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Macht die Vorlesefunktion des Kindle 2 Amazon zum Daten-Piraten?

1 Mrz 2009

Das Vorlesen von Büchern kann Copyright-Piraterie sein! Wer das bisher nicht glauben wollte, wurde letzte Woche eines besseren belehrt: Amazon will die automatische Vorlese-Funktion des Kindle 2 in Zukunft wieder deaktivieren. Begründung: Viele Autoren würden sich unwohl („uncomfortable“) bei dem Gedanken fühlen, dass die Roboter-Stimme ihre Bücher vorliest, ohne dass man sie um Erlaubnis fragt. Außerdem könnten die Verkaufszahlen von Audio-Books unter der Text-to-Speech-Funktion leiden. Klingt schwammig? Nun ja.

Für die Author’s Guild geht es bei Text-to-Speech um bares Geld: Kindle E-Books seien damit auch Audio-Books

Roy Blount jr. von der Author’s Guild hatte es kurz zuvor in der New York Times etwas deutlicher gesagt: „Kindle 2 can read books aloud. And Kindle 2 is not paying anyone for audio rights.“ Jedes E-Book auf dem Kindle sei im Grunde genommen ein E-Book mit integriertem Hörbuch. Und Hörbücher lassen die Kasse klingeln, auch bei den Autoren: „They are more valuable than e-book rights. Income from audio books helps not inconsiderably to keep authors, and publishers, afloat“.

Die gute Nachricht: Blinde und Eltern minderjähriger Kinder sind keine Daten-Piraten

Um nicht ganz schlecht wegzukommen, fügte der Autorensprecher schnell noch hinzu, für alle Blinden und Sehgeschädigten solle natürlich das Vorlesen in jeglicher Form weiterhin kostenlos sein. Und auch Eltern dürften ihren Kindern weiterhin Gutenachtgeschichten vorlesen. Nur eben bitteschön selbst, und nicht durch den Kindle. Auch wenn die Vorlesefunktion schon sehr ausgereift ist und angeblich sogar mit der Stimme von Tom Cruise aufwarten kann: Die argumentative Verknüpfung von Vorlesen und Copyright hat in manchem Techie-Blog für Erheiterung oder Stirnrunzeln gesorgt, und Amazon selbst hat gegenüber den Autoren juristisch keinen Rückzieher gemacht. Alles was man sagt ist letztlich: Wir schalten das Vorlese-Feature des Kindle 2 vorsorglich mal lieber ab. (Wie sich die Stimme ungefähr anhört, kann man übrigens hier erfahren)

Eigentlich sollte das Kindle2-Feature die Hör-Buch-Verkäufe von Amazon ankurbeln

So weit entfernt sind die Strategien Amazons aber offenbar gar nicht von den Gedankengängen der Autoren: „We ourselves are a major participant in the professionally narrated audiobooks business through our subsidiaries Audible and Brilliance“, sagt Amazon nämlich. Die Strategie der Vorlesefunktion war also wohl: „Wenn den Leuten das Zuhören Spass macht, werden sie am Ende auch mehr Audio-Books kaufen.“ Am Ende haben die Kindle-Macher sich also selbst überlistet. Sie mussten feststellen, dass sie mit dem neuen High-Tech-Feature schon mitten drin waren im Hörbuch-Geschäft. So ist das eben mit technischen Innovationen – sie werfen mitunter hergebrachte Konzepte über den Haufen. In welche Richtung sich das Verständnis bewegt, hängt natürlich von den (Verwertungs-)Interessen ab: Der deutsche Buchhandel etwa ging lange Zeit davon aus, E-Books seien mit echten Büchern nicht vergleichbar. Doch im letzten Herbst dehnte man schnell die Buchpreisbindung auf die mittlerweile erfolgreiche elektronische Variante aus. In ähnlicher Weise wird nun offenbar dank Amazons Text-to-Speech-Funktion auch das „Hörbuch“ zu einem äußerst dehnbaren Begriff.