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[e-book-review] Nicht alle sind New Yorker: „September. Fata Morgana“ übt den globalen Blick auf 9/11

31 Aug 2010

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Am 11. September waren wir alle irgendwie New Yorker. Fast zehn Jahre nach Nine Eleven ist der Blick differenzierter geworden – auch in literarischer Hinsicht. Deutsche 9/11-Romane bringen nicht nur eine spezifisch europäische Perspektive ein. Wie Thomas Lehrs „September. Fata Morgana“ zeigt, gelingt immer öfter auch der Blick auf die zugleich medial globalisierte und sozial zersplitterte Realität des 21. Jahrhunderts. „September. Fata Morgana“ ist nominiert für den Deutschen Buchpreis und zudem als E-Book im epub-Format erhältlich. Zwei gute Gründe für unsere Rezensentin Heide Reinhäckel, einen genaueren Blick hinein zu werfen.

Wenn die Zeitgeschichte in leisen Tönen kommt

Das Buchcover von Thomas Lehrs neuem Roman zeigt in der unteren Ecke den verschwommenen Umriß eines anfliegenden Flugzeuges. In Kombination mit dem Buchtitel „September. Fata Morgana“ eröffnet sich unweigerlich der Bezug zum 11. September, denn das kollektive Gedächtnis ist auf die Ikonographie des Medienereignisses getrimmt. Wenn im kommenden Jahr die New Yorker Terroranschläge auf das World Trade Center ein Jahrzehnt zurückliegen, wird der Erinnerungstag Anlass für zahlreiche Gedenkveranstaltungen und Sondersendungen sein, zu denen Lehrs neuer 9/11-Roman wie eine Fussnote der Gegenwartsliteratur erscheinen muss. Aber angesichts des zu erwartenden Medienhypes lohnt sich ein Blick in Lehrs Roman umsomehr. Denn hier kommt Zeitgeschichte zur Abwechslung mal in leisen, beobachtenden und erzählerisch höchst anspruchsvollen Tönen daher.

„Lauter Katastrophen?“: Nine Eleven und die deutschen Literaten

Seit ungefähr zehn Jahren arbeitet sich die deutsche Gegenwartsliteratur am 11. September ab. Und an dem Vorwurf, keine großen 9/11 Romane hervorgebracht zu haben wie beispielsweise den französischen Skandalroman „Windows of the World“ von Frédéric Beigbeger. Doch auch New York-Romane wie „Extremely Loud &Incredibly Close“ vom Brooklyner Jungautor Jonathan Safran Foer oder „Falling Man“ aus der Feder des Altmeisters Don DeLillo kreisen eng um das amerikanische Trauma Nine Eleven. Während die Kritik großzügiges Lob spendete, erntete deutsche 9/11-Literatur anfänglich eher Kopfschütteln. „Lauter Katastrophen“, urteilte etwa die FAZ, über Hybridformate wie Else Buschheuers als Blog gestartetes New York Tagebuch oder Kathrin Rögglas Echtzeit-Montage „really ground zero“, die bereits wenige Monate nach den Anschlägen in die Regale der Buchhandlungen gelangten. Besser gefiel den Rezensenten da schon Ulrich Peltzers vielschichtige New York-Erzählung „Bryant Park“ oder Thomas Hettches Bestandsaufnahme des American Dreams („Woraus wir gemacht sind“).

Parallele Leben in New York und Bagdad

Vielleicht hilft ja auch der zeitliche Abstand. Thomas Lehr visiert mit „September. Fata Morgana“ die Zeitgeschichte des kurzen Jahrzehnts der Nullerjahre an, das mit Nine Eleven begann. Die Perspektive ist auch geographisch geweitet, denn es geht um zwei parallele Lebensgeschichten in New York und in Bagdad, die das Medien- und Terrorereignis 11. September unerbitterlich verknüpft. Am Beginn der Romans stirbt Sabrina, die Tochter des deutsch-amerikanischen Germanistikprofessors Martin bei den Anschlägen auf das WTC. Am Ende des Romans kommt Muna, die Tochter des irakischen Arztes Tarik, 2004 bei einem Bombenattentat auf einem Markt in Bagdad zu Tode. Lehrs Roman zwingt den Leser zur Doppelwahrnehmung von zwei Lebensgeschichten, die ansonsten separat verlaufen würden. Eine Mittelschichtsexistenz in der Global City New York, ein prekäres Leben im kriegserschütterten Bagdad des Irakkrieges, verbunden durch den 11. September als Musterbeispiel für die Verknüpfung von Visualität, Geschichte und Politik. So überzeugend hatte zuletzt nur Sherko Fatah in „Das dunkle Schiff“ (2008) über die Beziehungen zwischen Orient und Okkzident im 21. Jahrhundert geschrieben.
Die Perspektivverknüpfung erreicht im Epilog des Buches einen Höhepunkt, wenn die Toten und die Lebenden mit ihren Monologen, Hoffnungen und Ängsten einen flirrenden Sprachteppich bilden.

West-östlicher Divan, oder: Eingeschleuste Traditionen

Die sprachliche und stilistische Gestaltung des Buches sticht hervor, als hätte hier wirklich die von der Literaturkritik eingeforderte ästhetische Inkubationszeit gewirkt. Lehr hat für das neue Buch seit 2004 recherchiert und drei Jahre Material gesammelt, bevor er mit dem Schreiben begann. Entstanden ist ein Text ohne Punkt und Komma, ein Textfluss ohne jegliche Interpunktion, der zwischen nüchtern- westlichem Schreibstil und einer orientalisch-ornamentalen, bildgewaltigen Erzählkunst changiert. Eingeschleust sind zahlreiche Anspielungen auf die Tradition des west-östlichen Dialogs im Medium der Literatur. So stößt der Leser auf Goethes West-östlichen Divan, auf die orientalische Geschichtensammlung „Tausendundeine Nacht“ oder auf Walt Whitmans „Grass Leaves“. Zumindest für Deutschland ist das ein Novum. In solcher ästhetischer Komplexität wurde über den 11. September und seine weltpolitischen Folgen bisher noch nicht geschrieben. Die anfänglichen Befürchtungen des Feuilletons dürften damit wohl endgültig widerlegt sein: Der Roman einer Katastrophe muss nicht zwangsläufig als Roman eine Katastrophe sein.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Thomas Lehr,
September. Fata Morgana (August 2010)
E-Book (epub-Format), 24,90 Euro
Hardcover (Roman Hanser) 24,90 Euro