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[e-comic-review] Nach der Sintflut: Josh Neufelds graphische Reportage über New Orleans & den Hurrikan Katrina

4 Feb 2010 Ansgar Warner 4 Kommentare

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„Alle meine Comics basieren auf der Wirklichkeit“, sagt der Cartoonist und Illustrator Josh Neufeld. Für „A.D. New Orleans after the Deluge“ gilt das aber ganz besonders – denn die Graphic Novel ist eine realitätsnahe Reportage über den Hurrikan Katrina, der 2005 die Stadt am Mississippi fast vollkommen zerstörte. Neufeld erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Augenzeugen, die er nach der Katastrophe interviewt hat. Einen Großteil der Story kann man als WebComic lesen, die Print-Version gibt esvia Amazon.

„Nach der Sintflut“: Katrina ist neben 9/11 das große amerikanische Trauma des 21. Jahrhunderts

Das Wort Comic hat etwas mit Komik zu tun – doch die Bildergeschichten sind längst in der rauen Wirklichkeit angekommen. Nicht nur das: erfolgreiche Graphic Novels wie Art Spiegelmans „In the Shadow of no Towers“ oder Marjane Satrapis „Persepolis“ sind auch deutlich autobiografisch geprägt. Josh Neufelds Webcomic „A.D. New Orleans after the Deluge“ zeigt noch eine weitere Möglichkeit: was der us-amerikanische Cartoonist und Illustrator in Text und Bild erzählt, ist eine realitätsnahe Reportage über die Auswirkungen des Hurrikans Katrina. “All my comics are reality based,” sagt zwar der in Brooklyn lebende Neufeld gegenüber der NYT zu seiner Arbeit. Trotzdem ist „After the Deluge“ ein ganz besonderes Werk. Der Titel – wörtlich: „Nach der Sintflut“ – ist kaum übetrieben. Neben dem 11. September bleibt Katrina das große amerikanische Trauma des frühen 21. Jahrhunderts. Bei der verheerendsten Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten kamen im Jahr 2005 über 1800 Menschen ums Leben, mehr als zwei Drittel von New Orleans standen tagelang bis zu sieben Meter unter Wasser.

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Katrina came calling: „Mach einen Comic draus. Bitte!“

Josh Neufeld kam mit den Auswirkungen des Wirbelsturms direkt in Berührung. Kurz nach der Flut arbeitete er in Biloxi/Mississippi drei Wochen lang als freiwilliger Helfer für das Rote Kreuz. Die unmittelbaren Erfahrungen verarbeitete Neufeld in einem Blog, aus dem später ein selbstverlegtes Buch wurde - „Katrina Came Calling“. Wie es die Legende will, forderten bereits die Leser des Blogs den Autor auf: „Mach einen Comic draus. Bitte!“ Ungefähr zur selben Zeit war das SMITH Magazine – eine Storytelling-Website – auf der Suche nach Personen, die Katrina miterlebt hatten und bereit waren, darüber zu erzählen. SMITH-Herausgeber Larry Smith, der sowohl Neufelds Comics wie auch seinen Katrina-Blog kannte, nahm in dieser Sache Kontakt mit dem New Yorker Zeichner auf. Zusammen legten sie die Grundlage für das, was nun als Webcomic und gedruckte Graphic Novel vorliegt – sie machten sich in New Orleans auf die Suche nach authentischen Geschichten: „Das lief über Freunde und Freunde von Freunden, die jetzt oder damals in der Stadt leben bzw. lebten, wir redeten mit Leuten von Hilsorganisationen, hörten uns Berichte aus dem Radio und dem Internet an, wir haben viel herumgefragt und uns vor Ort umgeschaut.“ Nachdem sie eine Liste von in Frage kommenden Personen zusammengestellt hatten, setzten sich Neufeld und Smith mit jeder einzelnen potentiellen Figur in Verbindung. Schließlich kamen sechs „main characters“ heraus.

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Als der Hurrikan sich der Küste nähert, heißt die große Frage: „Should I stay… or should I go?“

Da ist etwa der Comicsammler Leo und seine Freundin Michelle. Da ist etwa der Supermarkt-Besitzer Hamid und sein Freund Manzell. Da ist aber auch Denise, die ihre alte Mutter pflegt. Als sich der Hurrikan durch den Golf von Mexiko auf die Küste zubewegt, werden sie alle vor die Entscheidung ihres Lebens gestellt: „Should I stay… or should I go?“. Neufeld nähert sich den Ereignissen in drei Schritten. Aus der Vogelperspektive zieht zunächst die ganze Geschichte am Betrachter vorbei, wie sie in den Medien zu sehen war: Satellitenfotos vom Hurrikan, Bilder von der Stadt und ihren Bewohnern vor und nach der Flut. Im zweiten Schritt geht es um die einzelnen Personen und ihre Schicksale. Der Comicsammler Leo etwa verlässt die Stadt noc rechtzeitig und bekommt die eigentliche Katastrophe nur im Fernsehen mit. Hamid und Manzell verbarrikadieren sich in ihrem Supermarkt und werden von den steigenden Wassermassen eingeschlossen. Denise und ihre alte Mutter fliehen in das bereits von tausenden Menschen belagerte „Convention Center“. Doch Neufeld verfolgt die dramatischen Ereignisse nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dann gibt es wieder einen Schnitt. Der abschließende Teil der Graphic Novel („Picking up the Pieces“) wird aus der Rückschau erzählt. “Das ist für mich der interessanteste Teil“, so Neufeld. „Haben die Leute sich wieder in ihrem Leben einrichten können? Wie denken sie jetzt über New Orleans?“

„A.D. New Orleans“ gehört eindeutig zu den wichtigsten Graphic Novels der „Nuller Jahre“

Graphisch orientiert sich Neufeld an der Ligne Claire, wie sie von Tim&Struppi-Zeichner Hervé erfunden wurde. Farbe wird allerdings nur sehr sparsam eingesetzt – die Dramaturgie setzt auf gezielte Effekte. Die Tage vor der Flut sind in einem Gelbton gehalten, die Goldene Zeit von New Orleans, dem Untergang geweiht. Der Anmarsch des Sturms ist in grünlicher Farbe gehalten, noch machen sich die Bewohner Hoffnung, Katrina würde vorbeiziehen. Als die Lage sich zuspitzt, Gewalt und Anarchie ausbricht, wechselt die Farbe in ein bedrohliches Rot. Das allerletzte Panel ist dreifarbig – man bekommt es allerdings nur in der gedruckten Fassung zu sehen, der Webcomic endet etwa nach der Hälfte des Epilogs. Auch wenn wir hier bei E-Book-News sind: Die Printversion ist tatsächlich ein Must-Have – neben Spiegelmans Nine-Eleven-Verarbeitung „In the Shadow of no Towers“ dürfte „A.D. New Orleans“ zu den wichtigsten Graphic Novels zur Geschichte der „Nuller Jahre“ sein. Eine deutsche Fassung gibt es noch nicht, doch auch die englische Version lässt sich mit durchschnittlichen Sprachkenntnissen leicht lesen. Die Taschenbuch-Ausgabe ist ab Sommer 2010 bei Amazon für 12,99 Euro lieferbar, die gebundene Ausgabe gibt’s aktuell für 17,99 Euro. Auf ähnliche Weise wurde beim SMITH Magazine übrigens auch schon eine andere Graphic Novel äußerst erfolgreich vermarktet: „Shooting War“ von Anthony Lappe und Dan Goldman.

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Josh Neufeld,A.D. New Orleans after the Deluge,
Pantheon Books New York (2009),
17,99 Euro (geb. Ausgabe)

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