„Es gibt nur zwei Extreme: Sprechen oder Schweigen“: Schattenlicht-Autor Martin Bühler im Interview

martin-buehler-schattenlicht-autor-im-interviewAm Anfang stand ein Dachbodenfund: als Martin Bühler sein Elternhaus entrümpelte, entdeckte er in einer Holzkiste ein Manuskript. Plötzlich hielt der Autor die Lebensgeschichte seines verstorbenen Vaters in den Händen, die von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit reicht. Was sein Vater Matthias Bühler nie jemandem erzählt hatte – hier stand es (siehe auch die E-Book-News-Leseprobe). Inzwischen haben diese Geschichten zahlreiche Leser fasziniert: Martin Bühler hat die Tagebücher unter dem Titel „Schattenlicht“in eine Romantrilogie verwandelt. Der gerade erschienene Teil 3 von „Schattenlicht“führt an die „Stunde Null“ und in die frühe Nachkriegszeit. Wir sprachen mit Martin Bühler über die Hintergründe von Schattenlicht – und über die Chance, mehr über eine verschwiegene Generation zu erfahren.

E-Book-News: Wie ist die Idee entstanden, aus den Aufzeichnungen Ihres Vaters einen Roman zu machen – und wie haben Sie die richtige Form dafür gefunden?

Martin Bühler: Als ich die Aufzeichnungen unerwartet fand, war ich vom ersten Moment an von den Geschichten gefesselt. Mir war klar, dass ich ein Stück deutscher Zeitgeschichte in den Händen hielt, die auch der Nachwelt erhalten bleiben sollte.
Was die Form angeht, so erhoffte ich mir, mit einem Roman mehr Menschen erreichen zu können als mit der Tagebuchform. Zugleich war mir sehr wichtig, dass es authentisch blieb. Darum habe ich ganz bewusst die Sprache, den Stil meines Vaters beibehalten.

Solche Aufzeichnungen bieten die Chance, eine Lebensgeschichte aus neuer Perspektive kennen zu lernen. Wie hat sich ihr eigenes Bild von Ihrem Vater durch die Arbeit am Roman verändert?

Gerade bei der Kriegsgeneration gibt es ja eigentlich nur zwei Extreme. Die einen sprechen nur über die erlebten Kriegsjahre, die anderen schweigen komplett zu diesem Thema. Mein Vater gehörte eher zu den stillen, verschwiegenen Menschen. Er verarbeitete das Erlebte eben, indem er sein Tagebuch schrieb. Die Sicht auf meinen Vater hat sich insoweit verändert, dass mir früher in jungen Jahren überhaupt nicht bewusst war, was diese Generation geleistet hat. Heute bedaure ich, dass ich nicht viel mehr über diese Jahrzehnte mit meinem Vater gesprochen habe.

In Form des Romans konnten auch viele andere Leser die Lebensgeschichte von Matthias Bühler miterleben. Wie erklären Sie sich das große Interesse, auf das diese Geschichten stoßen?

Interessanterweise, so finde ich, lesen viele junge Menschen „Schattenlicht“. Das hätte ich bei der ersten Veröffentlichung nicht gedacht. Ich glaube, dass das Interesse an geschichtlichen Hintergründen aus der damaligen Zeit zunehmen wird. Gerade weil diese Generation, die noch darüber berichten kann, langsam ausstirbt.

Der jetzt neu erschienene dritte Teil von „Schattenlicht“ beginnt in dem Moment, als der Krieg endet. Was war für Sie der überraschendste Eindruck, den Sie durch Schattenlicht über die frühe Nachkriegszeit gewonnen haben?

Meine Generation (Jahrgang 1973) kennt zum Glück keinen Krieg. Eigentlich dachte ich immer, dass es bei Kriegsende der Bevölkerung recht schnell besser ging. Genau das war aber nicht der Fall, sondern es folgten nach Kriegsende weitere schwierige Jahre.


Zum Inhalt:
Teil 1 von „Schattenlicht“beschreibt Kindheit und Jugend in Balzhausen, einem Dorf auf der schwäbisch-bayerischen Hochebene, aber auch die Folgen der “Machtergreifung” in der Provinz, die Lehrjahre in einer Kemptner Gärtnerei, und endet mit dem schockierenden Erlebnis der “Reichskristallnacht” in Stuttgart.
In Teil 2 von „Schattenlicht“geht die Erzählung weiter – und damit auch Matthias Bühlers Kampf gegen die sozialisierenden Instanzen: mühsam und gegen den Willen der Eltern macht Bühler noch nach Kriegsbeginn sein Abitur, es gelingt ihm sogar, ein paar Semester Chemie zu studieren, dann wird er endgültig zum Fronteinsatz eingezogen, zunächst nach Norwegen. Doch als sein NS-kritisches Tagebuch in die falschen Hände gerät, wird er strafversetzt an die Ostfront.
Teil 3 beginnt, als der Krieg endet – Matthias Bühler kehrt 1945 wie durch ein Wunder unversehrt nach Balzhausen zurück…

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Martin Bühler, Schattenlicht – Biografischer Roman (Teil 3)
E-Book (Kindle) 2,99 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".