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[e-book-review] „Meconomy“ statt “Ich-AG”: E-Book-Ratgeber für Deutschlands kreative Klasse

26 Jan 2010 Ansgar Warner 8 Kommentare

meconomy-e-book-bestseller-markus-albersBestseller-Autor Markus Albers setzt auf Direkt-Publishing: sein neues Buch“Meconomy” erscheint bei textunes exklusiv als E-Book. Wie passend – schließlich formuliert der ehemalige Vanity-Fair-Redakteur darin das Selbständigkeits-Credo der bundesdeutschen Creative Class. Beim Personal Branding macht ihm jedenfalls niemand was vor: Sony liefert den neuen E-Reader PRS 300 Pocket Edition mit „Meconomy“ als Give-Away aus.

Der pragmatische Grund für die Variante E-Book-Only: Geschwindigkeit

Man könnte Markus Albers den deutschen Chris Anderson nennen. Ähnlich wie bei Andersons Bestseller „Free“ ist mit dem Erscheinen von“Meconomy” die grundsätzliche These des Buches bereits bewiesen. Wenn auch mit etwas anderen Mitteln. Dem Chefredakteur des Wired-Magazins ging es darum, die Marketing-Möglichkeiten von zeitweise kostenlos angebotenen E-Books zu demonstrieren. Das Buch des ehemaligen Vanity-Fair-Redakteur Albers gibt es zwar nicht umsonst – doch dafür wohl als ersten Titel eines prominenten deutschen Autors nur in elektronischer Form. Lesen kann man „Meconomy“ im epub-Format oder via textunes-App auch auf iPhone und iPod Touch. Dieser Ansatz stützt auch ganz praktisch die These vom mobilen, flexiblen und selbstbestimmte Arbeiten der Digital Natives. In den Worten des Autors: „Das Buch erscheint als E-Book, gerade weil es davon handelt, dass wir heute viele klassische Institutionen nicht mehr brauchen, sondern Dinge heute selbst in die Hand nehmen können. Ich suche mir meine Leser selbst, ohne großen Verlag oder Buchhandlungen im Rücken“. Es gab jedoch noch einen pragmatischeren Grund für die Variante E-Book-Only: Geschwindigkeit. „Mein Verlag hätte bis zum kommenden Herbst gebraucht – also fast ein Jahr. Die Thesen sind aber jetzt aktuell.“ Eine Print-Ausgabe ist natürlich für später nicht ausgeschlossen. Vom Preis-Leistungsverhältnis her dürfte aber die E-Book-Ausgabe aus Autorensicht unübertroffen bleiben: “Mich hat das Buch bisher einen niedrigen vierstelligen Betrag gekostet. Dafür verdiene ich pro verkauftem Exemplar zwischen 4 und fast 10 Euro”, so Albers auf schreibermag.de. Um den “Break even-Point” zu erreichen, müsse er etwa 300 bis 500 Exemplare verkaufen: “Danach ist alles Gewinn”.

Parallel zum E-Book wurde die Website Meconomy.me freigeschaltet

Doch was machen überhaupt Journalisten, die ein Sachbuch schreiben wollen? Ganz einfach – sie führen Interviews mit Leuten, die sich auskennen. Für Meconomy hat Albers insgesamt 20 Experten für die Arbeitswelt der Zukunft interviewt, darunter PR-Blogger und Unternehmensberater Klaus Eck, Glücksforscher Wolff Horbach und den Social-Media Experten Johannes Kleske. Und nicht zu vergessen natürlich: Wired-Chefredakteur Chris Anderson. Auf der parallel zum E-Book-Start freigeschalteten Webseite meconomy.me kann man diese Gespräche ausführlich nachlesen. Vorangestellt sind dem Buch zehn Thesen zur neuen Arbeitswelt. „Wir verbringen nicht mehr den Großteil unseres Lebens in Büros. Dieser veränderte Arbeitsalltag ergibt sich vor allem durch technologische Neuerungen und durch sie kristallisieren sich auch alternative Berufsfelder heraus. Weil Wissen, Fähigkeiten und Geschäftsmodelle immer schneller veralten, müssen wir uns permanent neu erfinden“, heißt es da etwa in These Nummer Drei.

Easy Economy, das hieß ganz einfach: weniger Zeit im Büro verbringen, bessere Work-Life-Balance

Wer Albers Bestseller „Morgen komm ich später rein“ schon kennt, dem wird das nicht wirklich neu vorkommen. Denn was dort mit dem Etikett „Easy Economy“ versehen wurde, ging schon in dieselbe Richtung: „Wir arbeiten hart. Wir arbeiten lang. Wir arbeiten im Büro. Freizeit ist ein exotisches Fremdwort. Dabei wissen wir ganz genau, dass uns jenseits des Alltagstrotts die besten Ideen kommen. Immer mehr Angestellte haben daher das Gefühl, außerhalb ihres Büros effizienter zu arbeiten“. Das war Mitte 2008 – Albers hatte da längst seinen Arbeitsplatz als Managing Editor der deutschen Ausgabe von Vanity Fair gegen das Leben als freier Autor eingetauscht. Den Lesern versprach er dagegen eher einen Mittelweg zwischen den Extremen: also weder jeden Tag Nine-to-Five-Job noch den Sprung in die komplette Unabhängigkeit. Easy Economy, das hieß ganz einfach: weniger Zeit im Büro verbringen, mehr Spaß, mehr Freizeit, eine bessere Work-Life-Balance. Doch dann kam die Finanz- und Wirtschaftskrise. Und plötzlich war alles gar nicht mehr easy…

Auch Meconomy wendet sich an die digitale Bohème

Ging es vorher um eine Option unter vielen, wird die Selbständigkeit nun zum Rettungsanker. „Meconomy“ ist eine trotzige Antwort auf die Krise: „Wir müssen nicht nur unser Leben stärker in die Hand nehmen, wir können es auch“. Allerdings können nicht alle Menschen „global mobil“ werden und dank „Personal Branding“ im weltweiten Wettbewerb um Arbeitskräfte mithalten. Man braucht eine „gute Ausbildung, Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, kulturelle Offenheit, Neugier und Glauben an die eigenen Fähigkeiten“. Mit anderen Worten: „Meconomy“ wendet sich ähnlich wie Holm Friebes und Sascha Lobos Manifest „Wir nennen es Arbeit“ an die „digitale Bohème“.
Allerdings sind die Zwischentöne deutlich düsterer geworden – es geht nicht nur um Potentiale, sondern auch um ein potentielles Problem. Die neue Arbeitswelt, so prophezeit Albers wohl nicht ganz unberechtigt, wird die Gesellschaft in der Mitte spalten. Und bei allem Zweckoptimismus: selbst ob die Mehrheit der neuen Selbständigen rein ökonomisch am Ende wirklich besser dasteht als vorher, ist eher zweifelhaft. Übersetzt man ein hippes Wort wie „Meconomy“ mal wieder zurück ins Deutsche, kommt man der momentanen Realität für die Mehrheit der „Arbeitskraft-Unternehmer“ wohl etwas näher – und diese Realität heißt „Ich-AG“.

Ist Deutschland wirklich auf die Creative Class vorbereitet?

Doch das sieht Albers letzlich auch so – um die Chancen der „Meconomy“ zu nutzen, werden wir nicht nur hart arbeiten müssen, wir werden auch hart an unseren Fähigkeiten arbeiten müssen. Zum Glück gibt’s aber genügend technische Hilfmittel – fortbilden kann man sich mittlerweile auch per Youtube oder iTunes. Und wie gewohnt gibt Albers selbst auch einige Tipps zum Thema “Lifehacking” und “GTD” (“Getting Things Done”). Eigentlich sollte man so etwas schon in der Schule lernen. Doch leider ist unser Bildungswesen ist mit dem Schritt zum Life long learning noch etwas überfordert. Deutschland scheint nicht wirklich darauf vorbereitet zu sein, dass bald mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer zur Kreativen Klasse gehören, wie es der US-Sozialwissenschaftler Richard Florida prognostiziert. Das zeigt sich auch beim Thema Absicherung: Nur mit der kleinen, feinen Künstlersozialkasse kommt man wohl nicht weiter. Der „Sozialstaat für die Generation Facebook“ braucht eine flächendeckende Lösung – Albers denkt da wie viele andere an das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens. Doch was ist mit dem Versprechen, nicht nur machen zu können, was man will, sondern vor allem auch, wann und wo man will? Das gilt bis auf weiteres nur in den Ballungsgebieten. Bis auch das flache Land vom Breitband-Internet profitieren kann, werden noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Die Unter-Dreißigjährigen müssen sich aber trotzdem keine Sorgen machen, den Zug zur Meconomy zu verpassen: „Interessanterweise scheint sich die etwas ältere Generation der zwischen 30- und 45-jährigen die neuen Arbeitsprinzipien schneller anzueignen“, schreibt Albers. Und bietet auch hier selbst das beste Beispiel – schließlich ist er Jahrgang 1969.

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Markus Albers,
Meconomy. Wie wir in Zukunft arbeiten werden,
und warum wir uns jetzt neu erfinden müssen.

textunes (2010), Preis: 9,90 Euro (epub)

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Markus Albers,
Morgen komm ich später rein. Für mehr Freiheit in der Festanstellung.
Campus Verlag (2008), Preis: 16,10 Euro (epub)

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