Nicht böse sein: Googles große Bibliothek kommt erst mal nicht…

nicht-boese-sein-googles-grosse-bibliothek-kommt-nichtNicht jedes Buch darf ungefragt zum Google Book werden – zumindest bis auf weiteres. Denn das Urteil des New Yorker Richters Denny Chin zum Thema Google Book Settlement bedeutet vor allen Dingen eins: die Justiz hält das gigantische Scan-Projekt des Suchmaschinenriesen für eine (außen-)politische Frage. Die universale Bibliothek mag zwar einen großen Nutzen bringen, doch wenn es um Copyright-Fragen in einem solchen, globalen Ausmaß gehe, sei eher der US-Kongreß zuständig. Möglich erscheint jedoch auch ein neuer Kompromiß mit den Autoren- bzw. Verlegerverbänden. Denn das aktuelle Urteil spricht von einer Opt-In-Lösung. Google dürfte zwar noch scannen, aber müsste die Rechteinhaber vorher um Erlaubnis fragen. Bis man auf diese Weise alle Bücher der Welt digitalisiert hat, wird es wohl ein Weilchen dauern…

Wirklich ein “Festtag für alle Google-Hasser“?

Von einem „Festtag für alle Google-Hasser“ sprach gestern die taz : Endlich habe der Suchmaschinenkonzern mal „juristisch ordentlich eins auf die Fresse gekriegt“. Viele andere Blätter äußerten sich mit ähnlicher Häme. Etwas nüchterner dagegen der Börsenverein des deutschen Buchhandels: das New Yorker Urteil sei ein „Sieg für das Urheberrecht“. Und damit natürlich auch für die Verlage. Ein Sieg für das Lesepublikum ist es dagegen nicht. Denn letzlich drehte sich der Streit nur um zwei eher exotische Bereiche der Literatur: die sogenannten „verwaisten“ Werke, deren Rechteinhaber nicht mehr feststellbar sind, und zudem im Buchhandel vergriffene Titel, die aber immer noch unter Copyright stehen. Insofern werden die Auswirkungen des Urteils im Alltag auch kaum spürbar sein. Ein paar Akademiker müssen etwas größeren Aufwand betreiben, um auf verstaubte Standardwerke zur koptischen Münzkunde oder zur Ironie der Irokesen zugreifen zu können. Und manchen Urhebern werden eine Handvoll Dollars entgehen, weil ihre vergriffenen Werke wie bisher nur antiquarisch zu beschaffen sind, und nicht per Mausklick als Google E-Book.

Problematisch ist Googles globaler Buch-Scan auf politischer Ebene

Wie bisher werden aber auch in Zukunft die meisten Umsätze im elektronischen Bereich mit aktuellen Titeln gemacht, und da ist Google keinesfalls besser positioniert als Amazon oder Apple. Ein wirtschaftlicher Schaden durch das 2004 gestartete Scan-Projekt war in den USA ohnehin nie nachzuweisen, die Buchbranche konnte bis zum Einsetzen der Wirtschaftskrise zweistellige Wachstumsraten verzeichnen. Wenn Googles globaler Buchscan problematisch war, dann auf politischer Ebene. Schließlich droht das Unternehmen zum Gatekeeper über unser kulturelles Erbe zu werden – was übrigens im Zusammenhang mit dem Google Book Settlement auch die Datenschützer auf den Plan gerufen hatte. Das Problem ist freilich: eine Alternative zu Google gibt es zur Zeit nicht. Selbst öffentliche Digitalisierungsprojekte auf internationaler Ebene (Stichwort: Europeana) haben bei weitem nicht dieselben Ressourcen zur Verfügung. Und stehen am Ende auch wieder vor ähnlichen Hürden. Public Access, der freie Zugang zum Wissen, den die elektronischen Medien möglich gemacht haben, bleibt ein ungenutztes Potential, solange die antiquierten Regeln der Gutenberg-Galaxis gelten. Nicht nur in den USA ist also die Politik gefragt, zeitgemäße Lösungen anzubieten.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".