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Peinliche Ermittlerpanne: Vermeintlicher Boox.to-Pirat besaß sechs E-Books, und keinen Internet-Anschluss

21 Nov 2013

Wer zu Hause Originale sammelt, kann Probleme mit der Justiz bekommen, wer Raubkopien sammelt, erst recht. Die Gründer der Download-Plattform Boox.to haben schon mehr als 40.000 E-Books zusammenkopiert & erfolgreich unters Volk gebracht (bevor die Sammlung raubkopiert wurde). Kein Wunder, dass bei einem ihrer vermeintlichen Betreiber im Sommer 2013 die Polizei an der Tür klingelte. Die Wohnung des in Köln lebenden Amazon-Kunden wurde per richterlicher Verfügung durchsucht, Rechner und Tablet beschlagnahmt. Öffentlich gemacht hat diesen für die Behörden ziemlich peinlichen Fall die auf Medienrecht spezialisierte Kanzlei Wilde Beuger Solmecke in ihrem Youtube-Channel (siehe unten).

Achtung, Achtung: Auch Namen werden raubkopiert

Große Probleme, ihren Mandanten vor mehreren Jahren Freiheitsstrafe zu bewahren, hatte die Kanzlei in diesem Fall nämlich nicht. Der Verdacht gegen den Kölner Amazon-Kunden beruhte lediglich darauf, dass ein Forumbeitrag irgendwo in den Untiefen des Internets eine E-Mail-Adresse mit Namen und Vornamen des Mannes enthielt. Da die betreffende Kombination von Name und Vorname in diesem Fall nur ein einziges Mal in deutschen Telefonbüchern auftauchte, schien für die Ermittler die Sache klar. Die Kriminalisten hatten dabei aber offenbar eins nicht bedacht – digitaler Identity-Theft ist weit verbreitet. Mit anderen Worten: auch Namen und Adressen werden raubkopiert, besonders gerne von Piraten, die sich im Netz unerkannt bewegen möchten.

Das bestätigt auch Spiegelbest, ehemaliger Betreiber von boox.to, auf seinem Blog: „Jedenfalls müsst ihr euch das nicht so vorstellen, dass wir die Aliase erfinden. Ist ja auch Quatsch: Kann sein, dass es die Postleitzahl nicht gibt oder die Straße oder was weiß ich. Jedenfalls hol ich mir die Aliase immer aus dem Telefonbuch. Ist ja auch logisch: Brauch ich ja nur zu kopieren! Es stimmt dann alles!“ Eigentlich hätten die Ermittler das wissen können, schließlich setzen von staatlich finanzierten Under-Cover-Agenten bis zu selbständigen Terroristen klandestine Akteure jeglicher Couleur seit jeher auf solche „Doubletten“-Systeme.

Verfahren wurde inzwischen eingestellt

Der Kölner Verdächtige hatte aber auch besonderes Glück im Unglück – denn aufgrund von Pannen beim Service-Provider NetCologne besaß er nachweislich schon seit Wochen keinen Internet-Anschluss über das Festnetz mehr. Zudem konnte er noch während der Hausdurchsuchung via Smartphone den Beamten mit einem Blick auf sein Amazon-Account zeigen, dass er bisher überhaupt nur ein halbes Dutzend E-Books gekauft hatte, nicht Vierzigtausend oder mehr. Mit großem Aufwand hatte die Kripo der Karnevalsmetropole am Ende also einen Massen-Raubmordkopierer erwischt, der sechs legal erworbene E-Book-Leichen in seinem Daten-Keller lagerte. Chapeau! Inzwischen wurde das Verfahren nach Angaben der Medienrechts-Anwälte eingestellt.

Die Ermittlungspanne passt in das allgemeine schlechte Bild, das die Generation der hauptamtlichen Digital Immigrants derzeit abgibt, ob es nun um Merkelphone & Datenschutz geht oder um den Umgang mit der Kultur des Tauschens & Weitergebens von Büchern, Filmen und Musik. Die Reaktionen pendeln zwischen offen zur Schau gestellter Ohnmacht auf der einen Seite und (von individuellen Kollateralschäden abgesehen) effektlosem Law-and-Order-Aktionismus auf der anderen Seite. Spiegelbest, derzeit im Netz auch unter dem „echten“ Alias Bernd Fleisig unterwegs, kann es offenbar selbst kaum fassen: „Also – höre, GVU, höre! – wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mir die Aliase ausgedacht! Habe ich nicht, weil ich nicht ahnen konnte, wie es im Kopf eines technikdeffinen Richters zugeht.“

Abb.: Flickr/Lester Public Library (cc)