Perestroika im Print-Sektor: Pulitzer-Preis geht erstmals an Online-Journalisten

Pulitzer-Preis-Online-Journ.gifPunktsieg für den Online-Journalismus. Gleich in drei Kategorien ging der diesjährige Pulitzer-Preis an webbasierte Projekte bzw. Online-Autoren. Mit der Auszeichnung von Sheri Fink & dem „Non-Profit Newsroom“ ProPublica wurde ganz besonders das Modell des „Stiftungsjournalismus“ geehrt. Preisverdächtig schien der Jury aber auch der Einsatz von Twitter für die Berichterstattung der „Seattle Times“ und animierte Web-Karikaturen des „San Francisco Chronicle“.

Pulitzer gleich Print? Der Medaillenspiegel wird immer noch von der Gutenberg-Galaxis beherrscht

Der Pulitzer-Preis ist so etwas wie der Oscar für Wort & Bild, verliehen nicht nur für Journalismus & Fotografie, sondern auch für Fiction & Non-Fiction. Traditionell liegt das Schwergewicht beim gedruckten Wort, was sich auch an der Jury ablesen lässt – dort sitzen etwa die Herausgeber oder Chefredakteure renommierter Blätter wie NYT, WSJ, Miami Herald oder Denver Post, aber auch namhafte Vertreter von alteingessenen Journalistenschulen. So ist es auch kaum verwunderlich, dass auch in diesem Jahr mit elf von insgesamt vierzehn journalistischen Kategorien – von Investigative Reporting über Local Reporting bis zu Feature Photography – der Medaillenspiegel von der Gutenberg-Galaxis dominiert wird. Die neue Offenheit gegenüber den Online-Medien ist zugleich Ausdruck der Krise des nordamerikanischen Print-Journalismus. Denn Sheri Finks Reportage über den Katastrophen-Einsatz von Ärzten während des Hurrikans Katrina wäre unter normalen Bedingungen eben gar nicht mehr entstanden. „Stiftungsjournalismus“ ist zwar eine schöne Idee. Doch Modelle wie ProPublica weisen eben zunächst einmal darauf hin, dass die alten Medien ihre „Watch-Dog“-Funktion immer weniger ausüben können. Das Motto des Pulitzer-Preiskomitees lautet „honoring Excellence in journalism and the arts“ – doch mit der Exzellenz ist es in Zeiten schrumpfender Print-Auflagen eben nicht mehr so gut bestellt. Selbst große Blätter wie die New York Times haben begonnen, ihren Newsroom auf europäisches Mittelmaß zu schrumpfen.

Deutsche Blogger können zwar den Grimme Online Award bekommen – ein Preisgeld gibt’s aber nicht

Die redaktionelle Ausdünnung könnte mittelfristig sogar die Print-to-Online-Strategien gefährden, die zur Zeit als Rettungsanker für finanziell klamme Verlage angesehen werden. Denn ob E-Magazine oder E-Newspaper, ob iPad, WePad oder was immer – Glaubwürdigkeit von Printformaten auf dem Display hängt nicht nur von der Optik ab, sondern auch vom Inhalt. Dass sich immer mehr Blogger als Online-Journalisten verstehen, dürfte insofern auch sehr viel mit sinkender Qualität bei den alten Medien zu tun haben. Doch klar ist auch: die Qualitäts-Lücke lässt sich nicht so einfach durch die Blogosphere füllen – in den USA genauso wenig wie in Deutschland. Letzlich geht es eben um’s liebe Geld. Es muss zwar nicht immer Paid Content sein. Doch der Stiftungsjournalismus, oder Modelle wie Crowdfunding-Netzwerke à la Kachingle oder überhaupt Micropayment-Dienste stehen noch ganz am Anfang. Vielleicht wäre es ja mal eine gute Idee, hierzulande den Grimme Online Award nicht nur zu verleihen, sondern auch mit einer gewissen Geldsumme zu dotieren. Im Jahr 2008 etwa wurde der Web-Journalist Stefan Niggemeier prämiert, bekannt geworden durch den Bildzeitungs-Watchblog („BILDBlog“). Im letzten Jahr ging der Preis an Robin Meyer Lucht, Gründer des Online-Magazins CARTA. Als Pulitzer-Preisträger gibt’s neben ewigem Ruhm auch einen Scheck über 10.000 Dollar. Die deutschen Blogger bekamen nicht einen lausigen Cent für die digitale Kaffeekasse.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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