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Oh, lá là, Smartnovel: Frankreich entdeckt Fortsetzungsroman für Handys

19 Jun 2009 0 Kommentare

„Guten Tag, mein Name ist Thomas Drimm, ich bin fast 13 Jahre alt und gerade dabei, die Welt zu retten.“ Diesen Satz haben in den letzten Tagen zahlreiche Franzosen auf dem Display ihrer Mobiltelefone lesen können. Denn so beginnt die erste Folge von Didier van Cauwelaerts Handy-Roman „Die Abenteuer von Thomas Drimm“. Der für skurile Mystery-Stoffe auch in Deutschland bekannte Bestseller-Autor führt seine Leser in die Welt eines Teenagers, der plötzlich in Kontakt mit der Geisterwelt gerät. Parbleu! Nachdem in Japan mit dem „Keitei“ der Handy-Roman erfunden wurde, punktet also die Grande Nation nun mit dem mobilen Fortsetzungsroman. Wen wunderts: schließlich steigerten französische Tageszeitungen schon vor 150 Jahren mit Romanserien ihre Auflagen.

„Bei einem Handy-Roman in Fortsetzungen hat der Autor jeden Tag ein Rendez-Vous mit dem Leser…“

Die erste Staffel umfasst zehn Folgen. Handy-Nutzer im französischen Netz können die tägliche Text-Dosis per SMS mit dem Stichwort „Smartnovel“ abonnieren, für Smartphones gibt es eine spezielle Website. Technisch ermöglicht wird die Handy-Version durch eine Java-Anwendung, die automatisch die neuen Kapitel abruft. „Auf diese Weise nutze ich das Mobiltelefon, um die literarische Tradition des Fortsetzungsromans zu erneuern. Die Leser werden ständig vor unerwartete Situationen gestellen, damit sie bei der Stange bleiben“, so van Cauwelaert. Genau genommen hat er keinen echten Handy-Roman geschrieben, sondern Material umgearbeitet, das er schon in der Schublade hatte. Doch das Serienprinzip gefiel dem Bestseller-Autor, der früher nicht viel mit digitaler Kultur am Hut hatte, sofort: „Die Leser erwarten jeden Tag eine neue Episode, diese Vorstellung ist doch sehr verführerisch für einen Autor. Man hat sozusagen jeden Tag ein Rendez-Vous mit seinen Lesern, und das für Wochen oder sogar Monate. Für die Leser werden meine Romanfiguren so eine Art Freunde, die man jeden Tag trifft“

Am Ende der ersten Staffel wird der Handy-Roman interaktiv, eine Art von mobiler Fan-Fiction

oh-la-la-franzosischer-star-autor-van-cauwelaert-schreibt-handy-roman1Tatsächlich passt van Cauwelaerts Stil perfekt für mobile Medien. Auch sein letzter großer Erfolg in Deutschland, das „Evangelium nach Jimmy“, könnte auf begrenztem Platz eines Displays große Erwartungen wecken: „Ich heiße Jimmy Wood, bin 32 Jahre alt und repariere Swimmingpools in Connecticut. Drei Abgesandte des Weißen Hauses haben mir soeben mitgeteilt, daß ich der Klon Christi bin.“ Whow, was für ein Einstieg! Lieber Aufbau-Verlag, warum gibt es so etwas neben der Taschenbuch-Ausgabe nur alsAudioversion, und nicht als E-Book!? Naja. Auf jeden Fall dürfen also die Leser auch bei „Les Aventures de Thomas Drimm“ äußerst gespannt sein. Am Ende der ersten Staffel wird der Roman sogar interaktiv: in einer Art Fan-Fiction-Wettbewerb kann das Material für die erste Folge der zweiten Staffel von den Teilnehmern bearbeitet werden. Eine Jury entscheidet dann, wessen Version als offziellen Folge herauskommt. Parallel zum Handy-Roman gibt es die Abenteuer von Thomas Drimm auch als mobiles Hörbuch: unter einen kostenpflichtigen 0800-Nummer bekommt man am Handy die Story vom Autor persönlich vorgelesen (natürlich nicht live ;-).

Heute digital, früher Bleisatz: Der Zeitungsroman war die Telenovela des 19. Jahrhunderts

Hinter dem französischen Literatur-Projekt stehen zwei Kooperationspartner: der Telefon-Dienstleister SFR (Vodafon-Gruppe) sowie SmartNovel, ein digitales Verlagshaus. Unter dessen Dach startet gerade eine ganze Reihe von Handy-Fortsetzungsromanen. Wie im Fall von Cauwelaert schreiben die AutorInnen speziell für das Medium Mobiltelefon. Mit dem Gesetz der Serie betritt die Literatur übrigens nicht unbedingt völliges Neuland. Bei „Serien“ denkt man heutzutage zwar zuerst an das Fernsehen. Doch gerade in Frankreich hat der täglich in Folgen erscheinende „Roman feuilleton“ eine lange Tradition. Im 19. Jahrhundert steigerten Tageszeitungen wie Le Siècle oder Le Temps ihre Auflagen durch Fortsetzungsromane von Star-Autoren wie Alexandre Dumas oder Eugène Sue. Auch in Deutschland war für viele Schriftsteller der Zeitungsroman die Haupteinnahmequelle, etwa für den Vielschreiber Wilhelm Raabe. Die Textmengen kann man natürlich nicht vergleichen: Handy-Romane des 21. Jahrhunderts fassen sich weitaus kürzer als ihre fernen Verwandten aus den Tagen der dampfbetriebenen Druckerpresse. Eugène Sues Klassiker „Les Mystères de Paris“ hätte auf dem Smartphone wohl weitaus mehr Folgen als eine brasilianische Telenovéla.

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