Pakete, Pakete, Pakete: Warum Amazon eine Koalition der Online-Händler zur Rettung der US-Post anführt

Eine merkwürdige Koalition hat sich da in den USA gebildet, zumindest auf den ersten Blick: Amazon und die wichtigsten Online-Händler des Landes stecken gemeinsam Millionen Dollar in eine PR-Kampagne, Ziel: Rettung des US Postal Service durch Hilfsmaßnahmen des US-Kongresses. Letztlich aber kein Wunder: denn für die Paket-Beförderung in Richtung Kunden ist das staatliche Monopolunternehmen immer noch der wichtigste Partner. Zugleich droht schon seit Jahren die Pleite und Aufspaltung der von Benjamin Franklin 1775 gegründete Institution, eine Folge gezielter Vernachlässigung und gesetzlicher Schikanen.

Die Trump-Ära hat diesen Konflikt nun noch verschärft — der Präsident erkor sich den Washington-Post-Besitzer und Amazon-Chef Jeff Bezos bekanntlich einem seiner Hauptfeinde, und sucht ständig nach Möglichkeiten, dem reichsten Mann der Welt eins auszuwischen. Der neueste Twist: Trump fordert vierfach höhere Preise für die Paketbeförderung, alles andere sei Dumping und eine Begünstigung von Amazon. Die Post, so meint der Präsident, sei zum „delivery boy“ des Online-Riesen verkommen. Und überhaupt als Institution ein „Joke“, ein Witz. Ein Grund für Trumps hysterisches Gelächter: Tatsächlich sind die Löhne vergleichsweise hoch, der gewerkschaftliche Organisationsgrad ebenfalls.

Mit seinen Attacken auf die USPS könnten die Republikaner und ihr irrer Anführer am Ende tatsächlich einer der letzten einigermaßen funktionierenden US-Behörden den Todesstoß versetzen, zugunsten privater Konkurrenz à la UPS oder FedEx. Denn das durch die Corona-Flaute zusätzlich gebeutelte Staatsunternehmen wäre eigentlich dringend auf ein Hilfspaket des US-Kongresses angewiesen. Bisher konnten Verluste in manchen Bereichen dank des in den USA noch bestehenden Briefmonopols querfinanziert werden, in Zeiten der Pandemie geht das nun nicht mehr. Der akute Finanzbedarf wird von den Demokraten auf 25 Milliarden Dollar taxiert, von der Post selbst auf 89 Milliarden Dollar.

Genau auf diesen „Postal Service Bailout“ zielt nun die PR-Blitzkampagne der von Amazon angeführten Koalition der Online-Händler, natürlich ganz im eigenen Interesse. Aber nicht nur — schließlich wäre der US Postal Service beispielsweise auch als unabhängige Instanz für die zuverlässige Durchführung einer Briefwahl nötig, sollten die Präsidentschaftswahlen im Herbst unter Quarantäne-Bedingungen stattfinden müssen (siehe den Drei-Punkte-Plan der US-Senatorin Kirsten Gillibrand). Auch wenn es sich komisch anfühlt: Manchmal kann es also durchaus richtig sein, mit Amazon in einem Boot zu sitzen. Aber das liegt dann eben an äußeren Umständen, die schon an sich nicht wünschenswert sind…

Über Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".