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Longlist als Shortlist: Nur 6 Anwärter auf Deutschen Buchpreis als E-Book im epub-Format lieferbar

20 Aug 2010 Ansgar Warner 3 Kommentare

longlist-buchpreis-e-books-audiobooks-bestsellerDie Longlist ist da – zwanzig RomanautorInnen sind damit Anwärter auf den deutschen Buchpreis 2010. Darunter etwa Thomas Hettche (Die Liebe der Väter), Kristof Magnusson (Das war ich nicht) oder Alina Bronsky (Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche). Das Buchhandelsportal Libreka bietet aus diesem Anlass elektronische Leseproben zu allen 20 Longlist-Titeln an. Sechs Titel kommen im September in die Endauswahl (Shortlist), der Name des Preisträgers wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet. Als E-Book im epub-Format erschienen sind lediglich sechs der zwanzig nominierten Titel – Zufall oder Vorentscheidung?

Preisverleihung als Marketingaktion „bestsellersüchtiger Buchhandelsketten“?

Anderswo haben Buchpreise klingende Namen: Prix Goncourt oder Booker Prize etwa. Für Deutschland fehlte so etwas nach Ansicht des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Deswegen wurde im Jahr 2005 der „Deutsche Buchpreis“ ins Leben gerufen. Zur Jury gehören vor allem hauptamtliche Literaturkritiker, diesmal etwa Ulrich Greiner (Die Zeit) oder Julia Encke (FAZ), aber mit Ulrike Sander von der Osianderschen Buchhandlung auch eine Vertreterin der Sortimenter. Die Vorschläge für Nominierungen selbst stammen von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Von Schriftstellern und Journalisten gab es immer wieder mal Kritik an den „außerliterarischen“ Kriterien dieser Auswahl. Nach Ansicht der Kritiker handelt es sich um einen Marketingpreis, der „vor allem den bestsellersüchtigen Buchhandelsketten“ nütze. Mediale Aufmerksamkeit ist dem Auswahlverfahren gewiss, die Etappen zwischen Longlist, Shortlist und Siegerehrung während der Buchmesse liefern einen idealen Spannungsbogen. Doch wenn die Verlage wirklich an maximaler Reichweite ihrer Bestseller interessiert wären, hätte man wohl etwas mehr auf die elektronische Verfügbarkeit der Romane geachtet. Der Buchpreis ist aber offenbar kein E-Book-Preis. Denn nur sechs Titel aus der Longlist sind als E-Book im epub-Format lieferbar, zwei weitere lediglich als E-Book-App für iPhone und iPod Touch bei textunes. Ausschließlich als Hörbuch erhältlich sind zusätzlich zwei von zwanzig Longlist-Titeln. Nur bei Michael Köhlmeiers „Madalyn“ hat man die volle Auswahl: der Roman ist sowohl als epub wie auch auf Audio-CD zu haben.

Ohne E-Books wird die Popularisierung von Gegenwartsliteratur nicht gelingen

Die Einmauerung der Premium-Literatur im Bücherschrank der Gutenberg-Galaxis scheint Methode zu haben. Selbst von den bisherigen Preisträgern der seit 2005 verliehenen Auszeichnung „Deutscher Buchpreis“ sind nur zwei Titel auf dem E-Reader lesbar – Julia Francks „Mittagsfrau“ (2007) und Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ (2009). Das ist nicht nur eine äußerst magere Ausbeute, sondern für die Popularisierung von qualitativ hochwertiger Gegenwartsliteratur eine regelrechte Katastrophe. Und fast schon so absurd, als würde man aus Gründen der kulturellen Distinktion absichtlich Paperback-Ausgaben von Literaturpreisträgern verhindern. Für den Mangel an Hörbuch-Versionen mag es bei brandneuen Romanen, die erst seit Wochen oder Monaten auf dem Markt sind, technische und finanzielle Gründe geben. Für parallele E-Book- und Print-Auflagen gibt es solche Gründe jedoch nicht. Außerdem sind manche Titel wie etwa Kristof Magnussons „Das war ich nicht“ oder Mariana Leky „Die Herrenausstatterin“ bereits seit Anfang 2010 in die Regale gelangt. Viele Verlage sehen offenbar digitale Vertriebskanäle nur als Werbe-Plattform für verstaubte Printauflagen. Leseproben dienen als Appetizer, so wie jetzt bei Libreka, doch die komplette Ware gibt’s nur auf Papier. Die eigentliche Rolle von Verlagen und Buchhändlern müsste allerdings im 21. Jahrhundert die Verbreitung von Literatur sein, nicht die Verbreitung von gedruckten Büchern. Aber bis diese Einsicht wirklich angekommen ist, sollte man vielleicht doch erst mal einen Deutschen E-Book-Preis ausloben.


Die Longlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Alina Bronsky,
    Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
  • Jan Faktor,
    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Nino Haratischwili,
    Juja
  • Thomas Hettche,
    Die Liebe der Väter
  • Michael Kleeberg, Das amerikanische Hospital
  • Michael Köhlmeier,
    Madalyn
  • Thomas Lehr,
    September. Fata Morgana
  • Mariana Leky,
    Die Herrenausstatterin
  • Nicol Ljubić,
    Meeresstille
  • Kristof Magnusson,
    Das war ich nicht
  • Andreas Maier,
    Das Zimmer
  • Olga Martynova,
    Sogar Papageien überleben uns
  • Martin Mosebach,
    Was davor geschah
  • Melinda Nadj Abonji,
    Tauben fliegen auf
  • Doron Rabinovici,
    Andernorts
  • Hans Joachim Schädlich,
    Kokoschkins Reise
  • Andreas Schäfer,
    Wir vier
  • Peter Wawerzinek,
    Rabenliebe
  • Judith Zander,
    Dinge, die wir heute sagten
  • Joachim Zelter,
    Der Ministerpräsident

3 Kommentare »

  • newstube.de schrieb:

    Longlist als Shortlist: Nur 6 Anwärter auf Deutschen Buchpreis als E-Book im epub-Format lieferbar…

  • Elke schrieb:

    Lieber Ansgar,

    das wär doch ein Anlass, die 6 Anwärter in Rezensionen vorzustellen! Dann kann man sich doch ein genaueres Bild machen.
    Viele Grüße
    Elke

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Liebe Elke,

    eine hervorragende Idee! Die auch gleich in die Tat umgesetzt werden soll: habe gerade einen Auftrag an meine geschätzte Kollegin Maria Beranek gegeben – sie wird die E-Book-Anwärter in den nächsten Wochen (auf Honorarbasis, versteht sich) in unserer Rubrik “E-Bestseller” vorstellen. Bin schon mal gespannt auf das Ergebnis…

    Beste Grüße,

    Ansgar