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Das Leben hat andere Pläne: Heike Fröhling, „Liebe ist kein Duett“ [Leseprobe]

28 Okt 2016 2 Kommentare

fro%cc%88hling-liebe-ist-kein-duett-kindleshopWovor sich noch fürchten, wenn man schon das Wichtigste verloren hat?: Viel Zeit zum Trauern bleibt Carolin nicht, als ihr Verlobter stirbt. Die Heldin in Heike Fröhlings neuem Roman „Liebe ist kein Duett“ muss sich als alleinerziehende Mutter von vierjährigen Zwillingen durchs Leben schlagen. Aus finanziellen Zwängen beginnt die junge Musikerin wieder als Lehrerin zu arbeiten, und plötzlich begegnet ihr Patrick, Trompeter und ebenfalls Musiklehrer. Für eine Beziehung hat Querflötistin Carolin eigentlich weder Zeit noch Sinn — und doch wächst vorsichtig etwas in ihr: die leise Hoffnung auf einen Neuanfang. Doch kann das klappen!? Denn wie gesagt: „Liebe ist kein Duett“. Unsere Leseprobe führt an den Beginn des verschlungenen Weges zum neuen Familien-Quartett. Weitere Details verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle-Shop.


Heike Fröhling, Liebe ist kein Duett

Kapitel 1

»Das Leben muss weitergehen.«
Carolin wusste nicht, wie oft sie sich über diesen Spruch schon geärgert hatte. Er war so sinnlos wie die Aufmunterungen:
»Du wirst dich neu verlieben.«
»Du bist doch jung und hübsch.«
Wenn sie in den Spiegel sah, fühlte sie sich alt. Die Augenringe waren so dunkel, dass sie jedem Gothic-Fan Konkurrenz machen konnte.
»Du musst dich für die Kinder zusammennehmen« war noch so ein Spruch. Und eben »Das Leben muss weitergehen«. So sehr sie die Redensart hasste, dieser Tag würde unter genau diesem Motto stehen. Das Leben musste weitergehen. Wenn sie das Haus nicht verlieren wollte, brauchte sie Geld. Die privaten Musikstunden in den letzten Monaten reichten nicht, um die Ausgaben zu decken. Deshalb hatte sie sich für die Festanstellung in der nahe gelegenen Musikschule beworben. Die Jungs waren im Kindergarten und hatten inzwischen Ganztagsplätze bekommen.
Soweit die Vernunft, doch gegen Schmerz und Unsicherheit half keine Logik. Sebastian fehlte und es gab noch immer keinen Tag, an dem sie ihn nicht vermisste. Nun war es die Trauer, die sie begleitete und die sie vor anderen geschickt verbarg, um niemanden zu belasten. Sie wünschte, er wäre da – nicht, um ihr die Jungs abzunehmen, sondern um sie seine Umarmung spüren, seinen Geruch riechen und sein »Und jetzt los!« hören zu lassen.
Carolin wollte sich ihre Unruhe nicht anmerken lassen und versuchte, ihre Gedanken an Sebastian wegzuschieben.
Wo blieb ihr Vater? Sie blickte die Straße hinab. Kein Auto fuhr vorbei, bei dem Wetter gingen nicht einmal die Hundebesitzer freiwillig aus dem Haus, dabei war für die zweite Tageshälfte eigentlich strahlender Sonnenschein angesagt worden. Sie drückte die Wahlwiederholungstaste, um ihren Vater zu erreichen. Er hatte zugesagt, auf die Jungs aufzupassen.
Endlich hörte sie ein Klicken in der Leitung. »Papa! Wo bist du denn?«
»Ich hänge im Stau. Vollsperrung nach einem Unfall. Das wird nichts mehr.«
»Kannst du nicht einfach die nächste Ausfahrt nehmen? Irgendwo von einem Rastplatz über einen Feldweg zur Landstraße kommen?«
»Lukas und Finn sind vernünftig. Nimm sie mit. Sie stören doch niemanden.«
Wenn du wüsstest, dachte Carolin und schluckte. Das fing gut an, ihr erster Tag an der Musikschule. Dabei war es noch kein regulärer Arbeitstag, an dem sie selbst vor Schülern stand, sondern eine Feier zum Einstand nach den Sommerferien. Die neuen Kollegen sollten sich und ihre Instrumente vorstellen, das hieß, auch sie sollte ein paar Worte sagen und das geübte Querflötenstück möglichst fehlerfrei vortragen, um sich nicht gleich am ersten Tag zu blamieren. Die Aussicht, die Zwillinge dabeizuhaben und ihre Konzentration zwischen Musik und Kindern aufteilen zu müssen, war alles andere als rosig.
»Da kann man wohl nichts machen. Trotzdem danke.« Sie verabschiedete sich und legte auf.
Die Jungs saßen in ihren Schlafanzügen auf dem Teppich. Sie waren in das Playmobil-Spiel versunken und genossen es, dass der Kindergarten heute wegen der vielen Norovirus-Erkrankungen geschlossen hatte.
»Hey, ihr dürft heute mit mir zur Musikschule kommen. Es gibt sogar Kuchen, Saft und Limonade. Und es wird gegrillt. Ihr mögt doch bestimmt Würstchen haben«, sagte sie. »Wer zuerst angezogen ist, hat gewonnen.«
Die beiden wechselten jene vielsagenden Blicke, die niemand außer ihnen deuten konnte. Sie brauchten nicht viel zu diskutieren oder zu reden, sondern sahen sich an wie zwei Katzen, die stumm einen Kampf um ihre Rangordnung austrugen.
»Wo ist Opa?«, fragte Finn. »Wir wollen in den Tierpark. Das hast du versprochen.«
»Jungs. Bitte. Es ist für Mama wichtig.« Carolin kam sich lächerlich vor. Wer sprach von sich selbst in der dritten Person? Sooft sie sich vornahm, mit dieser albernen Angewohnheit aufzuhören – es war zwecklos, dagegen anzukämpfen. Jedes Mal fiel es ihr erst auf, wenn es bereits ausgesprochen war.
»Okay.« Sie gab sich einen Ruck. »Opa kommt leider nicht. Er steht im Stau. Und noch mal zum Wettbewerb: Wer von euch in fünf Minuten angezogen ist und keinen Ärger macht, hat gewonnen.«
Ein Junge sah wie das Spiegelbild des anderen aus, als sie die Lippen aufeinanderpressten, die Arme verschränkten und demonstrativ die Köpfe wegdrehten. So schnell die Zwillinge sonst zu begeistern waren, jetzt wollten sie nicht. Und das zeigten sie überdeutlich. Carolin kam sich vor, als redete sie gegen eine Wand. Der Blick auf die Uhr steigerte ihre Unruhe. Sie konnte die beiden zwar zwingen mitzukommen, aber garantieren, dass sie sich gut benahmen, wenn sie schlechte Laune hatten und Streit suchten, das konnte sie nicht.
»Okay, wer das mit dem Anziehen schafft, der darf so lange fernsehen, wie er will, wenn wir zurück sind.« Das klang für die Zwillinge vielversprechend, auch wenn beide wahrscheinlich am Abend nach all den neuen Eindrücken sowieso in der ersten halben Stunde vor dem Fernseher einschlafen würden.
»Einen Film leihen?«
»Auch das.« Carolin stellte die Stoppuhr am Herd. »Also passt auf: Die Zeit läuft.«
Mit einem Schreien, das jedem Kriegsgeheul Konkurrenz machte, donnerten Lukas und Finn die Treppe hoch. Carolin sah das entnervte Gesicht der Nachbarin vor sich, die sich regelmäßig über den Lärm im Haus beschwerte, auch wenn sie gerade nicht an die Wand klopfte oder an der Tür klingelte.
Carolin packte ihre Utensilien in ihre große Handtasche: Notenständer, Querflöte, Feuchttücher, ihr Handy, um die Jungs damit zu beschäftigen, Kuscheltiere, etwas zum Trinken, Jacken für den kühlen Abend, Bilderbücher, Stifte und Papier. Mit dieser Menge an Gepäck hätte sie als Single einen Wochenendtrip überlebt.
Lukas und Finn polterten die Treppe hinunter. Es klang wie ein startender Jumbojet. Nun trat ein, was sie befürchtet hatte: Frau Lemke klopfte wütend gegen die Wand. Die Jungs blieben mitten in der Bewegung stehen und sahen Carolin betreten an. Doch nun war nicht die Zeit, sich darum zu kümmern.
»Kommt jetzt, wir müssen los«, sagte sie.
»Du bist nicht böse?«, flüsterte Lukas.
»Nein, warum sollte ich denn!«
»Wer ist Sieger?«
»Heute haben wir sogar zwei Gewinner.«
Das nachfolgende Geschrei übertönte das erneute Klopfen von Frau Lemke. Carolin seufzte.
»Danke. Du bist die liebste Mama der Welt. Ich will den Film …«, begann Finn und drückte sich an Carolins Bein. Sein Bruder tat es ihm nach. Beide stiegen ohne Protest ins Auto und ließen sich anschnallen. Diesmal artete ihre Unterhaltung, welcher Film der beste sei, nicht in Streit aus.
Eine Viertelstunde später parkte Carolin auf dem Besucherparkplatz der Musikschule. Sie stutzte beim Blick auf den verschmierten, dunkelbraunen Fleck auf ihrer weißen Jeans. Der Geruch war selbst auf die Distanz unverkennbar: Schokolade. Beim Telefonat mit ihrem Vater war die Hose noch sauber gewesen. Sie sah in den Rückspiegel auf die Gesichter der Jungs. Der mit Schokolade umrandete Mund von Lukas erklärte einiges.
»Wann hast du denn Schokolade gegessen? Wo hattest du die denn her?« Carolin kramte Feuchttücher aus ihrer Tasche und reichte sie zum Rücksitz. »Putz dir mal den Mund ab. Und meine ganze Hose ist versaut! Ach, verdammt!«
»Schokolade ist lecker. Und verdammt sagt man nicht. Das hast du gesagt.«
»Ich glaube nicht, dass … ach, lassen wir es.« Je kräftiger sie über den Stoff rieb, umso mehr verteilte sich der Klecks. Die Flüssigkeit vergrößerte ihn und ließ ihn auch noch dunkler erscheinen. Carolin stieg aus. Sie zog ihren Pullover aus, unter dem sie eine weiße Bluse trug. Es würde zwar kalt sein, war aber die einzige Lösung, die ihr im Moment einfiel. Den Pulli knotete sie seitlich um die Hüften und zurrte ihn nach vorn, bis er den Fleck verdeckte.

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Autor & Copyright: Heike Fröhling

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Liebe ist kein Duett
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Taschenbuch 8,99 Euro

2 Kommentare »

  • Ragle schrieb:

    zwei (vierjährige) Zwillinge? weißer Schimmel das …

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Danke, stimmt, das geht natürlich auch etwas knapper ;-)