Multimedial, aber nicht sehr mobil: Elektronisches Lesen auf dem iPad im Praxis-Test

iPad-als-E-Reader-ibooks-bestseller-testbericht.gifDas iPad ist ein Tablet PC, besitzt aber auch E-Reader-Qualitäten. Mit iBooks hat Apple dem großen Bruder des iPhones eine komfortable E-Bibliothek spendiert. Zusätzliche Apps erschließen iPad-Nutzern die ganze Palette des elektronischen Lesens -- vom E-Comic bis zu E-Mag & E-Newspaper. Doch kann ein Multimedia-Tablet wirklich mit klassischen Lesegeräten konkurrieren? E-Book-News hat die Basisversion des iPad (16 GB/WiFi) getestet.

Das iPad zeigt, wie Multimedia auf dem E-Reader aussehen könnte

Multimedia auf dem E-Reader? Für viele Deutsche ist das ein klarer Fall. Einer Emnid-Umfrage aus dem Frühjahr 2010 zufolge möchte über die Hälfte potentieller Käufer einen eReader „als multimedial einsetzbares Kommunikationsgerät verwenden”. Das elektronische Papier ist aber noch nicht ganz soweit. Erst 2011 dürften Produkte mit stromsparender und blendfreier Farb-Darstellung den Massenmarkt erobern. Somit steht im Mittelpunkt des E-Lese-Hypes zur Zeit Apples iPad. Glaubt man aktuellen Studien von Statista.com, könnte das neue Tablet mit 9,7-Zoll-Display binnen kurzem zum meistgenutzen E-Reader avancieren. Dabei sprechen die technischen Daten eher dagegen: das hintergrundbeleuchtete LED-Display ist bei direktem Sonnenlicht kaum benutzbar, der Akku reicht nur für ca. 10 Stunden Betrieb, und das Gewicht liegt mit 680 Gramm (bzw. 730 Gramm für die 3G-Versionen) deutlich über anderen Lesegeräten. Teuer ist das iPad obendrein -- das „magische Gerät zu einem revolutionären Preis“ (Apple-Werbung) schlägt bereits in der Basisversion (WiFi+16 Gigabyte Speicher) mit 499 Euro recht tief ins Kontor. Doch wir wollten es wissen, und zückten am Tag des iPad-Starts die Kreditkarte. Die Gravis-Webseite reagierte zwar etwas träge -- doch die Bestellung wurde aufgenommen. Nach zehn Tagen klingelte der UPS-Mann an der Bürotür. Inklusive Lieferung kostete uns die Sache 504 Euro.

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Wie es sich für ein Touch-Screen-Gerät gehört, gibt’s beim iPad kaum Schaltknöpfe

Die Art der Verpackung inszeniert das iPad als ähnlich unkompliziertes Gerät wie iPhone oder iPod Touch: öffnet man den Karton, blickt man direkt auf das Tablet, es wird nur durch eine Klarsichtfolie geschützt. Darunter befindet sich ein schmaler Umschlag mit Start-Informationen, dann kommen noch ein kurzes USB-Kabel und ein Steckdosen-Adapter hinzu. Das war’s.
Wie es sich für ein Touch-Screen-Gerät gehört, hat auch das iPad kaum Schaltknöpfe. Direkt unter dem Display befindet sich der „Home“-Button, mit dem Apps in Richtung Desktop verlassen werden. Am oberen Rand ist der Ein- und Ausschaltknopf, am rechten Rand ein Lautstärke-Regler und die Arretierung für den G-Sensor. Mit ihr kann die automatische Bildschirmausrichtung unterdrückt werden. Ansonsten gibt es noch eine Kopfhörerbuchse sowie ein kleines Mikrophon oben links. Der Anschluss für USB/Stromnetz ist wie gewohnt an der unteren Kante. Wer genau hinschaut, wird rechts daneben noch kleine Gitterchen erkennen -- dahinter verstecken sich die Lautsprecher.

„Plug&Play“ à la iPad: ohne USB-Verbindung keine Freischaltung

Eigentlich könnte man das iPad jetzt sofort in Betrieb nehmen, gilt es doch als ein vollwertiger PC in Tablet-Form. Das iPad ist aber ein ironischerweise ein „Plug&Play“-Gerät im wahrsten Sinne des Wortes. Man muss erst eine USB-Verbindung zu Laptop oder Desktop herstellen und das iPad via iTunes freischalten. Dazu sollte die neueste iTunes-Version 9.1 installiert sein, sonst wird das iPad vom System nicht richtig erkannt. Außerdem braucht man natürlich ein gültige iTunes-Account. Die ganze Prozedur hat allerdings auch Vorteile -- die Multimedia-Bibliothek wird zwischen den beiden Computern synchronisiert. Ab jetzt verfügt man tatsächlich über ein mobiles Endgerät, das sich per WLAN mit dem Internet verbindet. Und natürlich über einen E-Reader. Fehlt nur noch der elektronische Lesestoff. Bei der Synchronisierung werden bereits vorhandene E-Book-Apps für iPhone oder iPod Touch auf das iPad übertragen. Sie lassen sich problemlos öffnen -- etwa Lars Reppesgards Buch über das „Google Imperium“, das wir bei textunes gekauft hatten. Grundsätzlich keine schlechte Adresse -- mehr als 1000 sehr schön gemachte E-Book-Apps gibts dort mittlerweile. Standardmäßig werden auf dem iPad die „alten“ iPhone-Apps aber nur in einem iPhone-großen Fenster geöffnet. Die Ansicht lässt sich zwar auf die volle Bildschirmgröße des iPads skalieren, doch sieht das Schriftbild dann arg pixelig aus. Etwas besser gefiel uns das Ergebnis bei E-Comics, z.B. bei der Star Trek-Countdown-Reihe von idw. Doch wirklich befriedigend ist das nicht. Immerhin ermöglichen Anbieter wie textunes oder idw, vorhandene E-Books & E-Comics mit der optimierten E-Reader-App für das iPad kostenlos upzudaten. Allerdings muss man die einzelnen Titel zuvor per In-App-Shopping gekauft haben. Wer direkt im App Store shoppen war, geht leider leer aus.

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iBooks bietet kommerzielle Titel, aber auch kostenlosen Lesestoff aus dem Public Domain-Bereich

Der Königsweg zum ersten echten E-Book für das iPad läuft ohnehin über iBooks. Das virtuelle Bücherregal wertet die E-Bibliothek deutlich auf -- vor allem, wenn die E-Books ein richtiges Cover mitbringen. Die Lektüre via Touch-Screen funktioniert äußerst intuitiv. Hält man die E-Reader-App im Querformat, hat man den Eindruck, ein aufgeschlagenes Buch vor sich zu haben. Das animierte Umblättern verstärkt das Look&Feel des analogen Lesens. Doch auch sonst kann sich iBooks sehen lassen. Apples iTunes für Bücher ist schließlich auch eine virtuelle Buchhandlung. Momentan wird man dort jedoch nicht unbedingt jeden aktuellen Titel erhalten können. Anders als etwa in den USA sind hierzulande noch längst nicht alle großen Verlage mit im iBoot. Bedenken sollte man natürlich auch, dass via iBooks geshoppte Titel nur auf dem iPad lesbar sind. Eine iBooks-Version für iPhone bzw. iPod Touch gibt es noch nicht. Wer kopiergeschützte E-Books auf verschiedenen mobilen Geräten nutzen will, sollte eher auf die Kindle App für das iPad setzen. Sehr viele deutsche Titel gibt es im Kindle-Store freilich bisher auch nicht. Am besten haben es zur Zeit noch Klassiker-Freunde. Dank der Kooperation zwischen Apple und Project Gutenberg gibt es nämlich immerhin mehr als 30.000 kostenlose Public Domain-Titel. Dieselben Ressourcen nutzt übrigens auch eine App namens vBookz, die man für 4,99 Euro im App Store herunterladen kann. Im Unterschied zu iBooks bringt vBookz dafür eine Text-to-Speech-Funktion mit -- auf Wunsch kann man sich die E-Books von einer synthetischen Männer- oder Frauenstimme vorlesen lassen.

Die eigentliche Stärke des iPads als E-Reader liegt bei grafisch aufbereiteten Online-Inhalten

Längeres Lesen auf dem iPad ist allerdings anstrengend. Das liegt nicht nur am hintergrundbeleuchteten Display, sondern auch am Gewicht des Gerätes. Die meisten E-Reader wiegen zwischen 170 und 200 Gramm -- man kann sie längere Zeit in der Hand halten, ähnlich wie ein Taschenbuch. Bei fast 700 Gramm geht freihändig gar nichts mehr. Nicht zufällig wurden in den Promo-Videos Personen gezeigt, die sich auf dem Sofa lümmeln und Apples Tablet dabei auf den Knien balancieren. Das scheint die optimale Leseposition zu sein, es sei denn, man verfügt über die offizielle iPad-Bücherstütze. Auch die Mobilität wird durch das Gewicht stark eingeschränkt -- anders als etwa Sony Reader oder Kindle steckt man das iPad nicht so einfach mal in die (Um-)Hängetasche. Relativ schnell hatten wir den Eindruck: Das iPad ist in erster Linie ein Multimedia- und Surftablett für den Gebrauch zu Hause oder im Büro. Gerade dort, wo es um grafisch aufbereitete Online-Inhalte geht, kann das Gerät seine Stärken ausspielen. Aufwändig gestaltete Apps von Publikationen wie der New York Times, von Focus oder Wired bieten tatsächlich ein völlig neues Leseerlebnis. Auch als E-Comic-Reader kann Apples Tablet punkten -- mit dem 9,7-Zoll-Display entspricht es ohnehin genau dem Format amerikanischer Comichefte. Ob Marvells Superheroes, Mawils Supahasi oder die franko-belgischen Klassiker -- kein Gadget dürfte sich momentan besser für elektronische Bildergeschichten eignen. Wer jedoch vor allem E-Books bequem unterwegs lesen möchte, ist bis auf weiteres mit einem leichten und kleinen E-Ink-Gerät am besten bedient -- und das zu einem weitaus günstigeren Preis.

iPad 16 GB-Version mit WiFi -- Specs

  • Display: 9,7-Zoll hintergrundbeleuchtete LED
  • Auflösung: 1024x768
  • Interner Speicher: 16/32/64 Gigabyte
  • Prozessor: 1 Gigahertz Apple A4
  • Gewicht: 680 Gramm (WiFi-Version)
  • Akkulaufzeit: ca. 10 Stunden
  • Unterstützte E-Book-Formate: epub (mit/ohne Kopierschutz)
  • Schnittstellen: USB, Bluetooth, WiFi, 3G
  • Preis: 499 Euro (Home of Hardware)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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