[e-book-review] Ohne Navi im Lada Niva: „Tschick“, eine mitteldeutsche Road-Novel

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Das hippe Berlin der „Plüschgewitter“ ist out, die öde Provinz dagegen ist schwer im Kommen: Wolfgang Herrndorf widmet seinen neuen Roman den Außenseitern Maik und Tschick, und schickt die beiden Teenager ohne Kompass und Karte auf die mitteldeutschen Landstraßen. Herausgekommen ist eine Road-Novel der besonderen Art. Warum sich die Lektüre lohnt, und auch was „Tschick“ mit dem „Fänger im Roggen“ zu tun hat, zeigt unser Rezensent Ralph Gerstenberg.

Ohne Karte und Kompass durch die ostdeutsche Provinz

Zwei vierzehnjährige Jungs auf der Landstraße. Der eine, Maik, ein in sich gekehrter Maklersohn, dem es eigentlich an nichts fehlen sollte, der andere, Tschick, ein stiller Russe, der mit Alkfahne in die Schule kommt und irgendwie gefährlich wirkt. Was sie verbindet? Beide wurden nicht zur ultimativen Party der „superporno“ aussehenden Tatjana Cosic eingeladen. Ein klares Indiz dafür, dass sie zu den Außenseitern gehören, den Assis, Blödis, Nazis und Langweilern. Und nun fahren sie gemeinsam durch die ostdeutsche Provinz, ohne Karte, ohne Kompass. An ein Navi ist in dem geklauten Lada Niva, in dem es nur ein verfilztes Kassettenteil gibt – und ein Tape von Richard Clayderman -, natürlich nicht zu denken.

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Richard Claydermann als Soundtrack

Die „Ballade pour Adeline“ wird zum Soundtrack für diese Road-Novel, in der die beiden Protagonisten durch die sorbische oder sächsische, jedenfalls ziemlich ostig wirkende Landschaft kurven. Bei einer Einladung auf einem Bauernhof müssen sie an einem Wissensquiz um das Dessert teilnehmen. Auf einem Müllplatz lernen sie Isa kennen, ein stinkendes, aber mit allen Wassern gewaschenes Mädchen, das ihnen beim Benzinklau hilft. Irgendwann werden sie von einem Altkommunisten beschossen, der stolz darauf ist, bei den Nazis an vorderster Front Russen abgeknallt zu haben. Und schließlich liegt der Lada auf dem Dach.

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Nicht ohne Hintergedanken geht’s ins Kornfeld

Natürlich handelt dieser Roman auch von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Für seine jugendlichen Helden findet Wolfgang Herrndorf einen stilisierten und stilsicheren Slang, der ganz ohne „krass“ auskommt und so schöne Vokabeln wie „endbescheuert“ und „Alter Finne!“ zelebriert. Aber dieses Buch ist vor allem eins: ein wunderbares Hohelied auf die Freundschaft. „Meinen Freunden“ hat es der an einem Tumor erkrankte Autor gewidmet, der sich in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ öffentlich mit der schweren Krankheit auseinandersetzt. Darin erfährt man auch, dass Wolfgang Herrndorf, der seine Jungs natürlich nicht ohne Hintergedanken in ein Kornfeld geführt hat, Biere ausgeben muss, wenn in einer Rezension der Name Salinger nicht erwähnt wird. Also: „tschick“ ist die bislang einzige ernstzunehmende, irre komische und zugleich sehr zärtliche Antwort eines deutschen Autors auf Salingers „Der Fänger im Roggen“.

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg
Fotos: nutbird/flickr

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Wolfgang Herrndorf, Tschick
Hardcover (Rowohlt Verlag) 16,95 Euro
E-Book (epub) 14,99 Euro

Veröffentlicht von

Ralph Gerstenberg

Ralph Gerstenberg arbeitet freiberuflich als Schriftsteller und Journalist, u.a. für das Stadtmagazin tip, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, SWR, MDR, RBB. Unter dem Titel "Grimm und Lachmund" erschien 1998 sein erster Kriminalroman, mittlerweile liegen sechs Titel vor.