Home » Leseprobe

Nachbarschaftsroman mit schwäbischer Couleur: Bärbel Götz, Sommernachtstränen [Leseprobe]

4 Jun 2018

sommernachtstraenen-introKann man alleine glücklich sein? Isabell glaubt daran. Bis sie in die Lessingstraße kommt. Eigentlich ist sie auf der Suche nach ihrem Bruder. Doch sie findet viel mehr. Die alte Dame, die ihre Nachbarn ausspioniert. Den Türkenjungen, der unbedingt auf die Realschule gehen will, trotz seiner Eskapaden im Schülergottesdienst. Und den unwiderstehlichen Valentin, der sich immer mehr in ihre Gedanken und in ihr Leben drängt. Bis ein Mensch getötet wird und erstaunliche Dinge ans Licht kommen, die weit zurückreichen in die Nachkriegszeit, als Millionen von Flüchtlingen aus Osteuropa nach Württemberg kamen, und die mehr mit Isabell zu tun haben, als sie ahnt … Nach „In den Gärten Katzen“ legt Bärbel Götz mit Sommernachtstränen“ einen Nachbarschaftsroman mit schwäbischer Couleur vor — wer mehr erfahren möchte, kann gleich hier loslesen.


Bärbel Götz: Sommernachtstränen


»Amalie«, wisperte Helga aus dem Dunkel, »siehst du etwas?«
Eigentlich war es ein heiseres Flüstern und klang schwäbisch »Ammale, siesch du ebbes?«
In graue Mäntel gehüllt lugten die zwei alten Damen über die dichte Eibenhecke. Eine stand am Gartentor, die andere am Carport, weil dort die Hecke lichter war. Um nicht aufzufallen, hatten sie schwarze Kopftücher aufgesetzt. Sie sahen aus wie die zerzausten sibirischen Saatkrähen, die im Winter in Scharen auf den Feldern nach vergessenen Körnern pickten. Hinter ihrem Fenster hatten sie gestanden und gewartet, bis der Nachbar weggefahren war. Kurz darauf waren die beiden im Schutz der Dämmerung über die Straße gehuscht. Sie mussten endlich herausbekommen, was dort vor sich ging. Helga, die robustere von ihnen, setzte einen Fuß auf die erste Strebe des Gartentors, als wollte sie darüber klettern.
»Helga«, rief Amalie streng, »lass das! Denk an deine Gelenke!«
Sie zerrte an der Carporttür, die in den Garten führte, bis sie aufging. »Komm her«, flüsterte sie, »hier können wir rein.«
Über den Bewohner der Lessingstraße 8 führte nicht nur Renate Feldmann Buch. Die Schwestern aus dem Haus gegenüber stalkten ihn weitaus mehr. Er war verdächtig und sein Lebenswandel dubios. Ein alleinstehender Mann über vierzig, der sich in einem Haus mit geschlossenen Vorhängen verschanzte und dessen Gartenhecke undurchdringlich war. Den Garten, aus dem Kinderlachen schallen sollte, schmückten sonderbare Figuren. In den Räumen flackerte mitten in der Nacht Licht. Helga und ihre Schwester hatten beobachtet, wie dunkle Autos vorfuhren und noch dunklere Gestalten durchs Gartentor verschwanden. Helga glaubte, der Leibhaftige wohne ihnen gegenüber. Die Schwester stand ihr da in nichts nach. Vom ersten Stock ihres Hauses versuchten sie mit Ferngläsern, sein Haus und seinen Garten auszuspähen. Leider ohne Erfolg. Deshalb hatten sie beschlossen, in den Garten einzudringen. Mit Taschenlampen bewaffnet, schlüpften sie durch die Holztür in die dunkle Ungewissheit.
Im unruhigen Schein der Leuchte, die sie mit fahrigen Händen hielt, erspähte Helga steinerne Figuren, Gnome mit seltsamen Fratzen. Sie hielt die Luft an und gruselte sich. Dann schaute sie zu ihrer Schwester und fürchtete, dass im nächsten Moment eine der Gestalten in Bewegung kommen und ihnen an die Kehle gehen würde. Amalie schien es nicht anders zu gehen, so wie sie zitterte. Dicht nebeneinander gingen sie zum Haus. Sie mussten endlich herausbekommen, was dieser Unhold trieb.
Das Eindringen in seinen Garten war die letzte Wahl gewesen. Helga und ihre Schwester hatten vieles versucht. Kam der Kurierfahrer und hielt vor der Nummer 8, hetzte eine der beiden über die Straße, um dem Mann das Paket für den Nachbarn abzunehmen. Sie waren menschenfreundlich, der Nachbar war nicht zuhause und sie ersparten es dem armen Kurier, ein weiteres Mal herzufahren. Wie eine Beute nahmen sie das Paket mit zu sich und betrachteten es von allen Seiten. Sie studierten den Absender, wogen es in den Händen, es war für seine Größe sehr leicht, was konnte nur darin sein? Wenn der Nachbar es abends abholte, versuchten sie, mit Fangfragen zu ergründen, was er bestellt hatte. Auch hier kamen sie nicht weiter, was sie noch ärgerlicher machte. Er hatte doch etwas zu verbergen, sonst könnte er doch einfach sagen »Vielen Dank, dass Sie den Wein für mich angenommen haben.« oder »Vielen Dank für das Paket, da ist ein neues perverses Teil drin.« oder »Vielen Dank, meine Sklavinnen freuen sich bestimmt sehr über das neue Spielzeug.«.
Nachts fuhren Fahrzeuge vor. Frauen kicherten. Wurden von Männern im Arm gehalten. Alexandra Schimmel behauptete, sie habe gesehen, wie eine geknebelte und gefesselte Frau in einem Abendkleid auf das Grundstück geführt wurde. Vielleicht hatte Frau Schimmel vorher wieder ihre Seiten im Internet besucht. Fesseln des Grauens. Hilflos im Kerker des Höhlenmenschen. Helga und Amalie wussten viel über die Schimmel, saß sie doch regelmäßig bei ihnen in der Küche und erzählte von ihrer Arbeit. Helga taten die Menschen leid, die Alexandra tagsüber auf dem Rathaus beriet oder – noch schlimmer –, über deren Zukunft sie entschied. Auf der einen Seite waren Flüchtlinge und Asylanten, deren Leben in ihren Händen lag, auf der anderen Seite war sie, die morgens kaum die Augen öffnen konnte, weil sie sich nachts schlüpfrige Filme reingezogen hatte, begleitet vom rauchigen Geschmack des Whiskys, den sie woher auch immer in die Finger bekommen hatte. Für sie war ein syrischer Familienvater der Stecher mit den glühenden Augen, während er um das Wohl seiner Familie hier und in der Heimat kämpfte.
Helga und ihre Schwester versuchten, der Schimmel ins Gewissen zu reden, ihr bewusst zu machen, welche Verantwortung sie trug. Überhaupt. Was war eigentlich mit ihren Vorgesetzten?
Die Schauergeschichten mit den gefesselten Frauen glaubten sie allerdings sofort. Und Valentin Bauer wuchsen die Hörner aus der Stirn, so sehr glich er in ihrer Vorstellung dem Teufel. Mit diesen Orgien auf seinem Grundstück. Wo sich mehrere Männer mit einer Frau vergnügten, sie auspeitschten, gefesselt, geknebelt und mit verbunden Augen.
Was erwarteten sie von ihrem nächtlichen Ausflug? Wo der Nachbar gar nicht da war? Vielleicht hatte er vergessen, die Haustür abzuschließen? Gemeinsam schlichen sie über den Rasen zum Haus und leuchteten mit ihren Lampen ins Fenster. Mit der freien Hand beschirmten sie das Blickfeld, um im Dunkel etwas erkennen zu können. Sie waren so gefangen in ihrer Mission, dass sie nicht bemerkten, dass der Hausherr sich näherte.

(Weiterlesen)

Autorin & Copyright: Bärbel Götz

Cover Sommernacht
Bärbel Götz,
Sommernachtstränen
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro