Mehr als Buchstaben: Junge Leser wünschen laut Emnid-Umfrage Multimedia auf dem E-Reader

ipad tablet e-book e-reader emnid umfrage.gifKurz vor dem iPad-Start hat TNS Emnid Umfrageergebnisse zum Thema Elektronisches Lesen veröffentlicht. Verblüffendes Resultat: Apples Tablet ist den Bundesbürgern schon vor dem Start vertrauter als E-Reader von Sony oder Amazon. Multimedia ist offenbar bei mobilen Gadgets Trumpf: Mehr als achtzig Prozent der Befragten wollen sich in Zukunft kein reines Lesegerät anschaffen. Immerhin gab aber ein Prozent an, bereits einen E-Reader zu besitzen – das wären auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet mehr als 500.000 Geräte.

Die Deutschen kennen E-Reader vor allem aus den Medien – und bleiben skeptisch

Der PC mag der am häufigsten genutzte E-Reader sein – der bekannteste ist Apples iPad. Zugleich ist das Tablet natürlich das am wenigsten genutzte Lesegerät – erst Ende April werden es die ersten deutschen Leser in die Hände bekommen. Die aktuelle Umfrage von TNS Emnid ist äußerst aufschlußreich: offenbar hat erst der mediale Hype um iPad & iBooks das Thema Elektronisches Lesen ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Der nächstbekannte E-Reader nach dem iPad ist Amazons Kindle – dieses Gerät dürfte in Deutschland vor allem durch Medienberichte über das Kindle-Fieber in den USA bekannt geworden sein. Auf Platz Drei kamen die Sony-Reader, und damit die einzigen Lesegeräte, die wirklich schon seit einem Jahr auf dem Markt sind. Die Deutschen bleiben digitaler Lektüre gegenüber skeptisch – mehr als zwei Drittel sehen sowohl Vor- als auch Nachteile. Für das Marketing bleibt nicht nur deshalb noch viel zu tun: denn mehr als 60 Prozent der Befragten haben überhaupt keinen E-Reader erkannt, als man ihnen Produktfotos zeigte.

Deutschlands Sonderweg in punkto E-Books hat vor allem ökonomische Gründe

Das E-Leseland als Terra Incognita – auch die niedrigen Verkaufszahlen von E-Books spiegeln diesen Missstand wider. Deutschland geht hier nicht nur im Vergleich zu den USA, sondern auch zu Ländern wie Großbritannien, Frankreich oder Spanien einen Sonderweg. Das dürfte weniger kulturelle als ökonomische Gründe haben. Denn dass es einer Buchpreisbindung für E-Books bedürfe, fiel der deutschen Buchhändler-Lobby just in dem Moment ein, als zum ersten Mal nennenswerte Absätze mit digitalem Lesestoff zu erwarten waren. Die Zunftzwänge der Gutenberg-Galaxis wurden per Copy-Paste in das drahtlose Zeitalter übertragen. Kompliziertes Digital-Rights-Management und eine marktverzerrende Hochpreis-Politik der Verlage haben ihr übriges getan, um viele Leser zum Verzicht auf elektronische Bücher zu bewegen. Immerhin sind viele aktuelle Titel aus den Bestseller-Listen mittlerweile als E-Book lieferbar – im Bereich von E-Newspaper und E-Comics bleibt Deutschland allerdings auch weiterhin ein Entwicklungsland.

Jüngere Leser wollen laut Emnid lieber „multifunktionale Endgeräte“

Was Deutschland jetzt braucht, ist offenbar echte „Vaporware“ – Technik, die das Leseland unter Dampf setzt. Diese Rolle könnten en passant die neuen Tablet-PCs spielen. Emnid zufolge würden nämlich „über die Hälfte der Kaufplaner einen eReader als multimedial einsetzbares Kommunikationsgerät verwenden“. Dazu gehört neben dem Lesen auch das Verfassen und Versenden von Texten, Foto- und Videofunktionen sowie das Telefonieren. Gerade für die Generation der unter 30-jährigen trifft das offenbar in besonderem Maße zu: „Insbesondere jüngere Zielgruppen formulieren deutliche Ansprüche in Richtung eines multifunktionalen Endgerätes, die die Leistungen des gerade erschienenen iPads sogar noch übertreffen“, so Emnid-Studienleiterin Claudia Knoblauch. Deswegen habe sich die „bloße digitale, monofunktionale Abbildung eines Buches“ bisher nicht durchgesetzt.

Amazons Kindle zeigt: E-Reader können sich am Markt behaupten – wenn es günstige E-Books gibt

Diese Begründung ist aber wohl kaum zu halten – denn in den USA ist mit Amazons Kindle schließlich ein solches „monofunktionales“ Gerät äußerst erfolgreich – und zwar vor allem deshalb, weil es eine große Auswahl an günstigen E-Books gibt. Hierzulande verkauft sich Amazons Klassiker dagegen nur schleppend, denn es gibt kaum deutschsprachigen Content. Rein technisch haben Kindle wie auch Sony-Reader durchaus das Potential für einen Massenmarkt. Vergessen darf man schließlich nicht: gerade Vielleser sind mit einem kontraststarken, blendfreien E-Ink-Display weitaus besser bedient als mit hintergrundbeleuchteten Tablet-Screens. Nicht umsonst stellte ja auch Emnid fest, viele Nutzer würden das fehlende „Buch-Gefühl“ bei E-Books kritisieren. Diese Differenzerfahrung wird sich beim Lesen auf dem Tablet eher noch vergrößern. Elektronisches Papier mit seinen schwarz-weißen Letternwüsten mag vielleicht gerade keinen Hype-Faktor mehr besitzen – es bleibt aber die technisch und auch ergonomisch avancierteste Form des elektronischen Lesens. Die eigentliche Stärke von iPad, WePad & Co. dürfte dagegen eher auf dem Gebiet der multimedial aufbereiteten Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre liegen.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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