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Narratives Crowdsourcing: „Active fiction“ macht Kindle-Books hyperaktiv

22 Mrz 2012

Erinnert sich noch jemand an die Spielebücher der Achtziger Jahre? Mit Titeln wie „Der Hexenmeister vom flammenden Berg“ oder „Die Zitadelle des Zauberers“ lösten die Rollenspiel-Erfinder Ian Livingstone und Steve Jackson damals einen regelrechten Hype aus: auch in Deutschland wurde mit diesen Textadventures in Buchform wild hin- und her geblättert, gewürfelt und Stärkepunkte ausgerechnet. Das US-Startup Coliloquy bringt dieses Prinzip nun unter dem Label „Active Fiction“ auf den Kindle-Reader. In den Romanserien mit Gothic-, Fantasy- und Herzschmerz-Themen müssen die Leserinnen und Leser immer wieder Entscheidungen treffen, die den Fortgang der Geschichte beeinflussen. Welchen Weg soll der Held gehen, mit wem soll er sich verabreden, wie soll er auf eine Herausforderung reagieren?

Emanzipation vom klassischen E-Book

Coliloquy hat sich sehr deutlich die Emanzipation des E-Books vom bloßen Abbild gedruckter Bücher auf die Fahnen geschrieben: „Wir glauben, dass digitale Fiktion die bisherigen Grenzen von Erzählungen und Story-Telling durchstoßen kann. Alle unsere E-Books werden als aktive Kindle-Apps veröffentlicht, nicht als statische Dokumente. Sie erlauben unseren Autoren neue Welten zu erschaffen durch episodisches Story-Telling und Aktivierungstechniken, wie etwa das Treffen von Entscheidungen, verzweigte Erzählweisen, Loops und personalisierte Inhalte“. Die speziell auf ein jugendliches Lesepublikum zugeschnittenen Serien haben einen von TV-Serien bekannten „Myth-Arc“, also einen thematischen (Spannungs-)Bogen, der unabhängig von den Erzählalternativen einer einzelnen Folge funktioniert.

Narratives Fluidum: mehr als 500 Verzweigungen

Der Stand-Alone-Roman Fluid treibt die Leser-Aktivierung sogar auf die Spitze – die um zwei archetypische Teenager namens Chastity und Austin kreisende Gut-kämpft-gegen-Böse-Geschichte hat 500 Verzweigungen, an denen man eine Wahl treffen muss. Die erste lautet: „Who is more powerful? God. The devil. Man.“ Die Antwort sollte wohlüberlegt sein. Denn wie im richtigen Leben, und anders als in den Spielebüchern aus Papier gibt es kein Zurück. Der Leser schreibt mit an der Story-Line – und kann bei erneuter Lektüre eine ganz andere Geschichte erleben. Nicht nur die Erzählung bleibt im Fluss, es fließen bei der Lektüre auch die Daten. Denn Coliloquys Apps senden anonymisierte Statistiken über die handelnde Hauptperson namens Leser an den Herausgeber zurück.

Auswertung des Leseverhaltens

Coliloquy soll das erste Unternehmen sein, dass von Amazon solche Auswertungen des Leseverhaltens erhält. Die Nutzung erfolgt in zwei Varianten. Die Autoren einer Roman-Serie können neue Folgen besser auf die Wünsche der Leser abstimmen und besonders populäre Erzählstränge oder Charaktere in den Vordergrund stellen. Möglich ist aber auch die parallele Produktion verschiedener Varianten einzelner Folgen, so dass die Serie für unterschiedliche Leser-Typen anders verläuft. Je nach den Entscheidungen, die man in einer Folge trifft, erhält man beim Kauf der nächsten Folge also eine bereits von vornherein anders angelegte Variante. Coliloquy emanzipiert sich insofern nicht nur vom konventionellen E-Book. Die Wechselwirkung zwischen Leser, Autor und Text ist sogar noch stärker als bei den Hypertext-Romanen der Neunziger Jahre, oder den aktuellen Point-and-Click-Adventures: E-Books sind im Zeitalter des narrativen Crowdsourcings angekommen.

Hinweis: ähnlich wie andere „Active Content“-Inhalte sind die Kindle-Apps von Coliloquy z.Zt. leider noch nicht im deutschen Kindle-Store erhältlich.

(via HuffPo Books)

Abb.: flickr/life serial (Startseite) sowie Screenshot Coliloquy (Artikel)