheiden (…), Unterhaltung und Bildung spielen bei Prime Now offenbar eine untergeordnete Rolle“. Für den stationären Buchhandel sei Prime Now vorerst nur von geringer Relevanz. Zumindest bisher. Und mehr Bücher am Kudamm zwischenzulagern, das würden wohl schon die hohen Mietpreise verhindern.

Bücher bei Prime Now nur Nebensache

Schaut man in der Prime Now-App nach, merkt man schnell: Wie an anderen Prime-Now-Standorten auch wird das auf 500 Titel begrenzte Bücher-Angebot von Amazons Beliebtheits-Algorithmen bestimmt, was dann auch in Berlin abgesehen von ein paar Belletristik-Bestsellern zu einer sehr eklektisch bis absurd wirkenden Auswahl von Ratgebern, Sachbüchern und Gesetzestexten führt. Ähnlich wurde es ja schon von Branchenbeobachtern aus den USA und Großbritannien berichtet. Ob Amazon da noch mal nachjustiert, bleibt abzuwarten.

WELT hat Whisky bestellt

Viel wichtiger für das Unternehmen ist die Lieferung von Lebensmitteln und Verbrauchsartikeln — wo Amazon zukünftig ja sogar auf Eigenmarken setzt. Wer hungert oder wen es dürstet, wird die Express-Lieferung auf jeden Fall besonders zu schätzen wissen. „Büromaterial am Arbeitsplatz, Lebensmittel für den Feierabend, Geburtstagsgeschenk für Freunde“ schlägt Amazon selbst als Use-Case vor. Die WELT hat sich testweise via Prime Now eine Flasche Whisky bestellt, in den Postleitzahl-Bezirk 10179 alias Berlin-Mitte — insofern auch für mich interessant, denn das Medienbüro Mitte logiert ebenfalls in diesem „Premiumgebiet“ für 60-Minuten-Lieferungen.

Prime Now-App trackt Super Dario

Bei der „WELT“ dauerte es genau 39 Minuten, bis das flüssige Büromaterial eintraf — und das war nicht mal eine Überraschung. Die WELT schreibt: „Kaum ist die Bestellung abgeschickt, piepst das Smartphone: Eine SMS von Amazon, dass sich ein gewisser Dario um den Auftrag kümmert und innerhalb von einer Stunde da sein wird. Klickt man auf den Link in der SMS, bewegt sich auf dem Berliner Stadtplan auf einmal langsam ein blauer Punkt – von Charlottenburg aus – auf die Zustelladresse zu: Dario ist schon auf dem Weg.“

Dario transportierte den Glenfiddich übrigens in diesem Fall nicht auf einem „elektrisch angetriebenen Lastenfahrrad“, sondern per Auto, denn die von Amazons PR-Abteilung zum Start von Prime Now ausführlich ins Rampenlicht gestellten Drahtesel waren zumindest am ersten Tag noch gar nicht einsatzbereit…

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".