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[e-book-review] Mash it like Mozart: Generation Remix braucht neu abgemischtes Urheberrecht

16 Mai 2014

Schon Mozart war ein Mashup-Wizard: „Er remixte Bach. Er mashte ihn, er fledderte die toten Noten und schuf etwas Neues“, so der Blogger Malte Welding. Heutzutage würde Amadeus mit dieser Methode als Rock-Idol wohl Probleme mit der GEMA bekommen. Denn auf die digitale Wiederkehr der Generation Remix ist das Urheberrecht nicht vorbereitet – neue Loops aus alten Songs zu sampeln, kann vor dem Kadi enden. Covern dagegen ist erlaubt: „Mit freundlichen Grüßen“, Heino. Dass der blonde Barde unlängst Nena, Rammstein oder die Sportfreunde Stiller nachklampfte, mag den Popikonen zwar nicht gepasst haben, doch es war vollkommen legal, und sie haben sogar daran mitverdient.

Remix als juristisches Vabanquespiel

Nachmachen wird belohnt, anders machen bestraft? Wo soll denn dann das Neue herkommen? Der von irights.info herausgegebene Sammelband zum Thema „Generation Remix“ passt sehr gut in die Zeit. Denn nicht für Künstler, für die Digital Natives überhaupt ist der kreative Umgang mit vorgefundenem Material aus dem Web zum einen ganz normaler Alltag, zum anderen aber, wie Till Kreutzer es in seinem Beitrag „Remix-Culture und Urheberrecht“ beschreibt, ein ständiges „Vabanquespiel“: „Für (Laien-)Urheber, die ihre Mashup-Videos oder Remixe bei Facebook, Youtube oder Tumblr veröffentlichen, bieten die Regelungen der Paragrafen keine gesicherte Rechtsgrundlage“. Somit lautet die berechtigte Forderung: die Prosumer bzw. Produser brauchen ein neues Urheberrecht, das „transformative Werknutzungen“ nicht mehr zwangsläufig bestraft.

Jäger & Sampler gab’s schon zu Grammophon-Zeiten

Loops und Sampling gab es schon, als Grammophon-Nadeln über Schellackplatten kratzten, zeigt Georg Fischer in seinem Artikel „Von Jägern und Samplern. Eine kurze Geschichte des Remix in der Musik“. Den ganz normalen Irrsinn unserer Tage beschreibt Lawrence Lessig dagegen im Vorwort seines Buches „Remix. Making Art and Commerce Thrive in the Hybrid Economy“, das Ilja Braun für den Remix-Band ins Deutsche übersetzt hat. In den USA werden sogar Mütter mit Millionenklagen bedroht, wenn sie Amateurvideos tanzender Kleinkinder bei Youtube hochladen – nur weil im Hintergrund kaum hörbar ‚Let’s go Crazy‘ von Prinz aus dem Radio krächzt. Doch auch erwachsene John Lennon-Fans brauchen manchmal eine Genehmigung von multinationalen Konzernen, wenn sie für eine Performance „Working Class Hero“ singen möchten.

Dabei könnte man doch froh sein, dass die Töchter und Söhne der 68er der Gewalt gegen Personen und Sachen abgeschworen haben. Ihre Respektosigkeit gilt heutzutage nur noch dem Content. Alles, was noch gebrochen wird, ist der Kontext – die Demokratisierung der Remix-Kultur führt dazu, dass virale Videos sogar das Seniorenmedium Fernsehen aufmischen, wie Dirk von Gehlen in seinem Beitrag zum Sammelband zeigt. Höchste Zeit, solche Internet-Meme endlich als allgegenwärtige „Volkskunst“ zu verstehen, die sich genauso wenig kontrollieren lässt wie oral vagabundierende Ostfriesenwitze.

„Alles ist Remix“ – und das lohnt sich sogar

Wie schizophren die aktuelle Situation ist, zeigen nicht nur zahlreiche Interviews mit Künstlern wie DJ Bionic, Zoe.Leela, Bruno Kramm oder Christian von Borries, die die zweite Hälfte des Bandes füllen. Sondern erst recht die Interviews, die nicht zustandegekommen sind. Denn fast alle remixen, aber fast niemand will es offen zugeben. „Wir haben es hier mit dem größten Generationenkonflikt seit der 68er-Bewegung zu tun”, bringt es Ben Stiller auf den Punkt. Niemals zuvor sei eine bestimmte Bevölkerungsgruppe (Digital Natives) aufgrund der technologischen Entwicklung derart anders als der Rest sozialisiert worden. Doch immerhin, es gibt Hoffnung. Am Ende, das legt der „Bonus-Track“ von Leonhard Dobusch nahe, könnte die Einsicht „Alles ist Remix“ vielleicht durch die unsichtbare Hand des Marktes vermittelt werden: denn Studien aus den USA weisen darauf hin, dass im Musikbereich sich auch die Originale gesampelter Songs besser verkaufen.


Generation Remix
– Zwischen Popkultur und Kunst
(hrsg. von Valie Djordjevic, Leonhard Dobusch)
E-Book (epub, Kindle) 5,99 Euro
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