Briefroman, natürlich per Post: Über Erzähl-Abos der anderen Art

autorenexpress-briefroman-im-aboViel spannender als rein digitale Schreib- und Storytelling-Konzepte sind nicht selten hybride Ansätze, die via Web wieder zurück ins Analoge führen. Auch wenn es sich dabei im Vergleich zu den bekannten App-Angeboten großer Verlage meist eher um Geheimtipps handeln mag, die (noch) kein sehr großes Publikum erreichen. Eher zufällig habe ich kürzlich zum Beispiel die Plattform „Autorenexpress“ entdeckt — bei der „Manufaktur für außergewöhnliche Literaturprodukte“ kann man Briefromane, Kurzgeschichten oder Gedichte per (Papier-)Post abonnieren.

Literatur im analogen Modus abonnieren

Verfasst, verpackt und versendet werden die „Literaturprodukte“ von Indie-Autorin Nessa Altura. Manche werden die Böblinger Kultur-Entrepreneurin vielleicht schon über ihre thematischen Kurzgeschichten-Sammelbände wie „Potz, Blitz & Eis“, „Muscheln, Mut & Meer“ oder „Zucker, Zeck & Zeppelin“ kennen, die u.a. im Kindle Shop erhältlich sind. Doch Altura betreibt mittlerweile auch eine ganz neue Vertriebs-Schiene: Statt die Shorties auf dem Reader zu lesen, kann man sie sich auch per Post zuschicken lassen — ein Jahr lang erhält man via „Luftpost“-Abo Monat für Monat eine neue Kurzgeschichte, illustriert und mit ein paar handschriftlichen Worten der Autorin versehen.

Fiktive Brieffreundin meldet sich

Noch interessanter finde ich das Konzept „PostFürSie! Ella meldet sich“ — ein über zwei Monate Woche für Woche fortgesetzer Brief- und Postkartenroman: „Ella meldet sich nach vielen Jahren bei ihrer alten Freundin – bei Ihnen, der Abonnentin von PostFürSie! Sie berichtet aus ihrem Leben, aber Sie müssen nicht antworten“, heißt es in der Produktbeschreibung. Ähnlich funktioniert „PostFürSie!Post aus Petersburg“ — hier melden sich über ein halbes Jahr vier Charaktere aus dem St. Petersburg von 1780.

Kunst des Briefeschreibens wiederbelebt

„PostFürSie“ zeigt natürlich auch, was bei all dem Gerede über „Content“ völlig aus dem Blick geraten ist: Literatur lebt vom Material genauso wie von der performativen Rahmung, erst recht natürlich ein „Briefroman“. Nessa Altura hat das sehr schön beschrieben: „Die Kunst des Briefe-Schreibens wird immer seltener, obwohl wir alle gerne persönliche Briefe empfangen. Die Erwartung, wenn wir den Briefkasten öffnen… die Überraschung, wenn sich darin ein so rar gewordener persönlicher Brief befindet. Die sorgfältige Betrachtung der Briefmarke, des Poststempels… die Vorfreude, die sich einstellt, wenn wir dem Umschlag herumdrehen und den Absender lesen…“, usw.

Handgeschrieben, oder jedenfalls fast

Wobei man natürlich sagen muss:„Handgeschrieben“ sind die fiktiven Briefe nicht, sondern in einer Schreibschrift-ähnlichen Fontart ausgedruckt. Dabei sitzt gar nicht so weit von Böblingen entfernt das Handschrift-2.0.-Startup Pensaki (siehe den E-Book-News-Artikel dazu), vielleicht ließe sich die Schreibarbeit auch von den flinken Robots mit Füller erledigen? Nur so eine Idee. Die technischen Möglichkeiten für solche zwischen analogem Endprodukt und digitalem Vertrieb pendelnden Literatur-Konzepte, so viel steht fest, werden jedenfalls immer vielfältiger.

PS: Wer „Luftpost“, „PostFürSie“ oder weitere Snail-Mail-Angebote von Autorenexpress.de testen möchte, kann sich auch eine Gratis-Probe schicken lassen…

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".