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Paid Content andersrum: taz.de erzielt 2011 fast 30.000 Euro via Crowdfunding

17 Dez 2011 Ansgar Warner 0 Kommentare

Von wegen Zeitungskrise – der taz geht es so gut wie nie. Seit 2009 schreibt die alternative Tageszeitung wieder schwarze Zahlen. Neuerdings kommen auch Gewinne herein, von denen andere Blätter nur träumen können: die Leser von taz.de spenden nämlich freiwillig für die Online-Inhalte. „taz-zahl-ich“ nennt sich die im Frühjahr gestartete Kampagne, die jetzt eine erste Bilanz gezogen hat: „Im Jahr 2011 sind bis jetzt über taz-zahl-ich und flattr 27.716,77 Euro eingegangen. Wahrscheinlich  knacken wir die 30.000-Euro-Marke und hoffentlich geht es nächstes Jahr so weiter“, freute sich Aline Lüllmann jetzt auf dem taz-Hausblog. Mittlerweile gehen jeden Monat knapp 3000 Euro an Spenden ein, die Zahl der regelmäßigen “FreizahlerInnen” wächst.

Springer setzt auf Bezahlschranke bei WELT online

Die Rudi-Dutschke-Straße in Berlin-Kreuzberg ist der Schauplatz für einen Clash der Zeitungs-Kulturen – auch, was Paid Content-Strategien betrifft. An einem Ende Springer, am anderen Ende taz. Für das nächste Jahr hat Springer-Chef Döpfner bereits den forcierten Galopp in Richtung Bezahlschranken angekündigt: “Wir werden 2012 noch entschiedener auf Bezahlinhalte im stationären Web umschwenken”. Als erstes wird es wohl die Webseite der Tageszeitung Die Welt treffen – ihre Inhalte sollen über ein „metered access“-Modell verwertet werden. Vorbild ist dafür die finanziell klamme New York Times, die seit Anfang des Jahres regelmäßige Besucher des Portals zur Kasse bittet. Bei Springer steckt hinter der Paid Content-Ausweitung natürlich auch die Hoffnung, bereits jetzt kostenpflichtige Apps für Smartphones und Tablets besser vermarkten zu können, wenn es kein Schlupfloch mehr im freien Internet gibt.

taz-Leser spenden bevorzugt per Lastschrift

Am anderen Ende der Rudi-Dutschke-Straße denkt man genau andersherum: taz.de soll dauerhaft frei zugänglich und kostenlos bleiben. “Unsere Idee ist, dass man den Leuten erst etwas gibt und sie dann fragt, ob sie dafür bezahlen wollen”, so Online-Redaktionsleiter Matthias Urbach. Bezahl-Apps und kostenpflichtige E-Paper-Abos gibt es im taz-Universum zwar auch. Die Website jedoch setzt auf Crowdfunding-Effekte. Am Anfang standen flattr-Buttons, seit dem Start der taz-zahl-ich-Kampagne gibt es eine ganze Phalanx an Bezahlformen, von PayPal und Kreditkarte bis zur Handy-Abbuchung. Den wichtigsten Anteil am Spendenkuchen machten aber interessanterweise Lastschrift- und Direktüberweisungen aus, während die flattr-Zahlungen stagnieren. Immer mehr User nutzen in den letzten Monaten die Möglichkeit regelmäßiger Abbuchungen per Lastschrift, wählten also quasi ein freiwilliges Online-Abonnement. Anders als bei flattr oder PayPal fallen bei einer Einzugsermächtigung keine Gebühren an – für viele Spender offenbar ein wichtiges Argument.

Crowdfunding-Potential noch längst nicht ausgereizt

Insgesamt bleibt der Erfolg noch überschaubar – bei knapp 3000 Euro pro Monat kommt der Gegenwert von 80 regulären Print-Abos (Preis: 37,90 Euro) bzw. 300 E-Paper-Abos (Preis: 10 Euro) zusammen. Das als PDF, HTML oder epub erhältliche E-Paper verkauft sich im Vergleich dazu deutlich besser – mehr als 3000 Abonnenten bringen der taz monatlich soviel ein, wie an Spenden im ganzen Jahr 2011 zusammengekommen sind. Im E-Paper-Bereich ist die taz damit sogar erfolgreicher als der Springer-Verlag mit seinen Titeln Welt/Welt Kompakt sowie BILD. Doch man sollte das Crowdfunding-Potential von taz.de auch nicht unterschätzen. Mit mehr als vier Millionen eindeutigen Besucher (Unique Visitors) pro Monat erreicht die taz weitaus mehr Leser online als auf dem Papier. Wenn es gelingt, ein paar Prozent der aktuellen UserInnen für die taz-zahl-ich-Kampagne zu gewinnen, könnte auch die bisher defizitäre Online-Ausgabe demnächst schwarze Zahlen schreiben.

Abb.: flickr/ЯAFIK ♋ BERLIN

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