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Das Leben ist Patchwork, geht in Ordnung: Bärbel Götz, In den Gärten Katzen [Leseprobe]

16 Mrz 2016 0 Kommentare

baerbel-goet-in-den-gaerten-katzen-romanAnne hat ihr halbes Leben alleine gemeistert. Und das mit Erfolg. Jetzt fühlt sich die pensionierte Lektorin und dreifache Mutter alt, einsam und nicht mehr gebraucht. Sie kümmert sich um ausgesetzte Katzen in den Gärten am Rande der Stadt. Und sortiert Bücher um, nach ganz eigenen Ordnungsvorstellungen, nicht nur im eigenen Regal. In den Buchhandlungen vor Ort hat sie schon Hausverbot. Ansonsten verläuft das Leben in ruhigen Bahnen, bis auf einen Tag im Jahr: Annes Geburtstag. Dann reisen ihre drei Töchter an, was nie ohne Streit abgeht. An einem solchen Datum setzt Bärbel Götz‘ Patchwork-Familien-Roman In den Gärten Katzen ein. „Das mit den Büchern ist ein Spleen von ihr. Na ja, so ganz richtig im Kopf ist Anne nicht immer. Für die Leser mag das unterhaltsam sein. Für ihre Töchter nicht“, so die Autorin über ihre Hauptfigur. Was sich erst recht in der Folge zeigt: Der Geburtstag verläuft zwar fast wie immer — doch er bildet den Auftakt für eine Wende in der familiären Ordnung. Anne wird immer sonderbarer, und stellt die drei Schwestern Annette, Gudrun und Ulrike vor eine Probe: sie müssen Verantwortung für ihre Mutter übernehmen, und zwar gemeinsam. „In den Gärten Katzen“ ist alltagsnah und stilistisch präzise erzählt — und bleibt doch Fiktion, zumindest mehr oder weniger: „Da gibt es diese Frau, die ich beim Spazierengehen sehe. Sie füttert Katzen wie Anne. Ich habe mir ihr Leben ausgedacht“, so Bärbel Götz über die Entstehung des Romans. Wer Anne kennenlernen möchte, kann das in unserer Leseprobe tun — noch etwas mehr verrät die Blick-ins-Buch-Funktion im Kindle Shop bzw. bei Thalia (epub-Version).

Bärbel Götz, In den Gärten Katzen

1. Kapitel
Anne wachte um sechs Uhr auf. Sie war hellwach, obwohl ihr Wecker erst um acht Uhr läuten würde. Sorge und Unruhe von gestern waren wieder da. Heute war ihre Geburtstagsfeier. Einmal im Jahr lud sie die Töchter zu sich ein. Meistens gab es Streit.
Es war der 11. März. Sie verschob die Feier immer schon um einen Monat, weil sie den Februar deprimierend fand. Alles sehnte sich nach Sonne und Frühling und nach jungem Grün, aber der Februar war meistens eisig kalt und brachte Schnupfen und Angina. Vier Wochen später blühten im Garten Schneeglöckchen, Krokusse und Primeln und die Tage waren länger.
Gestern hatte sie in der Küche gestanden und den Braten gemacht. Dazu gab es Kartoffelsalat und Spätzle. Ein schwäbisches Sonntagsessen. Das kochte sie immer zu ihrer Geburtstagsfeier. Ulrike sagte, sie bevorzuge die mediterrane Küche, weil sie leicht und gesund und mit viel Gemüse sei, aber wenn Anne sah, wie ihre Schwiegersöhne das Essen verschlangen, wusste sie, dass es im nächsten Jahr nichts anderes geben würde.
Ihr war gestern schon nicht wohl gewesen, wenn sie an die Feier dachte. Sie wusste nie, was passierte, wenn die drei Mädchen aufeinandertrafen. Aber einmal im Jahr musste es doch sein, sie waren schließlich eine Familie. Zum Glück brachte heute jede ihren Mann mit, da gab es diesbezüglich wenigstens keine spitzen Bemerkungen. Wenn ihre Töchter einzeln kamen, war es einfacher. Annette war unkompliziert, bei Ulrike und Gudrun war Anne lieber auf der Hut. Aber alleine konnten sie nicht aufeinander losgehen.

Wegen des Kochens war sie nur kurz bei den Katzen gewesen. Whisky war seit Tagen nicht erschienen. Das ging ihr nicht aus dem Kopf. Hoffentlich war ihm nichts passiert. Sie musste morgens oder abends gehen, weil die Besitzer oft in ihren Gärten waren, Bäume und Hecken schnitten und alles fürs Frühjahr vorbereiteten. Die waren nicht begeistert, wenn sie vor ihnen stand und die Katzen suchte.
Es war einer der ersten Sonnentage gewesen nach einem langen, trüben Winter. Die Märzsonne hatte Kraft, sie wärmte und schien mit einem unglaublichen Licht auf die fahle Welt. Menschen kamen aus den Häusern, in denen sie den Winter über wie in Höhlen gehaust hatten, und rieben sich die Augen. Man sah, wie ihnen das Herz aufging und ihre Gesichter sich entspannten. Die Katzen waren zutraulich gewesen, sie stupsten sie, Schlecker sprang ihr auf den Arm. Auch sie genossen die Sonne.
Im März war die Sonne noch nicht echt. Es konnte sein, dass sie die ersten schönen Tage mit Schneeregen an Ostern bezahlen mussten, und dann kam der launische April. Aber da konnten sie sich trotz Regenwetters an jungem Grün erfreuen, an der gelben Forsythie und an den weiß und zartrosa blühenden, knorrigen Obstbäumen, die in ihrer Blütezeit wie Bräute da standen.

Anne riss sich aus ihren Gedanken und stand auf. Sie öffnete den Kleiderschrank und suchte die feinen Sachen, die sie schon vor Jahren in den hintersten Winkel verbannt hatte. Wenn Ulrike sie heute in ihren ausgeleierten Jeans sehen würde, wäre sie womöglich Schuld an einer Eskalation. Anne gehörte nicht zu den Senioren, die aussahen, als seien sie gerade fünfzig geworden. Dazu wog sie zu viel und müsste die Haare öfter waschen und frisieren lassen. Ihre Gummistiefel und der abgetragene Parka waren praktisch, wenn sie die Tiere fütterte, schön nicht.
Die Streitereien und Eifersüchteleien hatten erst begonnen, als die Mädchen älter wurden. Ulrike hatte früher ihre zwei kleinen Schwestern bemuttert, Annette hatte sich um Gudrun, das Küken, gekümmert. Die zwei Großen waren zusammen zur Schule gefahren. Manchmal hatten sich Ulrike und Gudrun verbündet und Annette gepiesackt, und manchmal hatten Ulrike und Annette etwas zusammen gemacht und die kleine Gudrun durfte nicht mitmachen. Oft genug hatten die beiden Großen der kleinen Schwester aus der Patsche geholfen.
Annette wachte über Gudruns Schulweg. Es gab ein böses Mädchen in der Straße, das etwas älter als Gudrun alle kleineren Mädchen in Angst versetzte. Wenn sie Gudrun zu nahe kam, war immer Annette zur Stelle und vertrieb sie. Elke hieß sie. Anne hatte den Namen nicht vergessen, war er doch Gegenstand endloser Diskussionen und Gespräche beim Abendessen. Gudrun hatte Angst vor Elke und was, wenn Annette einmal nicht da war? Die Mädchen hatten Pläne geschmiedet, wie sie Elke Fallen stellen und sie in einen Hinterhalt locken würden. Anne hatte überlegt, ob sie mit der Mutter des Mädchens reden sollten, machte es dann aber nicht, um die Situation nicht zu verschlimmern. Annette war immer da, wenn es brenzlig wurde, und irgendwann zog Elke weg, und es wurden andere Probleme beim Essen besprochen.

Annette kam oft zu ihrer Mutter. Immer mit der S-Bahn, nicht mit dem Auto. Anne wusste, was das bedeutete.
»Mama, trinken wir ein Viertele zusammen?«
Anne freute sich, wenn ihre Tochter kam, und sie trank gerne ein oder mehrere Gläser Wein mit ihr. Wenn Ulrike erfuhr, dass Annette wieder bei der Mutter gewesen war, schimpfte sie. »Mama, die Annette ist Alkoholikerin und du unterstützt das auch noch. Aber du trinkst ja selbst gerne ein Gläschen und selten bleibt es bei einem.«
Annette war nie betrunken, wenn sie ein paar Gläser hatte, wurde sie ganz lieb.
»Mama, weißt du noch, wie das war, als wir klein waren?«
Manchmal erzählte sie von Uwe. Wenn er zuhause war, schaute er fern oder saß vor dem Computer. Was er da machte, wusste sie nicht. Sie redeten nicht viel.
Uwe holte Annette ab, wenn sie ihre Mutter besuchte. Er nahm sich ein Bier aus Annes Kühlschrank, setzte sich zu den beiden Frauen, bis er ausgetrunken hatte, und fuhr dann mit Annette nach Hause.
Annette arbeitete auf irgendeinem Amt. Anne konnte sich nie merken auf welchem. Zollamt, Finanzamt, Bauamt. Sie fürchtete manchmal, vor Langeweile bei der Arbeit zu sterben. Außerhalb der Arbeit war es nicht anders. Nur wenn sie trank, verging die Langeweile.
Anne sagte nichts zu ihrer Tochter deshalb. Sie trank selbst gern ihre Viertele. »Solange du den Wein nicht aus dem Tetrapack trinkst«, sagte sie einmal, »oder schon morgens den Cognac beim Bäcker kaufst.«

Anne holte einen grauen Hosenanzug aus dem Schrank. Der stammte aus ihrer berufstätigen Zeit. Sie hatte als Lektorin in einem kleinen Verlag gearbeitet. Die Lust am Lesen hatte sie ihr Leben lang begleitet. Als ihre freie Zeit begann, holte sie nach, was sie in den Berufsjahren nicht machen konnte. Nächtelang durchlesen, nur zum Essen und Duschen kurz aufstehen und dann weiterlesen. In den Büchern verschwinden.
Wenn sie ein Buch aus dem Regal nahm, konnte es sein, dass sie sich an den Inhalt nicht mehr genau erinnerte, wohl aber an die Situation und die Stimmung, in der sie es gelesen hatte. »Lotte in Weimar« im Zug von Athen nach Stuttgart, damals, als sie mit dem Rucksack auf den Kykladen unterwegs war. »Schuld und Sühne« im Zug nach Rom kurz nach dem Abitur. »Anna Karenina« dieses Jahr im Garten, »Quo vadis«, als sie mit Heiner und den Mädchen am Atlantik war.
Im Winter las sie mehr als im Sommer, Anfang des Jahres fraß sie sich wie die Raupe Nimmersatt durch dicke Bücher. Alle Irvings innerhalb von drei Monaten. Dann lange keinen Irving mehr. Im Sommer hatte sie die Ausdauer nicht, da las sie an einem Buch, wie man an einer Torte herumpolkt, die einem zu süß oder zu fett ist, legte es wieder zur Seite, strich oft in den Buchhandlungen herum auf der Suche nach neuen Reizen, wie ein Junkie auf Entzug.
Anne hatte ihre Bücher alphabetisch nach den Nachnamen der Autoren sortiert. Als sie die Menasse gelesen ins Regal stellte, überlegte sie, ob das wohl richtig sei. Es gab nicht viele schreibende Ehepaare. Was, wenn die Menasse sich zu gut mit Column McCann verstand, neben dem sie zu stehen kam. Sie schaute nach, wo Menasses Mann war, und fragte sich, ob er als Retourkutsche etwas mit der Kuckart anfangen würde. Sollte sie eine Ausnahmeregelung machen? Bei der Hustvedt war die direkte Gefahr nicht so groß. Allerdings konnte sie um Tipsys sonderbare Liebesgeschichte und den Dreißigjährigen Krieg herum Ödön von Horvath schöne Augen machen. Und Paul Auster war in direkter Nähe zur Bachmann ja auch nicht richtig sicher.
Anne ging in der Buchhandlung an den Regalen entlang und prüfte, ob es irgendwelche Annäherungsversuche gab. Telkamp zum Beispiel lehnte sich offensichtlich lasziv an Anna Karenina. Die hatte doch wahrlich Sorgen genug. Ob da ein Umzug in die morschen Villen in Dresden das Richtige wäre?
Anfangs war es niemandem aufgefallen, dass die Bücher anders standen, nachdem Anne da gewesen war. Sie bemühte sich, Zeit verstreichen zu lassen, bis sie wieder in dieselbe Buchhandlung ging. Aber da man die Zahl der Läden an einer Hand abzählen konnte, dauerte es nicht lange genug. Die Buchhändlerinnen begannen sie zu beobachten. Die mollige, ältere Dame hielt sich lange vor der Belletristik auf, blätterte in manchen Büchern. Und wenn sie gegangen war, war alles durcheinander. Siri Hustvedt stand neben John Irving. Zeruya Shalev neben Kafka. Margaret Atwood lehnte sich an Amos Oz. Sie kaufte immer wieder ein Buch. Aber viel länger sortierte sie die Romane. In der Buchhandlung in der Fußgängerzone fragten sie als erste, was sie da mache. Sie schaffe Ordnung, sagte Anne. Die Spannungen seien unerträglich gewesen, sie habe das gleich bemerkt, als sie den Laden betreten habe. Irgendwann fingen sie sie an der Tür ab und baten sie, ihre Buchhandlung nicht mehr aufzusuchen. In den anderen Buchhandlungen lief es auf das gleiche hinaus.
So kam sie zu den Katzen. Bei einem Spaziergang durch die Gärten am Rand der Felder fielen ihr die mageren Katzen auf, die in den Gärten herumstreunten. Sie begann sie zu füttern.

»Schlecker, Whisky, Flöckle«, rief Anne, wenn sie sich durch den Spalt zwischen Gartentor und Zaun in fremde Gärten zwängte, oder vor dem Tor stand.
Schlecker war ein dicker, schwarzweiß gefleckter Kater.
»Schlecker, komm, komm, komm her, du hast mich schon gehört.«
Aus ihrem Korb mit den vielen Tupperschüsseln holte sie einen Leckerbissen für Schlecker. Sie streichelte ihn, während er fraß, und sprach mit ihm. Dann ging sie zu ihrem silbernen Kombi zurück, stellte den Korb in den Kofferraum und fuhr zum nächsten Garten, wo andere Katzen schon auf sie warteten. Manchmal musste sie viele Gärten anfahren, bis sie alle Katzen gefunden hatte. Whisky tauchte seit Tagen nicht mehr auf, das brachte Anne fast um. Sie hatte von Anfang an diese Frau im beigen Daunenmantel in Verdacht, der sie beinahe jeden Tag begegnete, wenn sie zu den Katzen unterwegs war. Wie neugierig die schaute. Es kam Anne vor, als lauerte sie ihr auf. Außerdem glaubte sie, dass sie die Gartenbesitzer nach ihr ausfragte.

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Autorin & Copyright: Bärbel Götz

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In den Gärten Katzen
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