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[Leseprobe] Mitten in der Hölle liegt das Paradies: „Rußatem“ von Hubert Wiest

11 Feb 2017 0 Kommentare

russatem-wiest-introJaikong, Anno Domini 2048: Die große Kuppel ist ein wahres Paradies, 50 Millionen Menschen leben dort im Einklang mit der Natur — doch nicht umsonst lautet der Titel von Hubert Wiests neuem Jugendroman ja „Rußatem“. Das Paradies der Zukunft hat nämlich seine Schattenseiten. Um den hohen Energieverbrauch auf der Insel der Seligen zu stillen, lebt der Rest der Stadtbewohner in fünf Industrieringen rund um das Zentrum. Die Entfernung zum Zentrum bestimmt die Lebensqualität: Je weiter draußen, desto schmutziger die Luft, und desto geringer die Lebenserwartung. Deswegen kommt für die 17jährige Kalana und ihren Freund Quinn der letzte Schultag unter der Kuppel einem schweren Schock gleich: da ihre schulischen Leistungen nicht ausreichend waren, sollen sie für alle Zeiten aus dem Paradies verbannt werden – Ziel: dritter Industriering. Kalana kann das nicht akzeptieren. Sie beginnt deshalb, gegen die Ungerechtigkeit des Systems zu kämpfen. Kann sie auch Quinn auf ihre Seite bringen? Eine atemlose Suche nach Freiheit beginnt… Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Hubert Wiest, Rußatem

Fünfter Industrie-Ring, Jaikong, 17. Oktober 2048

Obwohl die im Boden eingelassenen Pfeile kaum zu erkennen waren, mussten wir ihnen folgen. Alles andere wäre viel zu gefährlich gewesen. Eine rußige Schicht hatte sich über die Markierungen gelegt. Es war nicht dieser feine Staub, den man mit einem Atemzug fortpusten konnte. Nein, dieser Dreck klebte wie Zinksalbe. Ruß flirrte durch die Luft. Es war, als würde man fein gemahlene Kohle atmen. Ich konnte keine fünf Meter weit sehen. Die Umrisse der Fabrikhallen hatten sich längst im Smog aufgelöst.
Ich schob meinen Luftfilter zur Seite und hustete in das Tuch, das früher einmal weiß gewesen sein musste. Vor ein paar Wochen hätte mich der gelbe Schleim, der sich mit jedem Husten aus meinem Hals löste, noch beunruhigt. Jetzt war ich froh, dass sich noch kein Blut daruntergemischt hatte. Nach ein paar Jahren hier draußen würde das kommen. Es kam immer. Die durchschnittliche Lebenserwartung im fünften Industrie-Ring betrug dreißig Jahre. Ab heute würde mein Leben im Zeitraffer vorgespult werden.
Mit tänzelnden Schritten, die Staub wie von kleinen Explosionen aufwirbelten, ging Gloria einen halben Schritt vor mir. Ihr Overall hatte den Schnitt eines Kartoffelsacks, nur um die Taille von einem Gürtel zusammengehalten. Trotzdem wackelte sie wie auf ei nem Laufsteg und schlenkerte mit den Armen. Gloria drehte sich zu mir um und lächelte.
„Wir schaffen es bestimmt, Kalana. Wir kommen hier wieder raus. Vertrau mir!“, sagte sie und nickte, als könnte sie mich damit überzeugen.
Ich antwortete wortlos mit dem spöttischen Lächeln, das ich im Schauspielunterricht gelernt hatte. Wir waren gerade erst im Fünften angekommen. Da gab es keinen schnellen Weg zurück. Gloria versprühte ihren Optimismus doch nur, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. Weil ich ihr vertraut hatte, deswegen hatten sie uns in den Fünften verbannt.
„Lass dich nicht unterkriegen!“
Ich nickte, damit Gloria Ruhe gab. Niemals hätte ich mich auf sie einlassen sollen. Sie war eine von zwei Personen, denen ich besser nicht begegnet wäre. Gloria legte mir ihre Hand auf den Arm.
„Bitte sei mir nicht böse.“
„Mmhh.“
Gloria musste husten. Mit einem Tuch wischte sie sich übers Gesicht, verschmierte dabei ihren Eyeliner. Schwarz gefleckt wie eine Kuh sah sie jetzt aus.
Ich räusperte mich, versuche meinen Rachen frei zu bekommen. Dieser Frosch im Hals war eine verdammte Kröte. Ich atmete ganz flach, um weniger Dreck in die Lungen zu bekommen. Klappte natürlich nicht. Ein Blick auf das Aerometer um mein Handgelenk zeigte einen Air Quality Index von 3500. Schon seit Jahrzehnten wusste man, dass ein Wert über 300 verdammt ungesund war. Obwohl erst Vormittag war, leuchtete mein Aerometer hellrot: zu viel Dreck eingeatmet. Ich hasste mein Aerometer, als wäre es für den Dreck verantwortlich.
„Ich glaube, dort drüben ist sie, die Filterreinigungsfabrik von Bo.“
Gloria strahlte, als würde sie den Hauptgewinner einer Lotterie verkünden. Sie hatte wirklich einen Knall.
Noch schlimmer als Gloria war nur Quinn. Eigentlich war alles seine Schuld. Dabei war er einmal so et- was wie mein Freund gewesen, hatte ich gedacht. Eigentlich sogar ein bisschen mehr, hatte ich gehofft. Warum wollte er mich sonst auf dem Abschlussball küssen? Es war erst ein paar Monate her, aber es fühlte sich an wie in ferner Vergangenheit. Es war eine andere Welt, in der wir damals lebten, in Jaikong unter der großen Kuppel, nicht hier draußen in einem der verdammten Industrie-Ringe.
Ich fuhr mir übers Gesicht. Ich wollte nicht, dass Gloria meine Tränen sah. Ich hatte eine Scheißangst. Jetzt war mein Gesicht wahrscheinlich genauso verschmiert wie ihres. Ich tastete nach dem hellblauen Plas- tik-Spielzeugroboter in meiner Overalltasche. Mit dem Zeigefinger fuhr ich sein Lächeln nach. Ich wollte mir ein wenig von seiner Zuversicht borgen. Aber heute wollte es nicht klappen. Ich holte den kleinen Kerl heraus. Sein eingestanztes Lächeln strahlte mich unverdrossen an. Er hatte nur einen Arm. Ich hatte ihn gleich am ersten Tag bei Plastic Fantastic mitgehen lassen.
„Pack das gestohlene Ding weg! Wir können uns nicht noch mehr Ärger leisten“, zischte Gloria.
Ich wusste, dass sie meinen kleinen Roboter bescheuert fand.
Seufzend steckte ich ihn zurück in die Tasche. Eigentlich war mir alles egal.

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Autor & Copyright: Hubert Wiest

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