Moby Dick 2.0, oder 50.000 mal Miau: „National Novel Generation Month“ simuliert Literaturproduktion

Kein Tag ohne Zeile – okay. Doch eine Zeile pro Tag, das reicht beim „National Novel Writing Month“ nicht aus. Ziel des internationalen Schreibwettbewerbs ist es schließlich, zwischen dem 1. und dem 30. November einen Roman mit 50.000 Worten auf den Bildschirm zu werfen. Nicht nur im stillen Kämmerlein – die Plattform nanowrimo.org funktioniert wie eine Art Social Writing Software, die nicht allein akribisch die Worte mitzählt, sondern auch in regelmäßigen Abständen „Trophy Badges“ vergibt, also so eine Art digitale Pokale, und zahlreiche automatisch generierte Statistiken zum Scheibprozess veröffentlicht. Trotzdem zu anstrengend? Na gut, es gibt eine Alternative…

„In punkto Content schreiben wir nichts vor“

Seit 2013 hat sich im Windschatten der zuletzt mehr als 300.000 menschlichen Marathon-Schreiber nämlich ein weiterer Wettbewerb etabliert: der „National Novel Generation Month“ bzw. NaNoGeMO“ – hier sind kreative Programmierer gefordert, um artifizielle Literatur mit Hilfe von Algorithmen zu erzeugen (siehe die Einsendungen des ersten Durchgangs). Einzige Regel: es müssen am Ende 50.000 Worte dabei herauskommen. „In punkto Content schreibe ich gar nichts vor“, so NaNoGeMo-Initiator Darius Kazemi gegenüber Dazeddigital. „Es könnte sich auch um 50.000 Wiederholungen des Wortes ‚Miau‘ handeln, und würde trotzdem zählen. Die Form der Textgenerierung ist auch ziemlich offen – man kann Ausschnitte aus existierenden Texten neu zusammensetzen, selber Worte faken, was auch immer“.

Kazemi, der u.a. clevere Nonsense-Apps programmiert, die dann etwa Reverse-OCR betreiben, in regelmäßigem Rhythmus zufällige Artikel bei Amazon einkaufen oder Überschriften neu kombinieren, hat auch schon im letzten Jahre eine „eigene“ Geschichte beigesteuert – „Teens Wander Around a House“. Material lieferte dazu eine Datenbank mit Traumprotokollen von Teenagern, angereichert mit Twitter-Konversationen. Der Text beginnt:

„Geraldine, Dorotea, Thea, Susette, Cristionna, and Tonia found themselves dropped off at the same party at the same time by their respective mothers. How awkward.“

Lesbar, lustig, aber auch preisverdächtig?

Ist der Code erst geschrieben, dauert die Romanproduktion in silico im Idealfall nicht länger als ein E-Book-Download bei Amazon – so schaffte es 2013 z.B. ein Autor noch, seinen Beitrag zum NaNoGeMo in den letzten zwei Stunden vor Ablauf des Wettbewerbs „from scratch“ zu generieren – siehe die sehr lustig zu lesende Nonsens-Geschichte „I Got a Alligator for a Pet“. In diesem Fall ähnelt der Text eher klassischen Cut-Up-Gedichten, wie sie von Tristan Tzara bis David Bowie schon immer gerne mit Schere, Papier und einer Portion Zufall aus dem Hut gezaubert wurden. Die „Novel“ startet mit den Zeilen:

I don’t remember starting anything ..
i love a good opinionated tweet
I am a master of the metal string
Imagine Dragon’s album on repeat.

Während die von Menschen gemachten Romane des Original-Wettbewerbs auch schon des öfteren bei einem traditionellen Verlag landeten – siehe Sara Gruen’s „Water for Elephants, Rainbow Rowell’s „Fangirl“ oder sogar Hugh Howeys „Wool“, dürfte die Computer-Prosa wohl sehr lange auf diesen Moment warten müssen. Ganz ausschließen kann man’s natürlich nicht, und auch Kazemi bleibt gespannt: „50.000 Worte Unsinn sind ziemlich einfach herzustellen, ich persönlich interessiere mich vor allem für Generierung von Dingen, die man verstehen kann.“ Das müsse am Ende keine perfekte Simulation von Herman Melville sein – er hoffe auf einen „Code, der so fremdartige Romane erzeugt, dass sie uns alleine durch ihre Andersartigkeit in Erstaunen setzen.“

(Via Dazeddigital.com)

Abb.: Flikr1267/Flickr (cc-by-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".