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[e-book-review] Plattenbau-Paradies: Bericht über eine Jugend nach der Mauer

21 Mrz 2012 Heide Reinhäckel 1 Kommentar

Mit dem Bild eines Zauberers, der seinen Stab hebt und über Nacht eine neue Welt entstehen lässt, beschrieb Christa Wolf 1990 in ihrem Essay “Wo ist eurer Lächeln geblieben?” die Währungsunion im Vorfeld der deutschen Vereinigung. Ein als Zauberer verkleidetes Kind lächelt von der Cover-Fotografie von Andreas Hünnigers Debütroman “Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer”, erschienen bei Klett-Cotta. Die 1984 in Weimar geborene Autorin erzählt ihrem biografischen Sachbuch über das Aufwachsen in der ostdeutschen Teilgesellschaft, deren Werte, Waren und Währung sich quasi über Nacht änderten.

Die Indianer von Weimar-Paradies

In eindrücklichen Szenen und Erinnerungsbildern beschreibt Hünniger, wie sich die Verstörungen einer Gesellschaft im Umbruch im Familiaren und Alltäglichen niederschlagen. Eine besonders markante Szene bildet die Eröffnung eines Supermarktes im Weimarer Plattenbauviertel. Die zur Feier des Tages als Indianer verkleideten Kinder verfallen vor den Regalen mit Süßigkeiten erst in Schockstarre, dann in Kaufrausch. Doch die Kolonialismusmetapher der Zähmung der Eingeborenen durch Glasperlen wird gleich darauf dekonstruiert. Die Akademiker-Mutter hält sich strikt an den Einkaufszettel, für den Nachwuchs gibt’s nur Tintenpatronen. Hünniger lässt Schlüsselbilder und –begriffe ins Leere laufen. “Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer” bedient sich auf keiner Seite gängiger Klischees und Stereotypen, sondern verbindet einen präzisen Schatz persönlicher Erinnerungen mit soziologischen Analysen, Anekdoten und Gesprächen zu einem Text, der den gesellschaftlichen Umbruch nach 1989 und das Verhältnis der Generationen zueinander atmosphärisch erlebbar macht.

Stöbern im Erinnerungsfundus

So stehen der Scham und der Unsicherheit der DDR-Elterngeneration die Geschichtslosigkeit und politische Unschuld der Kinder gegenüber. Während für diese Nachgeborenen die DDR nur noch eine nicht zu füllende Leerstelle darstellt, bleiben die Erwachsenen dem untergegangenen Staat in einer melancholischen Bindung verhaftet, die aus der fehlenden Anerkennung ihrer DDR-Biografie resultiert. Das Buch fängt subtil die Verstörungen der Nachwendezeit ein und findet damit Zugang zum Erinnerungsfundus einer Jugend, der kollektiv vorhanden ist, aber oftmals ins Nicht-Artikulierte abrutscht. Nach den “Zonenkindern” der Leipzigerin Jana Hensel ist mit “Meine Jugend nach der Mauer” nun eine mindestens genauso intelligente, präzise und berührende Schilderung einer Post-DDR-Identität entstanden. Gerade weil sich “Paradies” den plakativen Mechanismen marktgängiger Generationen-Bücher erfolgreich verweigert, lohnt sich die Lektüre, gerade auch für Westdeutsche.

Andrea Hünniger,
Paradies. Eine Jugend nach der Mauer
Kindle-Book (Amazon) 13,99 Euro
E-Book (epub) 13,99 Euro

Abb.: flickr/’smil

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