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Offizieller Gratis-Download auf boox.to: Selim Özdogan spendiert “Freikarte für’s Kopfkino”

24 Sep 2013 Ansgar Warner 4 Kommentare

Ein türkischer Junge, der sich weigert, Deutsch zu sprechen, eine Mutter, die auf die anarchische Kraft von Unkraut setzt, ein philosophischer Tankwart, der auf Geld und Ruhm pfeift: Es sind unangepasste Figuren, die Selim Özdogan in seinem neuen Erzählband “Freikarte für’s Kopfkino” versammelt. Ähnlich unorthodox denkt offenbar auch Özdogan selbst, denn das E-Book erscheint als Gratis-Download exklusiv via TorBoox. Die Piraten-Plattform stellt normalerweise ungefragt Texte ins Netz – diesmal aber nicht: “Ich bin an Kontakt interessiert und Kontakt, wie ich ihn verstehe, entsteht an den Grenzen”, begründet der in Köln lebende Autor sein Promotion-Experiment in einem Interview. “Was ich in der öffentlichen Diskussion sehe, ist eher ein Rückzug, ein sich einigeln und auf die bösen Piraten schimpfen. Ich möchte an die Grenze, ich möchte sehen, welche neuen Wege es geben könnte.”

“Digitale Kopierbarkeit ist ein Fakt”

Özdogan hat zwar schon mal mit Self-Publishing im Bereich Hörbuch experimentiert, seine seit den Neunziger Jahren erschienenen Romane wurden jedoch bisher bei traditionellen Verlagen herausgegeben – das gilt auch für das aktuelle Werk “DZ”. Einige der E-Book-Versionen wiederum sind schon bei Torboox gelistet, ungefragt, versteht sich. Doch das stört den Autor offenbar nicht wirklich: “Es erscheint mir nahezu unmöglich, ein Ebook mit einem funktionierenden Kopierschutz auszustatten. Digitale Kopierbarkeit ist ein Fakt. Gesetze sind national, das Internet kennt keine Grenzen, das ist auch Fakt”. E-Book-Piraterie, da ist sich Özdogan sicher, hat vor allem mit den Problemen von Verlagen zu tun, die Gesetze der digitalen Ökonomie zu verstehen: “Um das Ausmaß zu reduzieren, müsste man ein attraktives Angebot für den Kunden bieten. Ebooks sind heute in der Regel etwa zehn Prozent billiger als das entsprechende Papierbuch. Das heißt wir sagen dem Käufer: Wenn wir die Druckkosten, die Vertriebswege, den Gewinn des Buchhändlers, etc rausnehmen, können wir dieses Ding zehn Prozent billiger anbieten. Und wenn er das nicht glaubt, liegt der Fehler bei ihm.”

“Etwas zu verschenken tut niemandem weh”

Dabei ist sich der Freikarten-Spender für das Kopfkino durchaus bewusst, dass manch einer auf die Kooperation mit der Warez-Szene gereizt reagieren wird – die ZEIT und der TAGESSPIEGEL wurden vor kurzem (erfolglos) angezeigt, nur weil sie es wagten, im Rahmen eines Interviews mit dem anonymen boox.to-Betreiber “Spiegelbest” den Namen der Plattform auszuschreiben. “Mir ist bewusst, dass man auf diesen Schritt emotional reagieren kann. Ich sehe aber nicht so richtig, wem ich damit weh tue, wenn ich etwas verschenke”, meint Özdogan. “Ich habe ja auch in der Vergangenheit schon Möglichkeiten des Netzes genutzt, um Sachen kostenfrei anzubieten”. Anderswo ist die Zusammenarbeit von Kreativschaffenden und Piraten schon weitaus etablierter – im Rahmen der “Promo-Bay”-Initiative erhielt etwa die populäre BitTorrent-Plattform Piratebay Ende 2012 in kurzer Zeit mehr als 10.000 Bewerbungen von Indie-Künstlern. Zu den besonders vehementen Befürwortern dieser Promotion via Piraten-Publishing zählt Bestseller-Autor Paulo Coelho.

“Kriminalisierung der Nutzer kann keine Lösung sein”

Auch Özdogan plädiert für einen Paradigmenwechsel in punkto Literatur-Marketing: “Es wird einem nie vorgeworfen mit einem großen Konzern zu arbeiten, der am Kunden kein weiteres Interesse hat als seine Daten und seine Kaufkraft. Ich bin in erster Linie am Leser interessiert und dessen Wert bemisst sich für mich nicht an seiner Kaufkraft. Dass ich Geld verdienen muss, empfinde ich als einen Makel des Systems, in dem wir leben. Und ich halte den Leser nicht für so dumm, dass er die Autoren vernichtet, indem er sie nicht mehr unterstützt”. Man müsse nicht unbedingt mit Piraten zusammenarbeiten, das Gegenteil sei aber auch falsch: “Sie und auch die große Anzahl von Nutzern dieser Plattform zu kriminalisieren, löst das Problem nicht. Oder erst, wenn wir eine flächendeckende Zensur des Internets oder die totale Überwachung einführen”.

“Der Geist ist bereits aus der Flasche”

Letztlich sieht Özdogan die E-Book-Piraten sogar als Vorkämpfer für die Internet-Freiheit: “Die Möglichkeit – auch unerkannt – viele Menschen zu erreichen, ist im Netz gegeben. Das kann so oder so genutzt werden. Wenn es darum geht Zensur zu umgehen, wird diese Möglichkeit begrüßt. Sie wird aber abgelehnt, sobald käufliche Inhalte unkontrolliert verbreitet werden”, wundert sich der experimentierfreudige Autor. Angesichts der bekannt gewordenen Totalüberwachung der digitalen Datenströme durch Nachrichtendienste und mit ihnen kollaborierenden Unternehmen gehe es in punkto Piraterie nicht einfach nur um Musik, Filme oder Literatur, sondern um die Frage: wo wollen wir hin? “In so einem Zusammenhang begrüße ich, dass es Menschen gibt, die sich im Netz frei von all dem machen, die zeigen, dass man nicht gläsern sein muss, sondern unsichtbar werden kann”. Einem von ihnen, dem ebenso legendären wie anonymen Dread Pirate Roberts, ist ein Mini-Essay am Ende des Erzählbands gewidmet – inklusive Original-Schlusszitat: „Doch selbst wenn wir verlieren, der Geist ist bereits aus der Flasche.“

Abb.: E-Book-Cover “Freikarte fürs Kopfkino” (Ausschnitt), Design: Boris Höpf

4 Kommentare »

  • herr.jedermann schrieb:

    Schade – hätte das Buch gern gelesen.

    Aber von wegen frei: Ich muss ja doch wieder mit meinen Daten zahlen! (Loggen Sie sich ein…) Und wo die in dem – zumindest suspekten – Fall landen? (Und welche Auswirkungen das hat?)

    Überhaupt: Warum stellt er nicht die Datei gleich auf seine Heimseite? Mich interessierten vorrangig seine Texte, nicht sein Credo, was die Distribution angeht.

    Die Diskussion könnte ja trotzdem geführt werden, aber sich vorab für den entscheiden, der eh ungebeten-ungefragt Entscheidungen schafft?

    Ist auch irgendwie, wie sich mit der NSA abfinden.

  • Rene schrieb:

    @herr.jedermann
    Zitat: “Aber von wegen frei: Ich muss ja doch wieder mit meinen Daten zahlen!”
    Das stimmt nicht! Torboox verlangt keine persönlichen Daten von Dir. Auch der Bezahlvorgang ist völlig anonym per Paysafecard.

  • herr.einzigartig schrieb:

    Hallo herr.jedermann,

    sie müssen NICHT mit ihren Daten zahlen; geben sie bei der Registrierung eine fake-EMail-Adresse ein (eine richtige wird gar nicht benötigt) und schon können wir Ihren ersten Satz da oben im Kommentar umbauen…:

    Toll, ich kann das Buch gerade runterladen und lesen OHNE dass ich auch nur ein Stückchen meiner Daten preisgegeben habe… ;)

  • Computerechse schrieb:

    “Und ich halte den Leser nicht für so dumm, dass er die Autoren vernichtet, indem er sie nicht mehr unterstützt”.”

    C64, Amiga, ich hab damals ja selbst auch kopiert…