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Print-Only, lieferbar ab 2114: Sci-Fi-Autorin Margaret Atwood setzt auf die Leser der Zukunft

16 Sep 2014

In Zeiten von Digital First gilt es fast schon als Sakrileg, wenn ein Roman nicht sofort weltweit elektronisch lieferbar ist – erst recht aber, wenn Autoren auf Print Only setzen. Diese Erfahrung musste zuletzt Stephen King machen, sein bewusst rein holzmediales Projekt „Joyland“ brachte die halbe Branche auf die Barrikaden. Im Vergleich zu Margaret Atwoods neuestem, noch namenlosen Schreibprojekt war jedoch selbst dieses Experiment mit der Geduld der Leser nur eine Petitesse. Denn bevor wir das Buch aus der Feder der Grande Dame feministischer Science-Fiction – bekannt etwa durch „The Handmaid’s Tale / Der Report der Magd“ – lesen können, werden die meisten von uns längst unter der Erde liegen, die Autorin inklusive.

Bis in das Jahr 2114 wird dieser Text nämlich unter Verschluss gehalten – es ist das Gründungsdokument einer gerade im Aufbau befindlichen „Future Library“ („Framtidsbiblioteket“) , ins Leben gerufen von der schottischen Künstlerin Katie Paterson in Kooperation mit der norwegischen Stadt Oslo. Jahr für Jahr, als eine Art literarische Jahresringe, wird bis 2114 ein weiterer Autor ein Werk hinzufügen. Apropos Jahresringe:

Genauso, wie die Leser dieser Bibliothek erst geboren werden müssen, soll auch das Holz, das man dann zur Papierherstellung nutzen wird, erst in den nächsten 100 Jahren wachsen – zu diesem Zweck wurden im Nordmarka-Wald 1000 Bäume gepflanzt. Wer möchte, kann jetzt schon ein Zertifikat erwerben, das den Bezug der kompletten Edition garantiert. Nachhaltiger geht’s wohl kaum: „This project, at least, believes the human race will still be around in a hundred years“, so Atwood über das Langzeit-Projekt.

Sammeln will man die Texte im speziellen, holzvertäfelten Kabinett einer öffentlichen Bibliothek, deren Neubau in Oslo bis 2018 errichtet werden soll. Teil dieser literarischen Zeitkapsel wird übrigens auch eine Druckerpresse sein – falls die traditionelle schwarze Kunst bis dahin im Verlauf der Digitalisierung komplett verloren gehen sollte. Als Autorin sieht Atwood in diesem Extrembeispiel eines Publish-it-later-Projekts übrigens auch einen ganz besonderen Vorteil: „First of all, I will not have to deal with the critics. Think of that.“

(via The Guardian & NPR)