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No Need for Speed? Forscher meinen: Schnell-Lese-Apps machen buchstäblich keinen Sinn

28 Jan 2016 1 Kommentar

spritz-speed-readingSpeed Reading scheint in die Zeit zu passen – denn die wird eben immer knapper. Schon ohne technische Hilfsmittel werden beim „Koma-Lesen“ erstaunliche Rekorde gebrochen: Der Weltrekord für die Lektüre von “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” liegt bei 47 Minuten. Das braucht jedoch eine Menge Training.

Text-Streaming mit Apps wie „Spritz“ oder Amazons „Word Runner“-Feature für das Kindle sollen das schnelle Lesen auch untrainierten Amateuren ermöglichen, mit Hilfe der sogenannten „Rapid serial visual presentation“ (RSVP). Statt die Augen über den Text zu jagen, strömt nun der Text am Fokussierungspunkt vorbei. Angeblich lässt sich das Lesetempo auf bis zu 750 Worte pro Minute steigern, normal sind 250 Worte.

Alles Quatsch, sagt jetzt eine Metastudie, die in der Zeitschrift „Psychological Science in the Public Interest“ veröffentlicht wurde – denn je schneller man liest, desto weniger versteht man. „Die verfügbaren wissenschaftlichen Belege zeigen, dass Geschwindigkeit und Genauigkeit eng miteinander zusammenhängen — wenn Leser weniger Zeit mit dem Inhalt verbringen, haben sie notwendigerweise auch ein schlechteres Textverständnis“, schreibt Psychologin Elizabeth Schotter (University of California, San Diego).

Der Kern des Problems hat mit dem RSVP-Konzept zu tun, das Augenbewegungen überflüssig machen soll, um Zeit zu sparen. Doch Leseverständnis wird in der Praxis vor allem auch damit erreicht, die Augen vor- und zurück zu bewegen, um kurze Passagen oder einzelne Wörter zu rekapitulieren, wenn sie beim ersten Lesen nicht richtig in den Kontext eingeordnet werden konnten. (“Don’t Believe What You Read (Only Once)“, ist nicht zufällig eine Lesestudie aus dem Jahr 2014 überschrieben). Genau das ist bei Speed Reading-Apps natürlich nicht möglich.

Dass man einen beliebigen Text zu einem zuvor unbekannten Thema also durch einmalige „kursorische“ Lektüre sofort versteht, bleibt also auch mit den gängigen Schnell-Lese-Techniken eine Größenphantasie von Möchtegern-Überfliegern. Das Gegenteil scheint zuzutreffen: je mehr man über ein bestimmtes Thema weiß, desto einfacher lässt sich ein Text „überfliegen“, in dem man die wichtigen Passagen identifiziert und den Rest überspringt.

Was auch die Autoren der Metastudie zu einer interessanten Schlussfolgerung führt: „Das einzige, was die generelle Lesefähigkeit [und damit natürlich auch das Lesetempo] boosten kann, so die Erkenntnis der Wissenschaft, ist das möglichst häufig praktizierte Lesen und Verstehen von Texten“.

(via Inc.com & The Digital Reader)

Ein Kommentar »

  • Sonntagslinks | Papas Wort schrieb:

    […] geschrieben wurden, braucht man dafür auch zum Glück keine Schnellleseapps. Endlich hat das mal jemand belegt. Es wurde […]