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Mata Hari mit Smartphone: SPOL twittert Jennifer Egans Roman „Black Box“ in 600 Folgen

Was ist die ideale Fortsetzung des Fortsetzungsromans? Spiegel Online scheint die Antwort zu kennen: ein getwitterter Fortsetzungroman in 600 Folgen à 140 Zeichen. In diesem Fall „Black Box“ von Jennifer Egan – ab heute abend kann man jeweils zwischen 20 und 21 Uhr den neuen Folgen … nun ja, folgen eben, und zwar über das Twitter-Profil @SPIEGEL_rezens. Die um eine „Mata Hari mit Smartphone“ kreisende Spionage-Story ist für den Microblogging-Dienst genau die richtige Wahl. Schließlich darf die Pulitzer-Preisträgerin Egan als ein echtes Kind der Postmoderne gelten. Schon zu Uni-Zeiten hatte sie Dates mit einem gewissen Steve Jobs, der ihr einen Macintosh in der Studentenbude installierte. Irgendwie schlug sich diese frühe mediale Prägung dann auch in ihrer Literatur nieder – Egans letzter Roman „A Visit from the Goon Squad“ (dtsch. „Der größere Teil der Welt“) enthält z.B. ein Kapitel, das als eine Serie von PowerPoint-Folien formatiert erscheint.

Autoren-Notiz an sich selbst

„Verschiedene meiner langfristig angelegten Interessen in Sachen Fiktionalität kommen bei Black Box zusammen“, schrieb Egan im letzten Jahr über ihr Projekt in einem Artikel für den New Yorker. „So etwa Geschichten, die in Listenform daherkommen, Geschichten, die scheinbar unabsichtlich erzählt werden, die Notizen des Autors an sich selbst nutzen“. Über den Twitter-Account der künstlerisch ambitionierten Gazette wurde damals dann auch schon die englische Fassung von Black Box gezwitschert (siehe Intro-Bild), wenige Tage danach erschien ein Vorabdruck in der Print-Ausgabe. Ein Blick auf das Manuskript zeigt, wie Egan beim Schreiben des Romans vorgegangen ist – sie nutzte ein japanisches Notizbuch, das auf jeder Seite 8 umrandete weiße Rechtecke enthält, quasi Mini-Karteikarten.

„Poetisches Potential der 140 Zeichen“

Anfänglich, so Egan, sei die Story doppelt so lang gewesen, ein Jahr lang habe sie sich bemüht, das Material zu überarbeiten und vor allem zu kürzen. Völlig neu ist die Idee eines Twitter-Romans natürlich nicht. Für das E-Mag Electric Literature hat etwa Rick Moody bereits 2009 einen Kurzroman in 160 Folgen gewittert („Some contemporary characters“). Trotzdem fand Egan einen erneuten Anlauf die Mühe wert: „Die Idee hat immer noch viel Potential – etwa durch die Intimität, mit der man die Leute auf ihren Smartphones erreicht, und wegen der seltsamen Form von Poesie, die mit 140 Zeichen möglich wird.“ Abgesehen davon ist der Fortsetzungsroman in 600 Folgen natürlich auch eine hervorragende Werbung für „Black Box“ – die deutsche Übersetzung startet nämlich am Mittwoch als Hardcover und E-Book, ab 1. Oktober gibt’s dann auch die Hörbuch-Fassung.

Abb.: Screenshot

Über Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".