Home » E-Book-Review

[e-book-review] Oder anders: Tempelhofer Feld, ein Freiluftroman von Thilo Bock

11 Jun 2014

Oder anders. Von wegen Nirgendort. Vielleicht wurde das Wort Utopie bisher immer falsch übersetzt. Wie wäre es mit „Ort, an dem alles möglich ist“? Das Berlin zur Wendezeit war mal so ein Ort, siehe den aktuellen Bildband “Berlin Wonderland. Wild years revisited 1990 – 1996”. Die temporären Freiräume der wilden Jahre sind längst durch Konzerntürme und Townhouses verbaut worden. Doch an einem Sonntag im Mai haben sich die Berliner (inklusive icke) in einer friedlichen Revolution namens Volksentscheid wieder so einen Ort geschaffen, diesmal vorläufig unverbaubar: das Tempelhofer Feld.

FOLLOW ME: Lockruf des Feldes

Oder anders: Kein Wunder, dass ein in Berlin geborener & lebender Autor wie Thilo Bock so sehr von der Faszination der „Tempelhofer Freiheit“ ereilt wurde, dass daraus als Reaktion ein „Freiluftroman“ entstanden ist, Titel: „Tempelhofer Feld“ (als Hardcover & E-Book erschienen bei Fuch&Fuchs). Die Literatur ist ja normalerweise der einzige Ort, an dem alles möglich ist, ein imaginäres Wiesenmeer, das uns in den „anderen Zustand“ versetzt. Jetzt gibt es aber eben auch das weite Feld mitten in Berlin: 350 Hektar Freifläche mit zwei Landestreifen in Ost-West-Richtung, rundherum umkreist von einem asphaltierten Taxi-Way.

Oder anders. Der Taxiway ist rund, unser Kopf ist es auch. Warum? Na damit das Denken die Richtung ändern kann. Genau diese Erfahrung macht Sven, der Protagonist des erzählten Tempelhofer Feldes. Der Lockruf des Feldes ereilt den Bibliothekar aus Schöneberg in Form der schönen Skaterin Luis bereits in der U-Bahn in Richtung Hermannstraße. FOLLOW ME: Sven steigt mit der Unbekannten aus und folgt ihr durch den angentrifizierten Altbaukiez. Dann steht der Vierzigjährige zum ersten Mal auf dem ehemaligen Flughafengelände, und wird im Nullkommanichts süchtig, wie so viele andere Besucher auch.

Erzählte Stadt vom Feld gestellt

Oder anders. Das Feld selbst scheint einzugreifen. Da ist der Gesprächsthemenverteiler, da ist plöztlich eine Gemeinschaftsgärtnerin namens Antonia, die Sven eine Tomatenpflanze schenkt. Da ist der Uhrzeitsammler, der Birdwatcher, der RBB-Reporter. Und die Freifläche, deren Geschichte Sven bis in seine Träume verfolgt. Vom Aufmarschplatz der Kaiserzeit zum UFA-Außendreh vom „Golem“, vom KZ am Columbiadamm bis zu Speers Megabau, vom Zichorienacker der frühen Nachkriegszeit bis zum Airfield der US-Luftwaffe. Schließlich wird Sven halbnackt eine Nacht im Wiesengras verbringen und Sex haben mit einer der Frauen vom Feld. Obwohl er dabei an die andere denkt. Und an seine Freundin, die gerade auf Dienstreise ist, was auch der Leser erst am nächsten Morgen so en passant erfährt.

Oder anders. Die übliche erzählte Stadt mit ihren Innenräumen wird in Thilo Bocks Freiluftroman – darum heißt er ja auch so – deutlich vom Feld gestellt. Fast bis zum Schluss. Doch nach 14 Tagen und 14 Kapiteln Tempelhofer Freiheit ist Svens Partnerin wieder back in town, und eine Entscheidung steht an: welche der Möglichkeiten, um die Sven auf dem Feld kreist, soll es sein? Als Thilo Bock den Roman zu Papier brachte, schienen die Tage der Freiheit so gezählt wie am Ende die Seiten des Romans. Irgendwann in naher Zukunft würde ein Masterplan an die Stelle der Utopie treten, dachte man, Urban Water und Kletterfelsen für die Plebs, Townhouses und Tiefgaragen für Superreiche, eine Très Grande Bibliothèque als Memento Wowi. Doch die Berliner waren souveräner. So ist „Tempelhofer Feld“ zum Glück kein historischer Roman, sondern bleibt Echtzeitliteratur. Bis auf weiteres. Nicht umsonst beginnt jedes Kapitel mit den Worten: Oder anders.

Thilo Bock,
Tempelhofer Feld. Ein Freiluftroman
Hardcover (Fuchs&Fuchs) 17,00 Euro
E-Book (epub/Kindle) 13,99 Euro

Abb. oben: Flickr/e-book-news (CC BY-SA 2.0)