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[e-book-review] “Marke Eigenbau”, made in USA – Cory Doctorows “Makers” ist Open Source-Sci-Fi

22 Dez 2009 Ansgar Warner 3 Kommentare

Makers Doctorow E-Book Bestseller Machine to build everthing.gif“Makers” heißt der neue Sci-Fi-Roman von Boing-Boing-Blogger Cory Doctorow. Die Cyberpunk-Story über das Amerika der nahen Zukunft liest sich fast wie die Romanform von “Marke Eigenbau”. Wie es sich für einen Digital-Rights-Aktivist gehört, gibt es die E-Book-Version von Doctorows Roman als kostenlosen Download im Netz. “Makers” macht seinem Namen alle Ehre: Die Creative Commons-Lizenz erlaubt nämlich sogar die Veränderung der Story.

Geld verdienen mit “abstrusen Fantasien von Web-Kommunisten”?

Aus der Sicht des Springer-Vorstandschefs Döpfner wäre so jemand wie Cory Doctorow wohl einer jener “verirrten Web-Kommunisten mit abstrusen Fantasien“. Einer von jenen, die nicht einsehen wollen, das Qualität auch im Netz immer etwas kosten muss. Muss es? Der kanadische Star-Blogger hat einen Weg gefunden, gegen DRM-Beschränkungen bei E-Books zu protestieren und gleichzeitig noch Geld damit zu verdienen. Der Mitgründer von BoingBoing.net ist nämlich ganz einfach selbst zum Romanautor geworden – und nutzt für seine Sci-Fi-Geschichten den Gratis-Download als Marketing-Instrument. Bereits das 2003 veröffentlichte “Down and out in the Magic Kingdom” stellte der Digital Rights-Aktivist unter einer Creative Commons-Lizenz, die in diesem Fall nicht nur die Weitergabe, sondern auch die Veränderung ermöglichte: “The license agreement
gives you even more rights than you get to a regular book. Every word of it is a gift, not a confiscation. Enjoy”, fordert Doctorow seine Leser auf. Die haben sich daran gehalten und produzierten nicht nur verschiedene Übersetzungen und eine Audio-Version, sondern spannen die Story sogar in einer Art Fan-Fiction weiter. Im Gegenzug verlangte Doctorow von den Nutzern: “Read the book. Tell your friends. Review it on Amazon or at your local bookseller”. Auch diese Rechnung scheint aufzugehen – mit der Hardcover- und Paperpackausgabe konnte er erstaunlich hohe Umsätze erzielen.

“It will make dotcom look like a warmup for the main show”

Vor allem die Kombination Blogger & Autor scheint sich zu lohnen: Mit dem Roman “Little Brother” schaffte Doctorow es im letzten Jahr sogar bis auf Platz acht der NYT-Bestsellerliste. Ging es bei “Little Brother” um das Thema Terrorismus und Einschränkung der Bürgerrechte, so steht im aktuellen Roman “Makers” ein neues Wirtschaftsmodell im Vordergrund – eine industrielle Revolution, die sozusagen in einer Bastler-Garage ihren Anfang nimmt. Gleich nach der nächsten US-Finanzkrise kauft ein britischer Investor namens Kettlewell die Reste von Kodak und Duracell auf. Mit Gadgets wie einem 3-D-Druckers, einer Art “Machine to build everything”, entwickelt von den Tüftler-Nerds Lester & Perry, soll das gesamte Wirtschaftsleben umgekrempelt werden. Wenn man so will, ist “Makers” die Romanversion von Holm Friebes “Marke Eigenbau” – schließlich kann mit dieser Maschine jeder Konsument zum Produzenten werden. “It will make dotcom look like a warm up for the main show”, verspricht Investor Kettlewell nicht umsonst – und plant, beim Startup KodaCell überhaupt nur noch Bastler-Genies einzustellen. Schließlich gibt es noch genug andere Ideen, die man nur umsetzen müsste:

“Jeder mäßig begabte Profi kann heutzutage alles mögliche zusammenbauen, ohne große Kosten. Nur hat niemand darüber nachgedacht, alle Konstrukteure zu einem Netzwerk zusammenzufassen, und ihnen ein ganz bestimmtes Ziel zu geben”.

Die eigentliche Heldin der Geschichte ist aber (wen wundert’s) eine Bloggerin namens Suzanne Church, die von Anfang an für die Netz-Community über das “KodaCell”-Projekt berichtet.

Kann der 3-D-Drucker auch eine Kalaschnikow ausdrucken?

Wie (fast) jede Revolution wird auch die Verwirklichung der schönen neuen Arbeitswelt bald von den Kräften der Reaktion gehörig ausgebremst – im zweiten Teil des Romans tritt nämlich der scheinbar übermächtigen Disney-Konzerns als böser Business-Troll auf. Neben Hollywood spielt Disney auch sonst eine wichtige Rolle in den Doctorowschen Zukunftswelten. In “Makers” kann die Corporation die Gerichte davon überzeugen, dass mit dem 3-D-Drucker auch AK-47-Sturmgewehre für die Urban Guerilla in den amerikanischen Vorstädten produziert werden können – ein echtes Killer-Argument. Wer wissen will, ob die Garagen-Hacker es im dritten und letzten Teil von “Makers” doch noch schaffen, den kulturindustriellen Komplex zu besiegen, dem bleiben verschiedene Alternativen: Doctorow selbst bietet Plaintext, PDF- und HTML-Versionen zum kostenlosen Download an. Weitere Links auf der Download-Seite verweisen auf “Fan-Conversions”, darunter epub-, Mobi-, Kindle- und weitere Formate. In die Audio-Book-Version, gelesen von Bernadette Dunne, kann man bei Random House hineinhören. Die Paperback-Version kostet bei Amazon 15,95 Euro.

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