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Philo Vance, übernehmen Sie: Neues E-Book-Label hebt Krimischätze aus der Weimarer Republik

11 Nov 2014 2 Kommentare

Die Krimiszene der Weimarer Republik ist heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten, zwei Krimifans aus dem Westen der Bundesrepublik wollen jetzt einige dieser Schätze heben: Sebastian Brück und Jürgen Schulze (Null Papier Verlag) haben zu diesem Zweck das Imprint “Krimischaetze.de” aus der Taufe gehoben. Überarbeitet, in neuer Rechtschreibung und mit erklärenden Fußnoten versehen bringen sie ausgewählte Klassiker als E-Books neu heraus.

Die ersten sechs Titel sind seit dem Wochenende bereits online – darunter Übersetzungen aus dem Englischen (S.S. Van Dine) und Schwedischen (Julius Regis) wie auch deutschsprachige Originale: In je zwei Fällen ermitteln Philo Vance, berühmt geworden als „amerikanischer Sherlock Holmes“, sowie Detektivreporter Maurice Wallion, Urvater von Stieg Larssons „Millenium“-Protagonist Mikael Blomqvist. Zu neuem Leben erweckt werden aber auch die vergessenen Werke zweier jüdischer Autoren – nämlich die in Budapest, Paris und San Sebastián spielende Krimikomödie „Fräulein Bandit“ des Österreichers Joseph Delmont sowie den humorvolle Kriminalroman „Das verschwundene Haus – oder: Der Maharadscha von Breckendorf“ des Frankfurters Karl Ettlinger. Zum Start des neuen E-Book-Labels sprach E-Book-News mit Krimischätze-Ko-Gründer Sebastian Brück.

E-Book-News: Wie bist du eigentlich auf die Autoren der Weimarer Republik aufmerksam geworden?

Sebastian Brück: Ich habe bereits vor einigen Jahren als Leser angefangen, Autoren der Neuen Sachlichkeit für mich zu entdecken, zum Beispiel Hans Fallada, Joseph Roth oder Ernst Erich Noth. Da ich auch gerne Krimis lese, habe ich darüber hinaus nach Krimis aus der Weimarer Republik gesucht – und zunächst nur wenige gefunden. Und das, obwohl es in der zeitgenössischen Kriminalliteratur bei den großen Publikumsverlagen nach der Jahrtausendwende einen kleinen Trend zu Krimis gegeben hat, die in den 20er Jahren spielen – mit Autoren wie Volker Kutscher oder Susanne Goga. Aber das sind eben Bücher, die „heute“ geschrieben worden sind und „damals“ spielen. Mich hat noch mehr interessiert, welche Krimis die Leute schon „damals“ gelesen haben. Also habe ich in Antiquariaten immer wieder nach Krimis aus den 20er Jahren Ausschau gehalten und mich langsam ins Thema eingearbeitet. Tatsächlich gibt es Tausende Krimis, die während der Zeit der Weimarer Republik erschienen sind, sowohl Originalausgaben, als auch Übersetzungen aus dem englischen Sprachraum oder aus Skandinavien. Die meisten sind vergessen. Wir versuchen diejenigen zu finden, die immer noch lesenswert sind …

Wie macht ihr das eigentlich mit der Arbeitsteilung – wer ist für was zuständig?

Bei den Titeln mache ich die Vorauswahl, recherchiere, besorge mir Bücher, die interessant erscheinen. Bin dadurch schon ein relativ routinierter Frakturschrift-Leser geworden ;-)
Während dieser Vorauswahl fällt schon einmal mindestens die Hälfte weg: meistens, weil der Stil auch nach einer Überarbeitung für heutige Gewohnheiten zu altbacken wäre. Einmal habe ich einen schwedischen Autor aussortiert, weil das Buch mit rassistischen Anklängen durchsetzt war. Ein anderes Mal einen Krimi aus dem Jägermilieu mit erzkonservativem Frauenbild (ich fand zunächst die Biografie des Autors, ein Deutscher mit amerikanischem Vater, interessant). Ich lese zunächst immer die ersten und die letzten drei Seiten, und meist erkenne ich schon dann, ob das ein Buch sein könnte, bei dem es sich lohnt, es wieder zu veröffentlichen – oder eben nicht. Die Vorauswahl bespreche ich dann gemeinsam mit Jürgen Schulze, und wenn wir uns für einen Titel entschieden haben, übernimmt er die technische Bearbeitung (Scan, Satz, Cover), ich überarbeite den Text, erstelle Fußnoten sowie Begleittexte.

Was macht den besonderen Reiz dieser Texte für dich aus?

Krimis sind heute das führende Genre in der Unterhaltungsliteratur. Aber mit welchen Krimis haben sich die Menschen abgelenkt, die gerade den ersten Weltkrieg hinter sich hatten? Wie wird der deutsche Alltag in diesen Krimis beschrieben? Welche Krimis aus anderen Ländern gelangten in die Weimarer Republik? Ich finde diese Fragen hochinteressant. Natürlich sollen die Bücher, die wir bei krimischaetze.de neu herausgeben, in erster Linie unterhalten. Sie sind aber auch Zeitdokumente, und das versuchen wir mit den Fußnoten aufzufangen, in denen wir bestimmte Hintergründe und Begriffe erklären.
Ich finde es besonders reizvoll, Titel auszuwählen, die „satirisch“ und/oder „international“ angehaucht sind. So führt die Krimikomödie „Fräulein Bandit“ des Österreichers Joseph Delmont zum Beispiel von Budapest aus durch halb Europa, mit einer für die damalige Zeit sehr „emanzipierten“ Protagonistin, die einen Pilotenschein macht und auf eigenen Beinen stehen möchte, anstatt wie es ihre Familie verlangt, einen Mann aus „ihren Kreisen“ zu heiraten.

Bei Ettlingers “Maharadscha von Breckendorf” geht’s allerdings nicht nur um Humor…

Ja, der Krimi von Karl Ettlinger hat komödiantische und gesellschaftssatirische Elemente: Er zeigt, wie in einer Kleinstadt eine Massenhysterie ausbricht, weil ein unbekannter Gauner sein Unwesen treibt und Polizei und Öffentlichkeit an der Nase herumführt. Und wenn ein jüdischer Deutscher wie Ettlinger 1922 über Massenhysterie und Opportunismus in einer Kleinstadt schreibt, liest man das aus heutiger Sicht auch mit dem Wissen, dass elf Jahre später im Zuge von Massenhysterie und Opportunismus die Nazis an die Macht kamen, Autoren wie eben diesen Ettlinger aufgrund seiner Herkunft mit einem Schreibverbot belegten und Deutschland und Europa in den Abgrund führten.
In diesem Sinne machen für mich auch die persönlichen Lebensgeschichten von heute vollkommen vergessenen Autoren einen wichtigen Teil meiner Faszination für ihre Bücher aus. Joseph Delmont und Karl Ettlinger beweisen außerdem, dass das heute so populäre Untergenre der „humorvollen Krimis“ nicht erst „gestern“ erfunden worden ist.
Bei Julius Regis lag der besondere Reiz nicht zuletzt darin, dass er den ersten Journalisten-Ermittler der schwedischen Kriminalliteratur erfunden hat: Maurice Wallion, gewissermaßen der Urvater von Stieg Larssons „Millenium“-Ermittler Mikael Blomqvist.

Gibt es Gründe, warum z.B. so eine damals so populäre Figur wie Philo Vance in Vergessenheit geraten konnte?

S.S. Van Dine ist mit seinem Protagonisten Philo Vance unter den vier Autoren unseres ersten Programms noch derjenige, der am wenigsten in Vergessenheit geraten ist. Nach seiner Blütezeit in den 1930er Jahren, in denen er Millionen von Büchern verkaufte, wurde er allmählich von anderen Autoren abgelöst, feierte aber immer wieder mal ein kleines Revival: Auch wenn die Philo Vance-Reihe in Deutschland momentan in gedruckter Form nur antiquarisch erhältlich ist, gab es von großen Print-Verlagen im Laufe der Jahre immer wieder Neuauflagen und Neuübersetzungen. Die Krimis der krimischaetze.de-Autoren Joseph Delmont, Karl Ettlinger und Julius Regis waren hingegen seit den 1920er und 1930er Jahren vollkommen in der Versenkung verschwunden. Und das obwohl sie damals Millionen (Delmont) bzw. hunderttausende Bücher (Ettlinger) verkauft haben.
Vielleicht liegt es daran, dass im Nachkriegsdeutschland schlicht und einfach kein Bedarf an „Unterhaltungsliteratur“ aus der Weimarer Republik bestand – wenn dann wurden eher die „literarischen“ Werke gewürdigt. Ich denke aber, dass nach dem gegenwärtig großen Interesse für den ersten Weltkrieg und das Jahr 1914 in den kommenden Jahren die Zeit der Weimarer Republik wieder sehr viel stärker in den Fokus rücken wird. Das haben abseits des Krimi-Genres ja auch schon Publikumsverlage wie Metrolit (Aufbau) erkannt und die Bücher von Ernst Haffner („Blutsbrüder“) oder Georg Fink („Mich hungert“) neu aufgelegt. In den literarischen Schatztruhen der Weimarer Republik warten noch so einige Schätze darauf, gehoben zu werden …

2 Kommentare »

  • Jürgen schrieb:

    Hallo,
    danke, dass wir (insbesondere Sebastian) mal die Gelegenheit bekommen haben, von unserem Projekt zu berichten.
    Es ist immer wieder interessant, die eigene Arbeit – bzw. einen Teil davon – auch aus der Sicht anderer Personen zu sehen.
    Und die Bücher haben es wirklich verdient, wiederentdeckt zu werden.
    J.

  • Krimis aus den 20ern | EPUBBuy.com Blog schrieb:

    […] interessantes Interview dazu ist bei e-book-news.de […]