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„Brass. Brass. Brass.“: Beim NaNoGenMo werden Algorithmen zum Roman-Autor

22 Dez 2015 1 Kommentar

sun-also-rises50.000 Worte Fiktion, so lautet die einzige Regel beim „National Novel Writing Month“ (NaNoWriMo). Oder auch: „If you believe you’re writing a novel, we believe you’re writing a novel, too“. Diese doch sehr offene Definition reizte den Software-Entwickler Darius Kazemi dazu, via GitHub ein Spin-Off namens „National Novel Generating Month“ auszurufen, das im November 2015 bereits zum dritten Mal stattgefunden hat. Nicht Autoren, sondern Algorithmen erzeugen bei diesem inoffiziellen Wettbewerb die Texte. Einzige Regel: es muss am Ende eine Datei mit mindestens 50.000 Worten herauskommen.

„Es könnte sich auch um 50.000 Wiederholungen des Wortes ‘Miau’ handeln, und würde trotzdem zählen“, fasst Kazemi gegenüber Dazeddigital das Prinzip zusammen. In der Praxis sind die künstlich erzeugten „Romane“ allerdings deutlich abwechslungsreicher, wenn sie auch nicht wirklich lesbar sein dürften. So lautet der Anfang von Kapitel 587 des von Duncan Regan eingereichten Titels „The Cover of The Sun also Rises“ z.B.:

Brass. Brass. Brass. Brass. Brass. Brass. Brass. Brass. Brass. Drab. Drab. University of California Gold. Brass. Brass. Dark tan. Dark tan. Dark tan. Brass. Raw umber. Raw umber. Coffee. Dark brown. (…)

Die endlose Litanei von Farbwerten wurde sinnigerweise durch das pixelweise Auslesen eines Coverfotos erzeugt, das auf einer Ausgabe von Ernest Hemingways Roman „The Sun also Rises“ prangt und eine in Öl gemalte Landschaftsansicht zeigt. Wer möchte, kann sich dieses Mantra im Stil von James Joyces berühmten Flussnamen-Kapitel„Anna Livia Plurabelle“ auch von einer Computerstimme vorlesen lassen.

Mindestens ebenso genial ist eine Idee, die aus technischen Problemen leider nicht die Mindestwortzahl erreichte: „The Psychotherapy Of Racter Or The Descent Into Madness Of Dr. Eliza“ lässt zwei legendäre Pseudo-Intelligenzen der Computergeschichte gegeneinander antreten: Weizenbaums simplen, aber effektiven Psychoanalyse-Algorithmus Eliza und den assoziativ auf Nutzereingaben reagierenden 80er-Jahre Textgenerator Racter, eine Art Eliza auf Drogen, von seinen Schöpfern auch als „Artificial Insanity“ bezeichnet.

Let’s try another question.
>You’re not really talking about me, are you?
Certainly. Did you hear about Swinburne?
>You’re not really talking about me, are you?
I am. Of course. I want you to answer my question.
Did you hear about Swinburne?
>What do you think?
To think is intelligent, don’t you think? I don’t know what I do
think. I asked you a question, though. Did you hear about
Swinburne?
>Have you asked anyone else?
Of course not. I asked you a question, though. Have you heard
about Swinburne?
>I’m not sure i understand you fully.
Listen to this! Swinburne had wanted to versify while softness
was rampant. But then any sentient creature ate Swinburne so of
course Swinburne threw up on any sentient creature! Poor
Swinburne! Poets are like that. A depressed machine is still
not an any sentient creature.

Eine sehr schöne Cross-Over-Story zwischen Jules Vernes „Reise um die Welt in 80 Tagen“ und Wikipedia-Artikeln mit ortsspezifischen Geodaten hat Kevin Davis ausgeheckt: in west-östlicher Richtung reist man in diesem Text tatsächlich einmal um die Welt, Anfangs- und Startpunkt ist, wie bei Jules Verne, der „Reform Club“ in London. Damit für „Around the World in X Wikipidia Articles“ auch tatsächlich genügend Worte zusammenkamen, wählte Davis eine Route aus, die durch zehn besonders gut wikifizierte Metropolen führt – u.a. auch Berlin:

We caught a cab to Viktoriapark. As far as I knew, this was inaugurated at the top of the 66 m promontory west of the road to Tempelhof. It was clearly annulled by the groundbreaking 1882 „Kreuzberg judgement“ of the Prussian Royal administrative court. Daniel remembered it becoming the name giver of the Kreuzberg borough created by the 1920 Greater Berlin Act.
„Did you say this was air-raid shelters?“ asked Passepartout.
„Certainly.“ I replied. We made full benefit of an excellent viewpoint over much of the central and southern portions of the city.

Veröffentlicht werden die NanoGenMo-Elaborate nur online und elektronisch, ohnehin wird sich wohl kaum ein (menschlicher) Leser finden, der sich all diese randomisierten Letternwüsten freiwillig vom ersten bis zum letzten Wort zu Gemüte führt. Wobei es natürlich schon irgendwie lustig wäre, sich solch ein Werk gedruckt ins Regal stellen zu können – am besten direkt neben „The Policeman’s Beard Is Half Constructed“.

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