Home » Lesen & Schreiben

Pensaki, oder: Leserbrief von jenseits des Uncanny Valley

24 Mrz 2015 0 Kommentare

post-aus-dem-uncanny-valleyWer schreibt, der bleibt, sagt man. Aber was bleibt man: lebendig? Nicht unbedingt. Denn eins habe ich diese Woche gelernt: Briefe von Hand sind kein hinreichendes Lebenszeichen mehr. „Du hast einen handgeschriebenen Brief bekommen“, schepperte die Stimme meines Kollegen gestern morgen aus dem Treppenhaus, und dann hatte ich den Umschlag im länglichen C5-Format auch schon in der Hand: „Medienbüro Mitte, Ansgar Warner (persönlich)“ entzifferte ich die leicht krakelige Kursive in Tintenblau, offenbar mit breiter Feder auf’s Kuvert gepinselt. Den Absender konnte ich auf die Schnelle überhaupt nicht einordnen, bemerkte nur, das neben der Postanschrift auch irgendeine E-Mail-Adresse angegeben war.

„Diese Karte hat ein netter Roboter…“

Im Kuvert befand sich eine Blanko-Karte mit ebenfalls handschriftlicher Nachricht – die dann sehr schnell die Lösung des Rätsels brachte:

Hallo Herr Warner,

vielen Dank für Ihren „schreib mal wieder 2.0“ Artikel. :-) Bei Pensaki kann man auch seine Handschrift hinterlegen. Die Mehrzahl unserer Nutzer nutzt aber lieber eine unserer lesbaren Handschriften * um anderen eine Freude zu machen.

Ihr Antonio Brissa

* diese Karte hat für mich ein netter Roboter mit Füller …

Ein Leserbrief also zu meinem Artikel zum Thema Handschriften-Robots, geschrieben von einem Handschriften-Robot. Nicht umsonst lautet das Mission Statement des von Antonio Brissa gegründeten Unternehmens: „Pensaki macht aus Binärzeichen hochwertige handschriftliche Karten, Einladungen oder Briefe, mit Montblanc oder Lamy Füllern geschrieben.“ Und der besondere Clou ist auch bei Pensaki: man kann (zumindest bei einer Mindestauflage von 500 Stück) die eigene Handschrift einscannen lassen, um ein Mailing besonders indivduell zu machen.  

Kalligraphischer Turing-Test bestanden!

Bereits die Standardschrift auf dem Umschlag wirkt so realistisch, dass ich keinen Moment den Verdacht gehabt hätte, der Brief könnte aus dem „Uncanny Valley“ der Robots und Avatare stammen, dem unheimlichen Tal zwischen artifiziell und vollwertig menschlich. Das einzig Unheimliche ist eigentlich die Erkenntnis ex post: diese Schreibmaschinen mit Lamy-Füller in der kalten Hand können den kalligraphischen Turing-Test locker aus de la Mäng bestehen.

Das ist nicht nur sehr lehrreich, was etwa das Potential von neuen Formen des Hybrid-Marketings betrifft. Sondern auch generell aus E-Lese- und Schreibperspektive. Vielleicht haben wir ja alle viel zu lange auf die Pixel des jeweils allerneuesten elektronischen Papiers gestarrt. Die eigentlichen Lektüre-Überraschungen, das zeigen Startups wie Pensaki, lauern offenbar dort, wo man es am wenigsten vermuten würde.

Comments are closed.